Schwächelndes Schwellenland: Brasilien wird von der WM kaum profitieren

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KommentarSchwächelndes Schwellenland: Brasilien wird von der WM kaum profitieren

von Alexander Busch

Brasiliens Wirtschaft wächst nur noch langsam, die Stimmung der Konsumenten und Unternehmen ist schlecht. Daran dürfte auch die Fußball-Weltmeisterschaft nichts ändern.

Der brasilianische Finanzminister Guido Mantega ist wahrlich nicht zu beneiden. Seit drei Jahren muss er nun schon die immer schlechteren Konjunkturdaten Brasiliens schönreden. Das war auch vergangene Woche wieder so: Das Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Quartal im Vergleich zur Vorperiode nur um 0,2 Prozent gewachsen, gleichzeitig hat die Inflation ein Niveau von rund 6,5 Prozent erreicht.

In nur einem Jahr musste die Zentralbank die Leitzinsen von 7,5 Prozent auf inzwischen 11,0 Prozent erhöhen. Kurzum: Die Wirtschaft stagniert bei einer hartnäckigen Inflation und den höchsten Leitzinsen weltweit – doch Mantega gab sich unverdrossen hoffnungsvoll. Die schwache Konjunktur in Europa und den USA sei schuld an der Misere und natürlich die Trockenheit in Brasilien zum Jahresanfang. Im zweiten Halbjahr werde die Inflation sinken und der private Konsum „deutlich zulegen“.

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Wie so oft steht Mantega mit seinen optimistischen Prognosen ziemlich alleine da. Nicht einmal während der Weltwirtschaftskrise 2008/09 waren die Aussichten für Brasiliens Wirtschaft so negativ wie derzeit. Gerade haben Investmentbanken wie ItaúUnibanco die Wachstumsprognose für 2014 auf rund ein Prozent reduziert – für ein aufstrebendes Schwellenland der BRIC-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China) ein trostloser Wert.

Das Vertrauen der Konsumenten und Unternehmer ist auf den niedrigsten Wert seit sechs Jahren gesunken. Niemand will kaufen, niemand will investieren. „Die Unternehmer lassen das Geld lieber auf dem Konto oder sparen“, sagt der Ex-Minister und Ökonom Luiz Carlos Mendonça de Barros. Bauwirtschaft, Autobauer und Elektronikhersteller erleben die schwächsten Quartale seit Langem – und das trotz der am 12. Juni beginnenden Fußball-WM, die doch auch ökonomisch neuen Schwung bringen sollte.

Zu wenig Offensivkraft

Die Wachstumsrate Brasiliens (in Prozent). Für eine detaillierte Ansicht klicken Sie bitte auf die Grafik

Der positive Wachstumseffekt durch den Stadion- und Straßenbau für die WM hat sich aber längst verflüchtigt, und die Proteste in der Bevölkerung gegen die hohen Kosten des Spektakels halten an. Mehr noch: Die WM dürfte das verarbeitende Gewerbe Brasiliens sogar belasten. Zum einen fallen jede Menge Arbeitstage aus – alle zwölf WM-Städte haben „Sonderfeiertage“ eingeführt, um ein Verkehrschaos an den Spieltagen zu verhindern und einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Und wenn die heimische Seleção auf dem Platz steht, bleiben sowieso viele Büros und Fabriken geschlossen.

Zum anderen erwarten nicht wenige Ökonomen negative Effekte auf den Konsum. Zwar mögen die Brasilianer in den kommenden Wochen mehr Bier trinken und Chips essen. Doch dürften viele ihre sonstigen Shoppingaktivitäten zurückschrauben und erst recht keine größeren Anschaffungen vornehmen, befürchten Wirtschaftsverbände. Die Analysten von ItaúUnibanco halten es für möglich, dass wegen des fußballerischen Ausnahmezustands das Wachstum im zweiten Quartal um 0,2 Prozent schrumpfen könnte. Zumal auch die erhofften Einnahmen durch WM-Touristen von umgerechnet 5,5 Milliarden Euro zu hoch gegriffen sein dürften.

Viele der wirtschaftlichen Probleme Brasiliens sind hausgemacht. Ökonomen zeigen der Regierung schon seit Längerem die gelbe Karte, weil sie keine stringente Geld- und Fiskalpolitik fährt. Einerseits hatte sie die (nicht unabhängige) Zentralbank aufgefordert, ab Mitte 2011 die Zinsen zu senken, obwohl die Inflation nicht unter Kontrolle war. Gleichzeitig gab sie das Geld mit vollen Händen für Konjunkturprogramme aus. Als die Preise in die Höhe schossen, dauerte es zu lange, bis Politik und Notenbank das Ruder herumrissen.

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Allerdings gibt es auch Hoffnungsschimmer: Die erfolgreiche Armutsbekämpfung und gesunkene Arbeitslosigkeit der vergangenen Jahre haben den Aufstieg einer neuen Mittelschicht ermöglicht. Diese ist besser ausgebildet, arbeitet zumeist in regulären Vollzeitjobs und hat eine neue Nachfrage nach Dienstleistungen geschaffen, für die vor einer halben Dekade noch gar kein Markt existierte: für Versicherungen und Tourismus, für Bildung, Freizeit und Finanzdienstleistungen.

Die Mittelschicht könnte am Ende auch einen Wettbewerb entscheiden, der für das Land wichtiger ist als die WM: Am 15. Oktober finden in Brasilien Präsidentschaftswahlen statt. Und hier kommt nun wieder der Fußball ins Spiel: Ein Erfolg der Seleção – nur der Sieg zählt, alles andere wäre ein nationales Fiasko – könnte der in der Wirtschaft unbeliebten Rousseff helfen, die Stimmung im Land zu heben, und den Weg zu einer weiteren Amtszeit ebnen.

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