Schuldenkrise: "Euro-Bonds sind kein Schrott"

Schuldenkrise: "Euro-Bonds sind kein Schrott"

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Guan Jianzhong, Chef der chinesischen Ratingagentur Dagong

von Matthias Kamp

Guan Jianzhong, Chef der chinesischen Ratingagentur Dagong, warnt sein Land vor dem Kauf weiterer US-Staatsanleihen.

WirtschaftsWoche: Herr Guan, wann kommen Europa und Amerika aus der Schuldenkrise heraus?

Guan: Was als Finanzkrise begonnen hat, ist heute eine ausgewachsene Wirtschaftskrise. Die Länder im Westen sind überschuldet, die wirtschaftliche Dynamik ist vor allem in Amerika schwach. Die Probleme gehen so tief, dass sich die Situation eher noch verschärfen dürfte. Es wird mindestens zehn Jahre dauern, bis es wieder aufwärtsgeht.

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Was heißt das für China?

Vor allem die Herabstufung von Amerikas Kreditwürdigkeit hat Folgen. Schließlich hält China US-Staatsanleihen im Wert von 1,2 Billionen Dollar.

Empfehlen Sie der chinesischen Regierung, weiter US-Treasuries zu kaufen?

Nein. China sollte keine amerikanischen Staatsanleihen mehr kaufen. Aber das müssen am Ende unsere Politiker und Währungshüter entscheiden.

Was halten Sie von griechischen oder italienischen Staatsanleihen?

Auch die sind sicherlich riskant. Die Haushaltspolitik in manchen europäischen Ländern ist ein Stück weit unberechenbar. Das Beste wäre, China investierte seine Devisenreserven im Inland. Und die Zentralbank sollte chinesischen Unternehmen Geld zur Verfügung stellen, damit sie im Ausland investieren können.

Europa diskutiert die Einführung von Euro-Bonds. Wie würde Ihre Ratingagentur diese bewerten?

Sicherlich nicht als Schrottpapiere, wie Standard & Poor’s das getan hat. Denn die Lage in Europa ist immer noch besser als in den USA.

Was halten Sie generell von den westlichen Ratingagenturen?

Das von drei großen Anbietern dominierte System hat doch erst zu der heutigen Misere geführt. S & P, Moody’s und Fitch handeln und entscheiden vor allem im Sinne der USA. Sie sind unglaubwürdig, und das ist gefährlich für die ganze Welt. Wir brauchen bei den Ratingverfahren einen globalen Ansatz. Das gesamte System muss reformiert werden. Dagong ist bereit, da mitzuhelfen.

Von politischer Unabhängigkeit kann man ja wohl auch bei Dagong kaum sprechen.

Dagong untersteht zwar der Zentralbank und der Börsenaufsicht, aber die mischen sich nicht in unser Tagesgeschäft ein. Jeder Verdacht, wir seien nicht unabhängig, würde unsere Glaubwürdigkeit massiv beschädigen.

Chinas Kreditwürdigkeit bewerten Sie aber mit AAA – trotz der gewaltigen Verschuldung der Lokalregierungen.

Chinas Fremdwährungsschulden bewerten wir wegen der großen Devisenreserven natürlich mit AAA. Die kommunale Verschuldung erhält nur AA+, denn im Inland gibt es einige Probleme.

Es heißt, die Lokalregierungen in China seien massiv überschuldet, und kleinere Banken könnten ins Wanken geraten. Wie ernst ist die Lage?

Die Ursache dieser Probleme ist die US-Finanzkrise. Nach Ausbruch der Turbulenzen 2008 musste auch China seine Wirtschaft mit einem Konjunkturprogramm stimulieren. Daher die Schulden. Die Verschuldung der Kreise, Städte und Gemeinden ist aber nicht so dramatisch wie von manchen dargestellt. Es wird in China keine systemische Krise geben.

Was macht Sie da so sicher?

Der größte Teil des Geldes ist in die Infrastruktur geflossen. Dafür zahlt am Ende der Steuerzahler. In den vergangenen Jahren sind die kommunalen Steuereinnahmen zudem um durchschnittlich 20 Prozent im Jahr gestiegen. Auch das nach wie vor kräftige Wirtschaftswachstum bewahrt China vor größeren Ausfällen.

Ist Chinas Modell einer stark staatlich gelenkten Wirtschaft dem westlichen Liberalismus überlegen?

Sicher, wir sind erfolgreich, aber ich sehe den Vergleich mit dem Westen völlig ideologiefrei. Die Frage ist nicht, ob "privat" gut und "staatlich" schlecht ist. Man muss Chinas Weg vor dem Hintergrund unserer Geschichte sehen. Das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell würde in einem so großen Land wie China nicht funktionieren.

Sind Sie selber Parteimitglied?

Ja. Die Kommunistische Partei sorgt bei uns für wirtschaftliche Dynamik, und sie macht es gut.

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