Russland: Merkel versucht Neubeginn beim schwierigen Nachbarn

Russland: Merkel versucht Neubeginn beim schwierigen Nachbarn

Bild vergrößern

Russian President-elect Dmitry Medvedev, right, greets German Chancellor Angela Merkel during their meeting outside Moscow, Saturday, March 8, 2008. (AP Photo/RIA-Novosti, Dmitry Astakhov, Pool)

Russlands frisch gewählter Präsident Dmitrij Medwedew gibt sich liberal und demokratisch. Doch sein Vorgänger Wladimir Putin kündigte beim Besuch der deutschen Kanzlerin gestern an, sein Nachfolger werde die nationalen Interessen des Landes nicht minder deutlich vertreten als er.

Ein wenig Schwermut liest sich aus Putins Gesichtsausdruck, als Angela Merkel die Frage eines Journalisten beantwortet: Nein, in Zukunft werde sie nicht Wladimir Putin anrufen, wenn sie etwas mit Moskau zu besprechen habe, sondern „einen anderen Mann“. Und zwar den Neuen im Kreml, Dmitrij Medwedew. Einer, der im Wahlkampf „echte Demokratie“ und weniger Staatseinfluss auf die Wirtschaft versprochen hatte. Ein Bilderbuch-Liberaler wie man ihn sich in Berlin, London oder Washington wünscht. Kurz: Der Hoffnungsträger des Westens. So scheint es jedenfalls.

Putins Anflug von Traurigkeit währt nicht lange. Ein paar Sekunden später hat sich der Kremlchef gefangen. Er setzt sein cooles Lächeln auf, das an den Schauspieler Daniel Craig in der James Bond-Rolle erinnert, und diktiert den Journalisten in die Blöcke: „Dmitrij Medwedew ist frei, seine liberalen Ansichten umzusetzen. Aber er ist nicht weniger ein russischer Patriot als ich es bin. Ich glaube nicht, dass es die Partner mit ihn einfacher haben werden.“ Das hat gesessen.

Anzeige

Dass die Bundeskanzlerin als erste ausländische Regierungschefin schon sechs Tage nach der haushoch gewonnenen Wahl nach Moskau fliegt, zeigt, wie sehr Deutschland auf einen Neustart in den bilateralen Beziehungen unter dem neuen russischen Präsidenten hofft. Der alte Kremlchef und die Kanzlerin pflegten zuletzt ein kühles Verhältnis: Merkel kritisierte Menschrechtsverletzungen, Putin verbat sich aber jegliche westliche Einmischung in innere Angelegenheiten. Der russische Präsident polemisiert gegen die USA und ihren Weltmachtanspruch, während Merkel stärker als ihr Vorgänger den transatlantischen Schulterschluss übte.

Heikles Thema Kosovo

Für Ärger sorgt derzeit die Kosovo-Frage: Deutschland hat die ehemalige serbische Teilrepublik als unabhängigen Staat anerkannt. Putin kritisiert dagegen in hitzigem Ton: „Dies ist ein sehr gefährlicher Präzedenzfall.“ Der Kosovo bleibt der einzige Streitpunkt. Und sogar zu solch heiklen Themen sagt Angela Merkel zweimal ganz allgemein: „Wir haben einen Weg gefunden, auch kritische Fragen zu erörtern.“ Alle Zeichen stehen auf Entspannung. Das ist neu. Auf Putins Datscha in Nowo-Ogarjowo tauschen die Partner allerlei diplomatische Zärtlichkeiten aus. Ob er seiner Frau am Morgen Frühstück gemacht habe, fragt die Kanzlerin den scheidenden Präsidenten beim Fototermin. „Frühstücken werde ich ja mit dir, aber ich habe ihr natürlich Geschenke bereitet.“

Im Anschluss an das Arbeitstreffen, bei dem inhaltlich nicht viel herauskommt, fährt Merkel auf Schloss Maiendorf. Das Anwesen an der Rubljowskoje-Chaussee, wo auch Ferrari- und Lamborghini-Fachgeschäfte für Moskaus Superreiche angesiedelt sind, gehört der russischen Präsidialverwaltung. Medwedew empfängt dort die Kanzlerin – vermutlich, weil er nicht mit einer repräsentativen Datscha wie der seines Vorgängers aufwarten kann. Noch nicht.

Der neue Präsident empfängt die deutsche Kanzlerin mit einem großen Blumenstrauß und seinem jugendlichen Lächeln. Die beiden sind zu einem Kennenlerngespräch unter vier Augen verabredet – ohne Putin. Die russische Führung will den Anschein erwecken, dass Medwedew, der in Moskau angesichts seines jungenhaften Gesichts als „Kinderüberraschung“ bezeichnet wird, eine von Putin unabhängige Politik verfolgen wird.

Mag sein, dass der 42-jährige Jurist seine liberal-demokratischen Wahlkampfversprechen gegenüber Merkel erneuert hat. Die Kanzlerin bewertete das Treffen hinterher als „sehr offen, sehr zufriedenstellend“. Sie denke, dass es auch unter dem neuen Präsidenten eine gute Zusammenarbeit geben werde. Als Merkel nach ihrem knapp fünfstündigen Kurzbesuch in Moskau in den Abendhimmel schwebt, dürfte dennoch angesichts Putins Prognose eines klar gewesen sein: Russland wird dem Westen bis auf Weiteres ein schwieriger Partner bleiben – egal, ob Putin im Hintergrund die diplomatischen Fäden zieht oder nicht.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%