Soziologe Wang Hui: "Der Neoliberalismus steht auf wackligen Beinen"

Soziologe Wang Hui: "Der Neoliberalismus steht auf wackligen Beinen"

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Soziologe Wang Hui: China muss den privaten Konsum ankurbeln

von Matthias Kamp

Wang Hui, Chinas einflussreichster Soziologe, über die Vorzüge einer staatlich gelenkten Wirtschaft und den künftigen Kurs des Riesenreichs.

wiwo.de: Professor Wang, welche Lehren hat China aus der Finanzkrise gezogen?

Wang Hui: Die weltweite Krise hatte deutliche Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft. Das hängt vor allem mit der Struktur der chinesischen Wirtschaft zusammen. China ist stark abhängig von den internationalen Märkten, der private Konsum ist viel zu schwach. Zwar hat das Konjunkturprogramm der Regierung einiges aufgefangen. Aber wenn die Wirtschaft nicht nachhaltig umgebaut wird, werden in Zukunft immer wieder Probleme auftauchen. China muss den Privatkonsum ankurbeln. Dazu müssen tragfähige Sozialversicherungen aufgebaut werden, damit die Leute mehr Geld in der Tasche haben.

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Hat die Krise dazu geführt, dass China nun mehr nach innen blickt und der Protektionismus zunimmt?

Fest steht, dass die bislang herausragende Stellung des Neoliberalismus geschwächt wurde. Bislang haben Chinas Eliten sich vor allem an Amerika orientiert, und unser Land hat versucht, sich dem so genannten Washington-Konsens anzupassen. Das hat in der letzten Zeit nachgelassen. Die Leute haben gesehen, dass Chinas relativ geschlossenes Bankensystem sich als das stabilere erwiesen hat. Die chinesischen Finanzhäuser gehören heute zu den wertvollsten der Welt. Das bedeutet aber nun nicht den Untergang des westlichen Systems. Der Neoliberalismus steht aber auf wackligeren Beinen.

Welchen Weg wird China bei seiner Entwicklung künftig gehen?

Bisher glaubten die meisten Menschen, dass der Markt alle Probleme lösen kann. Die Marktwirtschaft, glaubte man, könne soziale Ungleichgewichte beseitigen, sorge für mehr Gleichberechtigung der Bürger und führe letztlich zu einer Demokratisierung Chinas. Darum hat die Fokussierung auf die wirtschaftliche Entwicklung alles andere überlagert, andere Faktoren wie der Schutz der Umwelt und sozialer Ausgleich traten in den Hintergrund. Die Entwicklung hat aber zu großen Ungleichgewichten geführt. Seit 1995 ist der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt um 12,7 Prozent gesunken. China muss jetzt sein Modell der Modernisierung überdenken.

Wo zeigen sich die Nachteile des bisherigen Modells am deutlichsten?

In den vergangenen zehn Jahren hat die Zentralregierung zahlreiche Vorhaben angeschoben, um etwa den Arbeitsschutz zu verbessern, ein Krankenversicherungssystem aufzubauen oder eine Landreform voranzubringen. Tatsächlich ist dadurch die soziale Kluft etwas kleiner geworden. Trotzdem gibt es auf lokaler Ebene immer noch regelmäßig Unruhen. Die Zahl der Zwischenfälle hat in den letzten Jahren sogar zugenommen. Der Grund dafür ist, dass beispielsweise Gesetze zur Privatisierung von Staatsbetrieben oder zum Umweltschutz nicht richtig umgesetzt werden. Oft kümmern sich die Städte nicht um solche Vorschriften, denn sie stellen das Wirtschaftswachstum über alles andere. Die Interessen der Arbeiter vernachlässigen sie. Wenn über Chinas Reformen gesprochen wird, muss deshalb auch die Frage nach der Verteilung der Macht zwischen der Zentralregierung und den Städten gestellt werden.

Was sind die größten Herausforderungen der chinesischen Wirtschaft?

China muss seine Abhängigkeit von den Exporten verringern und den privaten Konsum ankurbeln. Zweitens muss China aber auch die Qualität seiner Ausfuhren verbessern, damit die Ressourcen des Landes geschont und die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Außerdem muss China ein völlig neues Sozialversicherungssystem aufbauen und viel mehr in die Bildung investieren. Am Ende geht es darum, den Anteil der Lohnsumme am BIP nachhaltig zu erhöhen. Chinas Konjuhnkturprogramm allein reicht dazu bei Weitem nicht.

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