Staatsbesuch: Christian Wulff in der Türkei: Christentum und Kultur

kolumneStaatsbesuch: Christian Wulff in der Türkei: Christentum und Kultur

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Bundespräsident Christian Wulff in Ankara waehrend einer Pressekonferenz nach Gesprächen mit seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül

Kolumne von Hans Jakob Ginsburg

Der Staatsbesuch des Bundespräsidenten schlägt Wellen: vor allem wegen seiner Feststellung, das Christentum gehöre zur Türkei. Aus Düsseldorf bekommt er Fanpost von unserem Redakteur Hans Jakob Ginsburg.

Verehrter Herr Bundespräsident,

Sie hatten Recht vor zwei Wochen: Der Islam gehört zur deutschen Kultur. Von Goethes West-östlichem Diwan über die vielen Migranten, die es bei uns schaffen, bis hin zur Dönerbude mit Halal-Fleisch, in der es auch nicht schlechter riecht als in den Stammlokalen jenes bayerischen Bundestagsabgeordneten, dessen Namen ich mir partout nicht merken kann. Der Mann hat vor ein paar Tagen im Fernsehen seinen Widerstand gegen Zuwanderung aus islamischen Ländern unter anderem mit den Erfahrungen deutscher Hochhausbewohner begründet, die der Migranten wegen daheim „im zwölften Stockwerk“ auf einmal „fremde Gerüche“ ertragen müssen. Als dieser Schmarren zu hören war, waren Sie schon auf dem Sprung nach Ankara.

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Und diese Woche, in der Türkei, haben Sie schon wieder Recht: Das Christentum gehört zur türkischen Kultur. Nach den heutigen Ländergrenzen waren der Apostel Paulus und der heilige Nikolaus Türken, aber viel wichtiger: Im Reich der osmanischen Sultane waren die vielen Christen zwar Bürger zweiter Klasse, aber immerhin Bürger, ohne die in Handel und Außenpolitik nicht viel lief – während im christlichen Westeuropa bis ins vorige Jahrhundert muslimische Gemeinden undenkbar waren. Das gute alte Istanbul des 19. Jahrhunderts lebte geradezu von der Koexistenz von Muslimen, Juden und Christen aller möglicher Konfessionen.

Aber das ist Vergangenheit, und die in dieser Hinsicht düstere Gegenwart begann mit der Katastrophe des osmanischen Massenmordes an den christlichen Armeniern im Ersten Weltkrieg (bei dem der deutsche Kriegsverbündete nebenbei vornehm wegguckte), und ging weiter mit dem Minderheiten gegenüber extrem unfreundlichen Nationalismus der Türkischen Republik bis in unsere Tage. Die Schikanen gegen den in der Stadt residierenden ökumenischen Patriarchen der orthodoxen Christen sind berüchtigt. Vor gut fünfzig Jahren hat eine staatlich geförderte Pogromwelle griechische Christen und türkische Juden in die Flucht getrieben. Die Christen dürfen prinzipiell keine neuen Kirchen bauen, die Juden ihren Kindern kein Hebräisch beibringen, und „Kirche“ im institutionellen Sinne existiert im türkischen Recht nicht – ein Unding, wenn die Türkei zu Europa gehören will.

Allerdings – und das ist der Kern des Problems – gibt es in der Türkei auch keine „Moschee“ als Institution. Nicht nur, weil der Islam so etwas nicht kennen würde, sondern weil die Republik Kemal Atatürks unter „Laizismus“ etwas ganz anderes versteht als die Trennung von Staat und Kirche, wie wir sie unvollständig in Deutschland und komplett in Frankreich oder Amerika haben. In der Türkei sind die Moscheen staatliche Veranstaltungen, die Imame letztlich Angestellte eines Staates, dessen Führer im 20. Jahrhundert ungefähr soviel mit Religion am Hut hatten wie in Deutschland etwa Erich Honecker. Das war nicht gut für den Staat und nicht gut für die Religion – und paradoxerweise geht es den Christen in der Türkei ein kleines bisschen besser, seit die frommen Politiker wie Ministerpräsident Erdogan und Staatspräsident Gül am Ruder sind. Jetzt endlich hat der Muslim Gül auch laut und deutlich gesagt, er sei der Präsident aller Türken, auch der Christen und der Juden. Dazu mussten Sie erst nach Ankara kommen. Danke Herr Wulf!

Und grüßen Sie Ihre Gattin. Die soll sich nicht grämen, dass meine türkischen Journalistenkollegen sich überhaupt nicht für ihre Garderobe interessieren. Das Kopftuch von Frau Gül, mit dem die Gastgeberin neben Ihrer Frau die Ehrenformation der türkischen Armee abgeschritten hat, war halt die viel größere Sensation.

Viel mehr kann so ein Staatsbesuch wohl nicht bringen.

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