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Schuldenkrise: EU im Ausnahmezustand

von Silke Wettach und Andreas Toller

In der EU sind im vergangenen Jahr die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 11,5 Prozentpunkte auf 73 Prozent des BIPs gestiegen. Brüssel schlägt Alarm und Griechenlands Finanzminister Giorgos Papakonstantinou spricht schon vom "Ausnahmezustand".

Randalierende Protestanten in Quelle: dpa
Randalierende Protestanten in Athen, Griechenland, am 6. Dezember 2009 Quelle: dpa
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In Brüssel leuchten die roten Warnlampen auf: Laut EU-Kommission kletterten die Schulden in der EU im vergangenen Jahr relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 11,5 Prozentpunkte auf 73 Prozent des BIPs. 60 Prozent bilden die sogenannte Maastricht-Grenze – wer sie überschritt, kam nicht in die Währungsunion. Die 11,5 Punkte seien „der höchste Zuwachs, den es in Europa je in Friedenszeiten gegeben hat“, sorgt sich die Brüsseler Behörde. Für den Zeitraum 2007 bis 2011 prognostiziert die Kommission nun einen horrenden Zuwachs von 25 Prozentpunkten. Damit wird die Finanzkrise wesentlich tiefere Spuren in den Staatsfinanzen hinterlassen als beispielsweise die Energiekrise in den Siebzigerjahren oder die Rezession 1992/93. „Wir haben die Wahl: Entweder bekommen wir die Haushalte wieder in den Griff, oder wir werden Sklaven der Schulden“, warnt der für Wirtschaft und Währung zuständige Kommissar Joaquín Almunia und beschreibt die Konsequenzen der Etatlöcher: „In manchen Mitgliedstaaten ist der Schuldendienst schon der größte Haushaltsposten, oder er wird es demnächst.“

Griechische Haushaltspolitik unter EU-Aufsicht

In Griechenland spricht Finanzminister Giorgos Papakonstantinou schon von Staatsfinanzen „im Ausnahmezustand“. Die neue Athener Regierung beziffert den Schuldenstand auf 127 Prozent des BIPs und möchte bis 2013 Zeit bekommen, um das Haushaltsdefizit von derzeit 12,7 Prozent auf drei Prozent hinunterzufahren.

Anfang Dezember wurde die griechische Haushaltspolitik unter EU-Aufsicht gestellt. Griechenland muss nun im Monatsrhythmus Etatdaten nach Brüssel schicken. Zuvor lieferte Athen in Brüssel zumeist Statistiken ab, die mit der Wahrheit wenig zu tun hatten. „Sogar ein neues Mitgliedsland wie Bulgarien gibt sich mehr Mühe mit den Zahlen“, sagt ein EU-Beamter. Das griechische Statistikamt steht unter der Fuchtel der Regierung und schönt offenbar nach Belieben die Defizitbeträge. So verdoppelten sich nach dem jüngsten Regierungswechsel die erwarteten Haushaltsdefizite auf einen Schlag. „Bevor die nationale Statistikbehörde akkurate Zahlen über das Land liefert, muss sie erst eine unabhängige Institution werden“, sagt Yiannis Stournaras, Direktor des privaten Wirtschaftsforschungsinstituts IOBE. Inwischen befürchtet die EU-Kommission, dass die Statistiken auch nach dem Regierungswechsel noch geschönt wurden und das die griechische Regierung das Defizit nochmals nach oben korrigieren muss.

Auch private Haushalte leben über ihre Verhältnisse

„Der Staat kann sich nicht selbst finanzieren“, sagt Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Thinktanks Centre for European Policy Studies. Das Problem in Griechenland ist aber nicht die Staatsverschuldung allein – auch die privaten Haushalte leben über ihre Verhältnisse. Während in den Mitgliedsländern der Euro-Zone die gesamtwirtschaftliche Sparquote bei rund 20 Prozent liegt, beträgt sie in Griechenland nur sieben Prozent. Alle müssten sparen, Privathaushalte und der Staat.

Politisch denkbar ist, dass Brüssel Griechenland bis nah an den Abgrund vordringen lässt, sodass die Regierung mit Verweis auf Brüssel danach einen harten Sparkurs vor der eigenen Bevölkerung rechtfertigen könnte. Denn bisher, das zeigen wiederholte Krawalle und breite Proteste, besteht in der griechischen Gesellschaft keine Einsicht darin, dass Einschnitte notwendig sind.

Die Finanzmärkte wiederum haben bisher darauf vertraut, dass die EU kein Euroland untergehen lassen wird. Bisher konnte die griechische Regierung ihre Anleihe-Neuemissionen noch immer platzieren. Bisher.

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15 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 20.01.2010, 09:16 UhrAnonymer Benutzer: eurofeind

    Na endlich, die götterdämmerung für die aufgedrückte zwangsherrschaft der eu ist in sichtweite ..... das ist doch ein grund zum feiern.

  • 19.01.2010, 22:18 UhrAnonymer Benutzer: Sunny

    @ bilderberger

    ihre Erwartungen werden sich nicht erfüllen. Erinnern Sie sich: der bekennende Leninist Gorbatschow wollte die Sowjetunion reformieren!
    Scenario: Sowjetunion gibt DDR frei. Die EU wird aufgebaut und ist den Sowjets ewig dankbar, daß nicht nur die europaweite Freihandelszone ausgeweitet wird, sondern auch eine gemeinsame Währung eingeführt.

    Nicht nur die Regierungen sind gänzlich unglaubwürdig geworden, Stichworte: Schweinegrippe, Klimagipfel, wirtschaftliches Desaster - die Sowjetunion implodierte in dem Augenblick, als ihr Expansionsdrang gehemmt war.

    Selbstgerechte Riesenreiche wie diese können nur mit stetig wachsendem Angst und Schrecken regiert werden, später physischer Gewalt, und für letzteres fehlt es den Protagonisten ganz einfach an Mitteln. Wer läßt sich noch ängstigen? Es kommt nichts nach! Schauen Sie auf ihre Kritik!
    Wir werden zurückfallen in die ursprünglichen Grenzen, natürlich unter Schmerzen. DM willkommen!

  • 15.01.2010, 12:07 UhrAnonymer Benutzer: RDA

    ALso - zahlen müsste die reicheren (bzw. genauer größeren und kreditwürdigeren) Länder wie Deutschland und Frankreich so oder so für Griechenland, irland etc. Selbst wenn die "no-bailout"- Klausel der EU beibehalten wird und auch keine Jumbo-Anleihen mehrerer Staaten aufgelegt werden, würde der iWF einspringen und Griechenland einen Kredit geben. Dieser wiederum wäre zu refinanzieren über die großen Geberländer wie Deutschland, Frankreich & Co.

    Der iWF ist eigentlich auf die Unterjochung von Schwellenländern ausgerichtet und hat damit wesentlich härtere instrumente, von den entsprechenden Empfängerländern Sparkurse einzufordern, als die EU dies hat. Also EU, lasst GR mal schön baden gehen und hetzt ihm dann den iWF auf den Hals. Dann verscherzt ihr es Euch auch nicht mit den Griechen im Rat der EU, deren Stimme ihr dann und wann braucht. Mein Tipp an die griechische Regierung: Streichung von Posten im ÖD und massive Erhöhung von Umsatz- und Energiesteuern, um die Erträge der Schattenwirtschaft einzufangen. Hiervon müssten jedoch an Rentner, Arbeitslose und Familien mit Kindern mit Unterstützungszahlungen ausgenommen werden.

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