Schwellenländer: Angst vor Panik

KommentarSchwellenländer: Angst vor Panik

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Die Lira fällt

von Hans Jakob Ginsburg

Die Zinserhöhung in der Türkei kann die drohende Krise nicht abwenden.

Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten vieler Schwellenländer halten an. Keines der betroffenen Länder ist dabei für die deutsche Wirtschaft so wichtig wie die Türkei. Auf 11,4 Milliarden Euro beliefen sich unsere Exporte an den Bosporus im ersten Halbjahr 2013, auf mehr als sechs Milliarden Euro die Importe im selben Zeitraum. Die deutschen Direktinvestitionen in die Türkei wurden zuletzt auf 7,5 Milliarden Euro im Jahr geschätzt.

Umso bedenklicher, dass die türkische Volkswirtschaft jenseits der aktuellen Verwerfungen an den Kapitalmärkten unter einem hausgemachten Problem leidet: dem chronischen Außenhandelsdefizit. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sprach vor ein paar Tagen bei seinem Besuch in Berlin zwar zu Recht von dem gewaltigen Exportaufschwung seit seinem Machtantritt vor elf Jahren. Allerdings haben alle Exporterfolge nichts an der negativen Außenhandelsbilanz geändert. „Das türkische Wachstumsmodell“, schreiben die Ökonomen der BayernLB in einer neuen Studie, „basiert vorrangig auf kreditfinanziertem Binnenkonsum. Da gleichzeitig auch die BIP-Erstellung im Land einen hohen Importbedarf hat, übersteigt der Wert der Importe den der Exporte deutlich.“

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Ein solches Modell lässt sich nur aufrechterhalten, wenn weiter ausreichend ausländisches Kapital zufließt. Dessen aber kann sich die Türkei nicht mehr sicher sein. Denn zu den Krisenfaktoren Weltfinanzsystem und Außenhandelsbilanz hinzu kommt das ramponierte Ansehen der Regierung. Die Istanbuler Unruhen im vergangenen Jahr und die unaufgeklärte Korruptionsaffäre in diesem Winter sind schlimm genug. Dass Erdogans Regierung gegen Demonstranten mit Polizeirepression reagiert und gegen ermittelnde Staatsanwälte und Polizisten mit Rachefeldzügen, zerstört bei vielen Investoren das Vertrauen in die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Wirtschaften.

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Gradmesser ist der Außenwert der türkischen Währung: 2010 bekam man für einen Dollar nur 1,51 Lira. Bis 2013 stieg der Betrag auf durchschnittlich 2,04 Lira – und in den ersten drei Wochen 2014 rapide bis auf 2,39. Dann zog die Zentralbank die Reißleine und verdoppelte den Leitzins von 5,5 auf 10,0 Prozent. Mit durchwachsenem Erfolg: Seitdem pendelt der Wechselkurs bei 2,25. Gleichzeitig sind nach der rabiaten Zinserhöhung alle Wachstumsprognosen Makulatur: Statt der anvisierten 3,5 bis 4,0 Prozent Wachstum 2014 sind nach Meinung von Experten nur noch rund zwei Prozent drin.

Ökonomisch sei die Türkei damit noch nicht in einer echten Krise, meint Kemal Dervis, früher Finanzminister in Ankara und Chef des UN-Entwicklungsprogramms UNDP: „Wenn aber kurzfristig orientierte Investoren Zinserhöhungen als Ausdruck von Panik interpretieren, kann die Zinsveränderung nicht wirken. Das Wichtigste ist, nicht den Eindruck von Panik in der Türkei zu vermitteln.“

Das aber ist schwer geworden.

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