Schuldenkrise: Amerika zittert um den Euro

Schuldenkrise: Amerika zittert um den Euro

, aktualisiert 07. Dezember 2011, 10:38 Uhr
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Barack Obamas politisches Schicksal hängt auch an der Entwicklung in der Euro-Zone.

von Nils RüdelQuelle:Handelsblatt Online

In einer Ruck-Rede hat Präsident Barack Obama eine Erholung der US-Wirtschaft versprochen. Doch die hängt mehr denn je am Schicksal Europas. Ängstlich verfolgen die Amerikaner, wie Merkel und Co. die Krise lösen wollen.

WashingtonEs war eine jener Reden, nach denen wieder einmal klar wird, warum dieser Mann schwer zu schlagen sein wird. Mit Wucht und Pathos prangerte US-Präsident Barack Obama am Dienstag (Ortszeit) die Ungerechtigkeiten in seinem Land an, heftig teilte er gegen die Vorstellungen der Republikaner über die Wirtschaft aus.

Und stiftete Hoffnung: Er werde daran arbeiten, dass wieder jeder seine Aufstiegschance bekommt, dass die Mittelschicht wieder wächst. Dass jeder seinen fairen Anteil leistet, vor allem auch die Wohlhabenden. Jetzt, so der Präsident, sei ein „Alles-oder-Nichts-Moment“, der über die Zukunft der US-Wirtschaft entscheidet.

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Der Ort der Ruck-Rede, auch das eine von Obamas Spezialitäten, war voll von Symbolik: In der Kleinstandt Osawatomie, Kansas, hatte im Jahr 1910 Theodore Roosevelt den ausufernden Kapitalismus gegeißelt, mehr Gerechtigkeit und den Schutz der Mittelschicht gefordert. Vom „Neuen Nationalismus“ sprach der Ex-Präsident, der damals nicht mehr im Amt war.

Heute allerdings, mehr als 100 Jahre später, ist es mit Neuem Nationalismus nicht mehr getan. Wohl und Wehe der US-Wirtschaft hängen in einer globalisierten Welt nicht mehr nur noch daran, welche Vorstellungen sich in Washington durchsetzen.

Und eine der größten Gefahr für Amerikas Wohlstand lauert derzeit in Europa.

Die Schuldenkrise auf dem alten Kontinent klammerte Obama in seiner Rede zur Lage der Wirtschaft aus, doch zeitgleich drehten die Anstrengungen seiner Regierung auf Hochtouren. Auf Geheiß des Präsidenten tingelte Finanzminister Timothy Geithner am Dienstag durch Deutschland, traf EZB-Präsident Mario Draghi, Bundesbank-Chef Jens Weidmann und Finanzminister Wolfgang Schäuble. Heute ist in Paris Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy an der Reihe.

Geithners Auftrag: Er soll die Europäer vor ihrem Gipfel am Donnerstag und Freitag einmal mehr überzeugen, endlich mehr gegen die Krise zu unternehmen. Die Eurozone müsse „ein nachhaltiges Bekenntnis des politischen Willens abgeben“, forderte der Amerikaner in Berlin, Regierungen und Zentralbanken müssten gemeinsam zur Lösung beitragen. Der Amerikaner war auf ähnlichen Missionen zuletzt mehrfach abgeblitzt. Aber versuchen soll er es trotzdem.


Die Amerikaner haben Angst vor einer Euro-Katastrophe

Denn für die USA, deren Wirtschaft sich gerade zu erholen beginnt, steht eine Menge auf dem Spiel. Die Krise sei „von höchster Wichtigkeit für unsere eigene Wirtschaft“, hatte Obama kürzlich betont. Die Eurozone ist der drittgrößte Markt weltweit für amerikanische Exporte, allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres gingen Waren im Wert von 153 Milliarden Dollar über den Atlantik. Die US-Banken haben laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) rund 570 Milliarden Dollar in europäischen Geldhäusern und Staatsanleihen stecken.

Im Falle einer milden Rezession in Europa würde die US-Wirtschaft zwar mit dem Schrecken davonkommen – Experten rechnen, dass das sich das Wachstum des amerikanische Bruttoinlandsprodukt im nächsten Jahr um ein paar Zehntel Prozentpunkte verlangsamen könnte. Richtig Angst haben die Amerikaner aber vor der ganz großen Katastrophe: Einer Finanzkrise wie nach der Lehman-Pleite – etwa, wenn eines der 17 Mitgliedstaaten die Eurozone verlassen muss.  

„Es besteht das Risiko der totalen Lähmung“, sagte Michael Hood, Analyst bei JP Morgan Asset Management, der „Washington Post“. „Sie würden noch nicht einmal wissen, wer Ihnen etwas schuldet“. Laut Berechnungen der OECD würde ein solches Szenario das Wirtschaftswachstum der USA im nächsten Jahr auffressen und die Arbeitslosenquote auf mehr als elf Prozent katapultieren.

Und so verfolgen die Amerikaner ängstlich, wie es in Brüssel, Berlin und Paris weitergeht. „Chancellor Mörkel“, Schäuble, Sarkozy – schon lange nicht mehr haben europäische Politiker in den US-Medien eine derart große Rolle gespielt.

Das Thema schafft es auf die Titelseiten und sogar ins Nachmittagsprogramm der großen TV-Sender, in denen Experten erklären, was die Krise da drüben für hiesige Kreditkartenzinsen bedeutet. Der Warnschuss der Ratingagentur S&P vom Montag lief in den Nachrichtenprogrammen als Eilmeldung. Schon wird man als Deutscher auf der Straße angesprochen: „Warum macht ihr nichts?“ An die Spitze der Ängstlichen setzte sich die Heavy-Metal-Band Metallica: Sie verlegt ihre Europa-Tour vor, um noch vor dem großen Zusammenbruch abzusahnen.

Derweil macht Washington auf allen Kanälen Druck – bislang allerdings mit mäßigem Erfolg. Von einer Regierung, die selbst auf einem Schuldenberg von 15 Billionen Dollar sitzt, wollen sich die Europäer keine Lektionen erteilen lassen. „Wir haben viel Arbeit vor uns“, sagte denn auch Finanzminister Geithner in Berlin reumütig. „Und wir arbeiten hart, um Fortschritte zu erzielen“.

Geithners Chef Obama ist schon aus eigenem Interesse höchst daran gelegen, dass in Europa der große Zusammenbruch ausbleibt. Er will im November nächsten Jahres wiedergewählt werden – und das dürfte er nur schaffen, wenn sich die Wirtschaft weiter erholt. Wenn nicht, werden ihm auch keine großen Reden mehr helfen.  

Quelle:  Handelsblatt Online
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