Statistik: Inflationsmessung per Handy

Statistik: Inflationsmessung per Handy

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Ein US-Volkswirt berechnet die Entwicklung der Preise schneller als jede Statistikbehörde. Vorbild ist Google.

Um die Inflation zu messen, muss das amerikanische Bureau of Labor Statistics Monat für Monat Geschäfte abklappern. Dort erfasst es beispielsweise den Preis einer Zweikilo-Tüte Golden Delicious und ein paar Hundert weiterer Artikel. Oder die Beamten klemmen sich hinter ihr Festnetztelefon, um Verbraucher zu ihren Ausgaben zu befragen. Im Wesentlichen geht das beim Statistikbüro schon ein halbes Jahrhundert so, und bei einem Etatantrag räumte die Behörde jüngst ein, ihre Methoden seien im Zeitalter von Handy und Onlinehandel „zunehmend von gestern".

Wie das Verfahren des 21. Jahrhunderts aussehen könnte, zeigt hingegen Alberto Cavallo mit seinem „Billion Prices Project" (BPP). Täglich durchforstet ein von Cavallo entwickeltes Programm die Webseiten von rund 300 Online-Einzelhändlern und registriert die Preise von ungefähr fünf Millionen über das Web verkauften Gütern. „Die Technik ähnelt stark der, die Google bei der Indexierung von Webseiten verwendet", sagt der 33-jährige Volkswirt, der am Massachusetts Institute of Technology (MIT) forscht. Dann spuckt die Software, an der Cavallo und sein Kollege Roberto Rigobon in den vergangenen drei Jahren gefeilt haben, eine tagesaktuelle Schätzung der Preisänderungen aus.

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Dass Cavallos Projekt Echtzeit-Daten bereitstellt, sei für Unternehmer und politische Entscheidungsträger von größter Bedeutung, sagt James Hamilton, Volkswirt der University of California in San Diego. Eine Woche nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers 2008 registrierte das Projekt in den ganzen USA fallende Preise. Der offizielle Inflationsindikator des staatlichen Statistikbüros meldete erst 56 Tage später Deflationstendenzen. Cavallo zufolge bewegen sich die Zahlen seines Projekts derzeit über den staatlichen Inflationsschätzungen, und er geht davon aus, dass letztere bald nachziehen.

Daten aus der Privatwirtschaft

An eine Grenze stößt Cavallos Programm dadurch, dass nicht alle Güter über das Internet gehandelt werden. Bestimmte Geschäfte – unter anderem Immobilienkäufe und Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung – würden nach wie vor offline abgewickelt. Einer der maßgeblichen Vorteile des Projekts sieht Google-Chefvolkswirt Hal Varian hingegen darin, dass seine Daten nicht durch Statistikbehörden gefiltert werden, denen man in einigen Ländern nicht völlig vertrauen könne. Tatsächlich begann Cavallo, der einen großen Teil seiner Kindheit in Buenos Aires verbrachte, 2007 mit einem Vorläufer des BPP nur für Argentinien. Die Behörden hätten begonnen, ihre Inflationsstatistiken zu manipulieren, sagt er, und in solchen Fällen könne sein Programm dazu dienen, den Bürokraten mit Hilfe von Daten aus der Privatwirtschaft auf die Finger zu sehen.

Den Beruf des Volkswirts hat Cavallo geerbt. Sein Vater, Domingo Cavallo, war in den 1990er Jahren argentinischer Finanzminister. Er gestaltete die Politik mit, die das Land von der Hyperinflation befreite. Cavallo junior ging 2003 in die USA und promovierte in Harvard. Er betrachtet sein Programm als Ressource für alle. Er will kein Geld damit verdienen und hat bereits vor Regierungsbeamten darüber referiert, wie das System staatliche Verfahren ergänzen kann. „Als nächstes gilt es herauszufinden, wie Regierungen die Informationen einsetzten können, um bessere Entscheidungen zu treffen", sagt er.

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