Standard & Poor’s, Moody’s, Fitch: Hexenjagd auf die Ratingagenturen

Standard & Poor’s, Moody’s, Fitch: Hexenjagd auf die Ratingagenturen

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Fitch Ratings in London

Die Politik schiebt in der Euro-Krise den Bonitätsprüfern den Schwarzen Peter zu. Wollen die übermächtigen Agenturen insgeheim die Banken schützen – oder machen sie einfach nur ihren Job?

Sie sind übermächtig, unberechenbar und treiben ganze Staaten in den Abgrund. Es fehlt nicht viel, und sie haben das Europäische Währungssystem auf dem Gewissen. Politiker aller Parteien haben in der vergangenen Woche die neuen Sündenböcke in der Euro-Schuldenkrise ausgemacht: Es sind diese autistischen Männer und Frauen in ihren grauen Anzügen, die ihre Brötchen damit verdienen, mathematische Modelle mit Zahlen zu füttern. Ihr Treiben muss gestoppt werden. Am besten, man verjagt sie gleich ganz aus Europa.

Die Rede ist von den Analysten der drei großen Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P), Fitch und Moody’s. Mit ihren Bewertungen verpassen sie einzelnen Staaten und Unternehmen Noten für ihre zukünftige Zahlungsfähigkeit. Dafür kassieren sie derzeit saftig Prügel. „Die Ratingagenturen sind ein ernst zu nehmendes Problem für die Stabilität von Staaten. Sie treiben notleidende Staaten systematisch in die Pleite“, sagte Frank-Walter Steinmeier der WirtschaftsWoche. Was den SPD-Fraktionschef auf die Palme bringt: „Im Fall Griechenland haben sie das Land in seiner Kreditwürdigkeit erst herabgestuft, weil die Schulden zu hoch waren und nicht genug gespart wurde. Später haben sie Griechenland wieder herabgestuft, weil durch den rigiden Sparkurs kein Wachstum mehr entstand. So werden notleidende Staaten systematisch in die Pleite getrieben.“ Auch die Konsequenz ist für ihn klar: „Ich bin davon überzeugt, dass wir das völlig unkontrollierte Dasein der Ratingagenturen, die nur dem Profit verpflichtet sind, beenden müssen.“

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Schlag in die Magengrube

Wie die drei großen Ratingagenturen die Bonität von Griechenland, Portugal und Irland bewerten

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Die Bundesregierung sieht das kaum anders. Die Währungshüter sollten sich „unabhängig von den Ratingagenturen ein Urteil bilden“, empfahl Bundeskanzlerin Angela Merkel der Europäischen Zentralbank (EZB). Selbst Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble fordert: „Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen.“ EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier kündigt für den Herbst ein umfassendes Regulierungspaket an.

Auslöser für die Hexenjagd auf die Ratingagenturen war Anfang vergangener Woche zunächst eine Meldung von S&P. Die Bonitätswächter kündigten an, die Beteiligung des privaten Sektors an einem zweiten Rettungspaket für Griechenland, auf die sich Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy geeinigt hatte, als Ausfall zu bewerten. Für die EZB ist das Anlass genug, gegen die Beteiligung der privaten Gläubiger an der erneuten Griechenland-Hilfe zu Felde zu ziehen. Macht sie ihre Drohung wahr und nimmt mit „Default“ bewertete Papiere nicht mehr als Sicherheit an, würde das griechische Bankensystem austrocknen. Dann drohte der Welt womöglich ein neuer Finanzkollaps. Damit ist praktisch nicht nur der mühsam hergestellte Kompromiss der zwei mächtigsten Regierungschefs Europas Makulatur, auch die Zukunft Griechenlands und der Zusammenhalt der Euro-Länder stehen erneut auf der Kippe.

Am Dienstag dann legte Moody’s nach: Die Agentur senkte ohne ersichtlichen Anlass Portugals Kreditwürdigkeit um vier Stufen auf Ramschstatus „Ba2“ (siehe Grafik). Das Timing war bemerkenswert: Nicht einmal eine Woche bevor sich die Finanzminister der Euro-Zone an diesem Montag treffen, um über eine Lösung für die angestrebte Investorenbeteiligung im Falle von Griechenland zu verhandeln, spekulierte die US-Rating-Agentur, dass auch das notleidende Land am anderen Ende Europas womöglich ein zweites Hilfspaket nötig haben könnte. Die Politiker reagierten entsetzt: „Das ist ein Schlag in die Magengrube“, sagte der portugiesische Ministerpräsident Passos Coelho.

Doch auch wenn das Gejammer groß ist: Europas Politiker haben ihr Dilemma zu einem Großteil selbst verschuldet. Nicht nur offenbart die aktuelle Schuldenkrise, dass die politischen Einschätzungen über die Zahlungsfähigkeit der Pleiteländer nichts mit der ökonomischen Realität zu tun hat. Sie selbst räumten den Ratingagenturen jenen Einfluss ein, unter dem sie jetzt leiden.

Ihr Machtoligopol verdanken S&P, Fitch und Moody’s im Wesentlichen der amerikanischen Finanzmarktregulierung. In den Dreißigerjahren schrieb die Börsenaufsicht SEC den Banken vor, ausschließlich Wertpapiere zu halten, die Ratingagenturen mit Bestnoten versehen hatten. Bald gab es Vorschriften, dass auch Fonds nur noch solche Papiere kaufen dürfen, die von S&P, Fitch oder Moody’s mit mindestens der Note A bewertet wurden.

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