Schuldenkrise: Irlands Wirtschaft sucht nach einem Ausweg

Schuldenkrise: Irlands Wirtschaft sucht nach einem Ausweg

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Die Sparpolitik treibt die konservativen Iren auf die Straße

von Yvonne Esterházy

Dem hoch verschuldeten Land droht eine Phase langer Stagnation. Viele Iren wandern aus, einige wenige suchen nach neuen Chancen. Und nun könnte auch noch die Regierung stürzen.

Jeden Morgen steht Kim Byrne auf, frühstückt, macht sich fertig für die Schule und wartet. Kommt bis 9.30 Uhr vormittags kein Anruf, dann weiß sie: „Das ist wieder ein verlorener Tag.“ Die 21-jährige Lehrerin ist arbeitslos. Nur gelegentlich springt sie als Vertretung ein, wenn an einer Grundschule ein Lehrer wegen Krankheit ausfällt. „Unterrichten, das war schon immer mein Traumberuf“, sagt die zierliche blonde Irin, die sich nach ihrem dreijährigen Studium mit 400 Euro Arbeitslosengeld im Monat durchschlägt. Noch hofft sie, dass irgendwann aus einem ihrer Einsätze als Aushilfslehrerin eine Festanstellung wird.

Die Chancen dafür stehen schlecht. Der Staat kürzt überall, und bald wird es noch schlimmer: Am 26. Oktober kündigte Finanzminister Brian Lenihan an, dass – nach drei Sparrunden in Folge – in den nächsten vier Jahren noch einmal 15 Milliarden Euro eingespart werden müssen, um das Staatsdefizit wie von der EU gefordert bis 2014 auf drei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt zu drücken. „Der Lebensstandard unserer Bevölkerung wird sinken“, prophezeite der Minister.

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Kürzungen von sechs Milliarden Euro werden fällig

Wo genau die nächsten schmerzhaften Einschnitte zu erwarten sind, werden die Iren spätestens Anfang Dezember erfahren. Aber eines steht jetzt schon fest: Der Löwenanteil soll im ersten Jahr anfallen; im Budget 2011 werden Kürzungen von sechs Milliarden Euro fällig werden. Und das, nachdem im laufenden Jahr bereits vier Milliarden Euro eingespart worden waren. „Manchmal bin ich schon recht deprimiert“, sagt Kim Byrne und schluckt. „Aber wenn ich in einem Jahr immer noch keinen Job habe, gehe ich ins Ausland, zur Not sogar nach Dubai.“ Die junge Lehrerin ist mit dieser Überlegung nicht allein. Rund 5000 Jobsuchende besuchten kürzlich die Messe „Working Abroad Expo“, bei der Agenturen aus Kanada, Australien und Neuseeland um irische Arbeitskräfte warben. Nächstes Jahr könnten 50 000 der insgesamt nur viereinhalb Millionen Einwohner auswandern, warnt Richard Bruton von der Oppositionspartei Fine Gael. „Die Regierung lässt diejenigen ziehen, die später einmal das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden sollten.“

Viele sind schon weg. Nach Angaben des Statistikamtes CSO verließen 27 700 Iren die Grüne Insel in den zwölf Monatenbis zum 1. April – 9300 mehr als im Vorjahr. Weil auch zahllose Osteuropäer wieder in ihre Heimat zurückkehrten, verzeichnete Irland die höchste Abwanderungsrate seit 1989. Erinnerungen an die schlechten alten Zeiten werden wieder wach, als es üblich war, dass junge Iren mangels Arbeit in der Heimat ihr berufliches Glück im Ausland suchen mussten.

„Viele, die die Insel in den Achtzigerjahren verließen, kehrten nie zurück. Später, in den Neunzigerjahren, fehlten Pädagogen, und wir mussten auf schlecht ausgebildete Aushilfen zurückgreifen“, warnt Peter Mullan von der Lehrergewerkschaft Into. Es schwingt etwas Wehmut in seiner Stimme mit. Schließlich begannen im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts jene goldenen Jahre, in denen das Armenhaus Europas sich dank großzügiger Finanzhilfen der EU und der Investitionen großer US-Multis in den kraftstrotzenden keltischen Tiger mit zweistelligen Wachstumsraten verwandelte. Heute ist klar, dass das irische Wirtschaftswunder später zu einer Blase mutierte, die durch eine Kombination aus niedrigen Zinsen, günstigen Steuersätzen und einem immer schneller drehenden Rad im Immobilien-Kasino angefacht wurde. Der Boom war eine Scheinblüte, die in dieser Form nie wiederkehren dürfte – und es auch nicht sollte.

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