Schuldenkrise in Griechenland: „Uns hätte eine Merkel gut getan“

Schuldenkrise in Griechenland: „Uns hätte eine Merkel gut getan“

, aktualisiert 06. Mai 2016, 16:50 Uhr
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Warum sie den Märchen von Ministerpräsident Alexis Tsipras geglaubt und ihn gewählt haben, fragt er sich.

Quelle:Handelsblatt Online

Auf die Griechen kommen erneut gewaltige Einschnitte zu. Die meisten empfinden die Situation schon längst als ausweglos. Sie verzweifeln an den Gläubigern, an der Regierung – und an sich selbst.

AthenWie das Opferlamm auf der Schlachtbank, so fühlen sich viele Griechen angesichts der neuen Sparmaßnahmen, die auf sie zurollen. Die Rentenzahlungen runter, die Renten- und Krankenkassenbeiträge rauf. Die Mehrwertsteuer von 23 auf 24 Prozent, einen der höchsten Sätze innerhalb der EU. Erhöhung der Abgaben auf Benzin, Alkohol und Zigaretten ebenso wie auf Strom und Wasser. Pay-TV, Mobilfunk, Bankgeschäfte – es wäre fast einfacher, aufzuzählen, was sich in Griechenland künftig nicht verteuert.

Über einen Großteil der Maßnahmen will das griechische Parlament am Sonntag entscheiden. Staatsdiener und Festangestellte riefen umgehend mehrtägige landesweite Streiks aus. Den vom Sparkurs besonders stark betroffenen Selbstständigen hingegen bleibt nur ein Schulterzucken.

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„Ich bin das alles so leid“, sagt Taxifahrer Thanasis. Der 51-Jährige steht seit Stunden mit seinem gelben Taxi am zentralen Athener Syntagma-Platz. Seit langem sparen die Griechen bei Taxifahrten, obwohl der Service weitaus günstiger ist als etwa in Deutschland.

Überhaupt: Deutschland. „Uns hätte gut getan, wenn uns eine Merkel regiert hätte“, sagt Thanasis. „Wir müssten hier alles haben – einen starken Agrarsektor, ein bisschen Industrie. Stattdessen ist alles Schrott. Jeder Politiker in ganz Europa arbeitet für sein Land, für sein Volk. Nur hier, hier arbeiten sie in die eigene Tasche.“

„Sie“ – die verhassten Politiker, denen man in Griechenland oft nicht mehr über den Weg traut – sitzen nur wenige hundert Meter entfernt im Parlamentsgebäude und sollen die Maßnahmen absegnen. Kellner Alexandros, der in einer Taverne unterhalb der Akropolis in der Athener Altstadt arbeitet, wird wütend, wenn er nur daran denkt.

Aber nicht etwa, weil weitere Abgaben auf ihn zukommen, sondern weil er findet, dass die Griechen selbst schuld sind an der Misere. „Warum haben sie diesen Tsipras gewählt?“, fragt er fassungslos. „Wie konnten die Griechen allen Ernstes auf seine Märchen hereinfallen? Wir waren doch auf einem guten Weg!“


„Griechenland frisst seine Kinder“

Tatsächlich hatte Alexis Tsipras den Mund vor eineinhalb Jahren reichlich voll genommen, als er den Wählern versprach, dem Spardiktat der Gläubiger ein Ende zu setzen. Die Folgen der Wahl und des Zickzack-Kurses des neuen Ministerpräsidenten: Das Land stand kurz vor der Pleite und vor dem Euro-Austritt, es gab Neuwahlen.

Dieses Chaos hat Kellner Alexandros nicht vergessen. Und er schimpft auf seine Landsleute, die trotzdem immer noch nichts begriffen hätten. „Da hatten wir schon den ganzen Esel aufgegessen, und es war nur noch ein Stückchen Schwanz übrig!“, ruft er. Dieses Stückchen Schwanz, will er damit sagen, ist nun auch noch weg. Und fügt empört hinzu: „Während Deutschland die Agenda 2010 durchsetzte, haben wir hier den Macker markiert. Die Griechen wollten es einfach so.“

Die Versäumnisse vergangener Generationen und die bisweilen unsoziale Ader der Griechen sind immer wieder Thema dieser Diskussion – ebenso wie die tierischen Gleichnisse. „Ist doch wahr“, sagt die 27 Jahre alte Studentin Elena, „hier gönnt man dem Nachbarn seine Ziege nicht, die Leute ziehen nicht an einem Strang!“ Sie und ihre Kommilitonin Juli stimmen überein: „Die vorhergehenden Generationen haben auf unsere Kosten Raubbau betrieben.“

Nach ihrer Zukunft befragt, zucken die beiden jungen Frauen mit den Schultern. „Hauptsache, wir sind gesund“, sagt Elena schließlich – ein typischer Spruch derzeit in Griechenland. Beide haben sie schon überlegt, ob sie nach dem Studium ins Ausland gehen sollen. „Es gibt hier keine Arbeit, Griechenland frisst seine Kinder“, sagt Elena. „Aber ins Ausland zu gehen, ist die einfache Lösung“, wirft Juli ein. „Wieso?“, gibt Elena zurück, „Glaubst du, die warten dort auf uns und empfangen uns mit offenen Armen?“

Und dann wieder die Selbstkritik. „Portugal hat seine Schulden auf die Reihe gekriegt. Wieso gelingt uns das nicht?“, fragt Juli. „Es ist wie mit dem Rauchverbot – alle setzen es durch außer den Griechen“, sagt Elena und ergänzt: „Es ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine ethische, moralische und gesellschaftliche Krise, in der das Land sich befindet.“

So sieht das auch Kellner Alexandros. Er glaubt nicht an einen Weg aus der Krise, bevor seine Landsleute nicht der Wahrheit ins Gesicht sehen. Mit einem Kopfschütteln wendet er sich ab, um ein paar Touristen in Empfang zu nehmen. Beim Weggehen murmelt er: „Wenn die unbedingt glauben wollen, dass der Esel auch noch fliegen kann ...“

Quelle:  Handelsblatt Online
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