Sowjetunion im Zerfall: Gorbatschows letzter Rettungsversuch

Sowjetunion im Zerfall: Gorbatschows letzter Rettungsversuch

, aktualisiert 25. Dezember 2016, 09:50 Uhr
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Mit seinem ersten und letzten offiziellen Besuch in Litauen wollte Gorbatschow (4.v.l) durch persönliche Überredungskunst die Abtrünnigen bekehren.

Quelle:Handelsblatt Online

Heute vor 25 Jahren versuchte Michail Gorbatschow zu retten, was kaum mehr zu retten war: die Einheit der Sowjetunion. Doch sein Besuch in der austrittswilligen Republik Litauen bewirkte eher das Gegenteil.

BridaiFür die Bewohner von Bridai ist der Tag unvergessen. Mit großem Gefolge besuchte der damalige Sowjetpräsident Michail Gorbatschow bei einer Visite in der austrittswilligen Sowjetrepublik Litauen am 12. Januar 1990 das Dorf mit Kolchose nahe der Industriestadt Siauliai. „Es gehört zur Geschichte unseres Dorfes, ob wir wollen oder nicht“, meint Ortsvorsteherin Rasa Siskuviene. Gorbatschow versuchte zu retten, was kaum mehr zu retten war: die Einheit der Sowjetunion. Doch der Besuch war eher ein weiterer Schritt zum Zerfall des Riesenreichs, der vor 25 Jahren am 25. Dezember 1991 mit Gorbatschows Rücktritt besiegelt wurde.

Zu Sowjetzeiten war der landwirtschaftliche Großbetrieb in Bridai der erfolgreichste in ganz Litauen. Das Dorf galt als sowjetische Perle im heutigen EU- und Nato-Land. Doch selbst in dem Vorzeigeobjekt wurde der sowjetische Staats- und Parteichef von Demonstranten mit Plakaten mit Forderungen nach Unabhängigkeit und Freiheit begrüßt.

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Schon den Auftakt des dreitägigen Besuchs des Kremlchefs in Litauen nutzten die Menschen dazu, der Moskauer Führung und der Weltöffentlichkeit ihren Willen zur Selbstständigkeit zu zeigen. Zehntausende versammelten sich in Vilnius zu einer friedlichen Kundgebung.

Aufgerufen dazu hatte die litauische Freiheitsbewegung Sajudis. Sie nutzte die politischen Freiräume, die sich aus Gorbatschows Reformen von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umgestaltung) ergaben. Offen forderte sie die Wiederherstellung der Unabhängigkeit, die Litauen 1940 im Zweiten Weltkrieg an die Sowjetunion verloren hatte. Das stellte den gesamten Staatenverbund der UdSSR in Frage.

Selbst aus den eigenen Reihen blies Gorbatschow Wind ins Gesicht. Kurz vor Weihnachten 1989 hatten sich die litauischen Kommunisten unter Leitung von Algirdas Brazauskas von der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) getrennt. In einem beispiellosen Schritt erklärten sie sich zur selbstständigen Kommunistischen Partei Litauens. Nur eine Minderheit bekannte sich weiter zu Moskau.

Mit seinem ersten und letzten offiziellen Besuch in Litauen wollte Gorbatschow durch persönliche Überredungskunst die Abtrünnigen bekehren. Zugleich sollte er nach dem Willen des Zentralkomitees die separatistischen Bestrebungen im Vielvölkerstaat dämpfen.

Wie bei Besuchen in den Sowjetrepubliken üblich, wurden dem Kremlchef die Schokoladenseiten des Landes präsentiert. Gorbatschow und sein Tross reisten in das rund 200 Kilometer nordwestlich von Vilnius gelegene Siauliai, wo er eine Fernsehfabrik und die Kolchose in Bridai besichtigte.

Die Stippvisite war erst am Vorabend angekündigt worden. „Wir waren etwas nervös angesichts des hohen Gastes“, erinnert sich der damalige Kolchos-Vorsitzende Aloyzas Jocas. Bewacht von Sicherheitskräften gab sich Gorbatschow in der Provinz volksnah. „Gorbatschow war daran interessiert zu erfahren, wie die Arbeiter leben, und wollte mit ihnen reden“, schildert Jocas.


Nur der First Lady passierte ein Missgeschick

Trotz der Proteste - „durch Ortsfremde“, wie der 82-Jährige betont - sei die Atmosphäre locker und die Stimmung gelöst gewesen. Einen Kolchosarbeiter besuchte Gorbatschow spontan zu Hause. Bilder zeigen, wie der spätere Wegbereiter der Deutschen Einheit beim Traktoristen Jonas Klusas auf dem Sofa sitzt, umgeben von dessen Familie.

„Jeder erwartete, dass eine Art Diktator hierher kommen wird. Im Gespräch aber war er selbst wie ein einfacher Mann aus dem Dorf“, erzählt auch Ortsvorsteherin Siskuviene. Die 48-jährige leitete damals den Kindergarten, dem der „kleine, eher gewöhnlich erscheinende Mann“ einen Besuch abstattete. „Er tanzte mit den Kindern und spielte Kinderspiele mit ihnen.“

Zwischenfälle habe es keine gegeben. Nur der First Lady passierte ein kleines Missgeschick. Am Rock von Raissa Gorbatschowa machte sich ein Knopf selbstständig und rollte davon. „Die ganze Delegation stoppte“, erzählt Siskuviene. Schnell musste eine Nadel aufgetrieben werden, die Frau von Kolchosen-Boss Jocas nähte den Knopf wieder an.

Der peinliche Moment sei weggelächelt worden, ebenso wie zunächst die Plakate. Gorbatschow stellte sich später aber den Demonstranten. Litauen sei wegen der ausgeprägten Arbeitsteilung in der Sowjetunion wirtschaftlich allein nicht lebensfähig - so erinnern sich Jocas und Siskuviene an Gorbatschows Argumentation in Bridai.

In Vilnius hatte der Kremlchef am Vortag an die litauischen Kommunisten appelliert, die Loslösung von der KPdSU und die Forderung nach nationaler Unabhängigkeit zu überdenken. Überzeugen konnte der mächtige Mann aus Moskau die Parteiführer in Vilnius nicht mehr. Mit den Reformkräften von Sajudis traf Gorbatschow sich überhaupt nicht. Damit war die erste Niederlage des Kremlherrn im Kampf um den Erhalt der Sowjetunion vorgezeichnet.

Nach dem Sieg von Sajudis bei der Parlamentswahl im Februar wurden endgültig die Weichen für einen Austritt Litauens aus dem Riesenreich gestellt, der am 11. März 1990 beschlossen wurde. Damit sagte sich die erste von 15 Sowjetrepubliken von Moskau los.

Und Bridai heute? Die Kolchose als Arbeitgeber für mehr als 2000 Menschen schloss ein halbes Jahr nach dem Ende der Sowjetunion. Viele Einwohner zogen fort. Die alte Schule wurde mit EU-Finanzhilfen in ein Altenheim umgewandelt. Der Kindergarten, den Gorbatschow besucht hatte, fiel einem Brand zum Opfer. Auch wenn Siskuviene und einige Mitstreiterinnen sich um Kultur im Dorf bemühen, ist Bridai auch ein Beispiel für den Verfall vieler Landgemeinden in Litauen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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