Saudi-Arabien: Taschengeld statt Demokratie

Saudi-Arabien: Taschengeld statt Demokratie

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Raffinerie in Saudi-Arabien

Wie Saudis Herrscher für Ruhe in ihrem Reich sorgen. Ein Aufstand im größten Ölförderland der Welt hätte verheerende Folgen für die Industrieländer.

Bislang präsentiert sich Saudi-Arabien als Fels in der Brandung. Berichte zur Verhaftung eines Geistlichen der schiitischen Minderheit haben den Aktienindex des Landes um 7,7 Prozent einbrechen lassen, aber von Protesten wie in Algerien oder Bahrain oder einem Aufstand wie in Libyen ist die wichtigste Ölnation der Welt weit entfernt.

Während große Ölkonzerne wie Total und ENI die Produktion in Libyen einschränkten oder stoppten und die USA, Deutschland, Großbritannien und Italien Schiffe und Flugzeuge entsandten, um ihre Bürger zu evakuieren, haben die Saudis die Ölpumpen angeworfen, um die Produktionsausfälle in Libyen auszugleichen. Alle Nachfragen nach zusätzlichem Öl seien erfüllt worden, sagte Chalid al-Fali, der Chef des staatlichen Ölgesellschaft Saudi Aramco.

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Zu verdanken ist die relative Stabilität Saudi-Arabiens in hohem Maß dem beim Volk beliebten saudischen König Abdullah. So kehrte er vor wenigen Tagen von einem dreimonatigen Klinikaufenthalt im Ausland mit großzügigen Geschenken für seine Landeskinder zurück: Er verkündete zusätzliche Leistungen für Arbeitslose, Subventionen für Bildung und Wohnraum und Schuldenerlasse im Volumen von 36 Milliarden Dollar. Sogar einen neuen Sportsender wird es geben.

Dass es in Saudi-Arabien ruhig bleibt, ist für die Region und die Weltwirtschaft von großer Bedeutung. Nur wenn die Bürger des Königreichs – inklusive der großen schiitischen Minderheit – hinter Abdullahs Herrschaft stehen, kann das Land seine riesigen Ölvorräte nutzen, um Produktionsausfälle in Libyen oder anderen Krisenstaaten ausgleichen. Wenn jedoch die Unruhe unter den Schiiten aus dem benachbarten Bahrain auf Saudi-Arabien übergreift und die Produktion gefährdet, wird es für die Welt ernst.

Peter Zeihan, Berater des geopolitischen Informationsdiensts Stratfor, geht davon aus, dass Saudi-Arabien von Wirren verschont bleibt. „Die Saudis halten sehr wahrscheinlich durch, weil sie viel bessere soziale Kontrolle besitzen, in Form von polizeilicher Überwachung“, sagt er, „und sie sind eher in der Lage, ihre Minderheit zu isolieren, die möglicherweise wegen der Ereignisse außerhalb Veränderungen anstrebt.“

In der Tat hat sich der 86-jährige Abdullah als fähiger Herrscher erwiesen. Unter ihm und seinem einflussreichen Ölminister Ali Ibrahim al-Naimi baute das Königreich seine Produktionskapazität auf rund zwölf Millionen Barrel pro Tag aus. Gegenwärtig liegt die Produktion bei rund 8,4 Millionen Barrel täglich. Der Staat verfügt über eine 35.000 Mann starke Truppe nur zur Bewachung wichtiger Öl- und Gaseinrichtungen. „Ich sehe kein echtes Risiko für ihre Ölinfrastruktur“, sagt Jarmo Kotilaine, Chefvolkswirt der größten saudischen Bank, National Commercial Bank, in der wichtigen Hafenstadt Dschidda.

Großzügige Sozialprogramme für die Bevölkerung

Gleichzeitig profitieren die Bürger von großzügigen Sozialprogrammen, insbesondere auch die Schiiten in Förderregion der saudischen Ostprovinz. Aramco, der staatliche Ölriese, achtet darauf, viele schiitische Arbeiter zu beschäftigen und sie so am wirtschaftlichen Erfolg zu beteiligen. Der 28-jährige Schiite Yasser Abbass erhielt ein Stipendium, um an einer kalifornischen Universität den Master-Abschluss in Betriebswirtschaft zu erwerben. „Das staatliche Programm übernahm während des Studiums fast alle Kosten, inklusive Studiengebühren, Krankenversicherung und ein monatliches Taschengeld“, sagt Abbas, der inzwischen in sein Land zurückgekehrt ist und eine Stelle als Investmentbanker in Riad angetreten hat.

Welche Bedeutung das Königreich für den Ölmarkt besitzt, zeigen wenige Fakten: Mit den Unruhen in Libyen und Algerien ist die Förderung des dritt- und viertgrößten afrikanischen Ölproduzenten bedroht. Libyen fördert Daten der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) zufolge 1,6 Millionen Barrel pro Tag – und das meiste davon wird nach Europa exportiert. Gleichzeitig liegt in Saudi-Arabien mehr als das Doppelte an täglicher Förderkapazität brach, die im Notfall genutzt werden könnte, zeigen Informationen der Internationalen Energieagentur (IEA).

„Saudi-Arabien hat Reserve-Förderkapazitäten geschaffen und kann daher einen Angebotsrückgang am Markt auffangen“, sagt Carsten Fritsch, Analyst bei der Commerzbank in Frankfurt. „Saudi-Arabien kann es bewältigen, wenn nicht Proteste in Nordafrika und in einem anderen wichtigen Förderland des Golf-Kooperationsrates zusammenkommen.“ Bis jetzt ist immerhin noch kein großer Ölproduzent am Persischen Golf im gleichen Maß von politischen Verwerfungen und Produktionsausfällen betroffen wie Libyen. Allerdings bräuchten die Saudis mindestens dreißig Tage, um die Kapazität voll anzufahren, sagt Erik Kreil, Experte des US-Energieministeriums für Störungen des Ölmarktes.

Minister al-Naimi hatte Ende Februar versichert, die OPEC stehe bereit, Engpässen zu begegnen, die sich aus Störungen der Lieferungen Libyens ergeben. „Saudi-Arabien und die OPEC sind darauf eingerichtet, diese Fehlmengen auszugleichen, falls und wenn sie anfallen“, sagte er. Dennoch schob sich der Preis für Rohöl der Sorte Brent vergangene Woche an 120 Dollar heran. Brent gilt als Benchmark für zwei Drittel des Rohöls weltweit, unter anderem für Öl aus dem Nahen Osten. Erik Kreil geht davon aus, dass der Preis weiter klettern wird. Nach seiner Ansicht werden sich Raffinerien, Chemiehersteller und spekulative Händler angesichts der Gefahr von Engpässen eilig ihren Teil des Angebots sichern.

Für Ölhändler ist die Lage ein Déjà-vu: 2002 und 2003 brachten politische Unruhen und ein Streik in der Ölindustrie die Exporte Venezuelas zum Erliegen. Das Land ist einer der wichtigsten Lieferanten der USA. Während die Welt darauf wartete, dass Saudi-Arabien in die Bresche sprang, zog der Preis von Öl-Terminkontrakten in New York innerhalb von drei Monaten um 51 Prozent an – so hoch wie zuletzt nach Ausbruch des ersten Golfkriegs. Sollte sich Brent jetzt ähnlich verteuern, würde es bei über 160 Dollar je Barrel notieren.

Wenn man von den Erfahrungen aus Venezuela ausgeht, hält eine solche Preisspitze nicht lange an. Nachdem die Lieferungen aus Saudi-Arabien im Frühjahr 2003 zu fließen begannen, fiel der Preis für Rohöl in den USA innerhalb von zwei Monaten um 37 Prozent. Im Unterschied zu 2003 ist der Schauplatz der aktuellen Krise jedoch der Nahe Osten, und der Aufruhr ist offenbar ansteckend. Gianna Bern, ehemalige BP-Ölhändlerin und heute Chefin des Beratungsunternehmens Brookshire Research and Advisory, drückt es so aus: „Die eigentliche Sorge besteht darin, dass sich die Spannungen auf Saudi-Arabien oder Iran ausbreiten, denn dann werden die Turbulenzen an den Energiemärkten nie dagewesenes Ausmaß erreichen.“

Alle arabischen Staaten, die nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs entstanden, seien gefährdet, sagt Stratfor-Berater Zeihan. Keines der Länder habe eine normale politische Entwicklung genommen. Saudi-Arabien stehe seit seiner Gründung unter der Herrschaft derselben Familie. Selbst wenn das Land diesmal von Unruhen verschont bleibe, müssten Abdullahs Reformen dringend fortgesetzt werden, mahnt Zeihan. In den Worten des früheren amerikanischen Botschafters in Saudi-Arabien, Richard Murphy: Die saudischen Herrscher müssten weiter Arbeit schaffen und vor allem ihren Bürgern „das Gefühl der Teilhabe an der Regierung“ geben.

Fazit: Bis jetzt blieb Saudi-Arabien von Unruhen verschont. Zum einen hat die Staatsmacht ihre Untertanen gut im Griff, zum anderen gewährt sie ihnen bessere soziale Fürsorge als in Nahbarländern.

Unter Mitarbeit von Peter S. Green und Steve Voss

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