
WirtschaftsWoche: Herr Hinrichs, vor wenigen Tagen stufte Standard & Poor’s griechische Staatsanleihen auf Ramschniveau herunter und zwang die EU damit, Athen mit Milliardenhilfen zu unterstützen. Dafür erhielten Sie viel Kritik – zu Recht?
Hinrichs: Wir haben bereits 2004 damit begonnen, die Kreditwürdigkeit von Griechenland herunterzustufen. Damals wurden griechische Papiere wie AAA-Papiere auf dem Markt gehandelt und damit fünf Stufen über dem damaligen S&P-Rating. Nun haben wir Griechenland auf BB+ herabgestuft, was in unseren historischen Statistiken einer Ausfallwahrscheinlichkeit von etwa 14 Prozent entspricht. Die Märkte hingegen haben griechische Papiere schon seit Januar viel pessimistischer bewertet. Schon allein die zeitliche Entwicklung zeigt, dass es völlig falsch ist, aus der jüngsten Herabstufung abzuleiten, wir hätten die EU zu etwas gezwungen.
Trotzdem müssen Sie sich nun Fragen nach Ihrer Arbeitsweise und der Allmacht einiger weniger Menschen in Ihrem Unternehmen gefallen lassen – ob über Staaten oder über Unternehmen, deren Kreditwürdigkeit Sie ebenfalls beurteilen.
Die Rolle von Ratingagenturen ist es, unabhängige und objektive Meinungen zur zukünftigen Zahlungsfähigkeit von Kapitalmarktschuldnern zu veröffentlichen. Die Kriterien, nach denen unsere Ratings zustande kommen, sind öffentlich zugänglich.
Gehen wir ins Detail. Wie viele Unternehmen bewertet bei Ihnen ein Analyst?
Ein Analyst betreut etwa 15 bis 20 Unternehmen hauptverantwortlich. Diese Unternehmen kommen meist aus einer Industrie. Es ist wichtig, zu wissen, dass kein Rating von einem einzelnen Analysten entschieden wird, sondern immer ein Ratingkomitee aus mindestens fünf erfahrenen Analysten diese Entscheidung trifft. Und wir haben eine ganze Menge von strengen Maßnahmen getroffen, um dafür zu sorgen, damit die Meinungsbildung der S&P-Analysten frei von wirtschaftlichen Einflüssen ist. Wenn jetzt ständig von der Macht der Agenturen gesprochen wird, sollte nicht vergessen werden, dass diese Bedeutung über Jahrzehnte hinweg durch eine beeindruckende Erfolgsstatistik gewachsen ist.
Wie verhindern Sie, dass der Analyst in Unternehmen mit einer schlechten Note bestraft oder mit einer guten belohnt, abhängig davon, wie er vom Management behandelt wurde?
Es ist sachlich falsch, niedrigere Ratings als Bestrafung und hohe Ratings als Belohnung zu sehen. Viele Unternehmen setzen sich zum Beispiel ein Rating von BBB als Ziel, weil diese Ratingstufe ihnen einen größeren Spielraum bei einigen Finanzkennzahlen einräumt als Ratings in den höheren Kategorien. Ebenso weit hergeholt ist die Vermutung, dass ein Ratingergebnis von einem einzelnen Analysten abhängt oder gar durch besondere Behandlung zu beeinflussen wäre. Es gibt immer einen zweiten, manchmal auch einen dritten Analysten, der an einem Fall mitarbeitet. Es steht niemals ein Analyst alleine einem Unternehmen gegenüber. Wenn der Hauptanalyst, der sogenannte Lead-Analyst, dem Komitee seinen Ratingvorschlag unterbreitet, ist es überhaupt nicht gesagt, dass das Komitee diesem Vorschlag folgt. Der Lead-Analyst kann jederzeit überstimmt werden.
Dass eine Entscheidung ganz knapp ausfiel, erfährt aber niemand. Wieso suggerieren Sie stattdessen eine in Beton gegossene Objektivität?
Wir suggerieren keine Objektivität im Sinne von Zählen, Messen, Wiegen. Im Gegenteil: Ratings sind eine Meinung und keine exakte Wissenschaft, vielmehr eine vergleichende Analyse.













