Spanien: Steigende Arbeitslosigkeit: Reformen wurden verschlafen

Spanien: Steigende Arbeitslosigkeit: Reformen wurden verschlafen

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Erwerbslose warten vor einem Arbeitsamt in Madrid

In keinem anderen EU-Staat steigt die Arbeitslosigkeit so dramatisch wie in Spanien. Schuld daran ist aber nicht nur die schlechte Konjunktur.

Es sind längst überwunden geglaubte Szenen, die sich in diesen Tagen in Spanien abspielen. Vor vielen Supermärkten bilden sich frühmorgens lange Warteschlangen, wenn Händler ihre fast abgelaufenen Lebensmittel gratis verteilen. Und in den Arbeitsämtern müssen die Mitarbeiter vor dem Ansturm der Hilfsbedürftigten vielerorts kapitulieren: Wer nicht schon in den frühen Morgenstunden eine Nummer zieht und dann stundenlang ausharrt, hat derzeit keine Chance, seinen Antrag auf Arbeitslosengeld loszuwerden.

Nach einer Dekade des rasanten Wirtschaftswachstums und ungezügelten Immobilienbooms legt Spanien eine ökonomische Bruchlandung hin. Die Arbeitslosenquote ist auf rund 14 Prozent gestiegen – der mit Abstand höchste Wert aller 27 EU-Staaten und fast das Doppelte des EU-Durchschnitts. Allein im letzten Quartal 2008 wurden 609.000 Menschen arbeitslos, im Gesamtjahr 2008 wuchs das Heer der Nichtbeschäftigten auf 3,2 Millionen. Hauptgrund dafür ist der Niedergang des Bausektors im Zuge der Immobilienkrise: Die Arbeitslosigkeit auf dem Bau stieg 2008 um 165 Prozent. Und Erholung ist vorerst nicht in Sicht. Die EU-Kommission sagt Spanien für 2010 eine Arbeitslosigkeit von 19 Prozent voraus.

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Jetzt rächt sich, dass es die Regierung in den guten Zeiten versäumt hat, strukturelle Mängel des Arbeitsmarkts zu beheben. Der spanische Arbeitsmarkt sei durch „brüske Wechsel im wirtschaftlichen Zyklus und Schwächen bezüglich der Qualifikation der Arbeiter“ gekennzeichnet, heißt es in einer Studie der Sparkasse La Caixa. Daran hat sich in den Jahren des hohen Wirtschaftswachstums wenig geändert. Ökonomen wie Albert Carreras von der Universität Pompeu Fabra bezeichnen den Boom daher als „verlorene Dekade“. „Es gab mehr Wachstum und Beschäftigung, weil mehr Kapital und ausländische Arbeitskräfte zur Verfügung standen, aber die Zeit wurde nicht für Reformen genutzt,” meint Carreras.

Fortschritte gab es in dieser Zeit vor allem im Bereich der Sozialpolitik: „Die Absicherung durch Arbeitslosenunterstützung ist heute viel besser als in der großen Krise 1993/94“, sagt Salvador Rey, Arbeitsrechtsexperte in der Großkanzlei Cuatrecasas. Damals erreichte die Arbeitslosenquote einen Höchststand von 25 Prozent. Dann, in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, kam der große Aufschwung im Vorfeld der Euro-Einführung, getrieben durch sinkende Kreditzinsen. Das heizte Bauindustrie und Konsum an und brachte den Arbeitsmarkt auf Trab. Der Bauboom zog Immigranten aus Lateinamerika, Nordafrika und Osteuropa an, der Anteil der Ausländer unter den Beschäftigten stieg von nahe null auf 15 Prozent. Und auch viele ungelernte Spanier fanden endlich einen Job. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 16 Millionen 1996 auf heute über 23 Millionen.

30 Prozent der Jugend ohne Schulabschluss

Doch viele der neuen Jobs waren von geringer Dauer und Qualität. „Unser Problem ist der hohe Anteil der Beschäftigten mit Kurzzeitverträgen“, sagt Salvador Rey von Cuatrecasas. Deren Anteil sei mit 30 Prozent doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt. Ihnen gegenüber steht eine stetig schrumpfende Elite von Festangestellten, die jedoch durch rigiden Kündigungsschutz abgesichert sind. Eine Angleichung dieser beiden extremen Pole fordern Ökonomen und Arbeitnehmer seit Langem vergeblich.

Das zweite große Problem, so Arbeitsrechtler Rey, ist „die große Zahl an Beschäftigten ohne Schulabschluss und Berufsausbildung“. La Caixa zufolge haben mehr als 30 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen 18 und 24 die Sekundarstufe I nicht abgeschlossen, die das Sprungbrett für eine Berufsausbildung oder für den Übergang zum zweijährigen Abitur darstellt. Auch das ist deutlich schlechter als der EU-Durchschnitt. In der EU hat knapp die Hälfte der Erwerbsbevölkerung wenigstens eine mittlere Berufsausbildung – in Spanien sind es weniger als ein Viertel.

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