Stefan Kracht: »Aus allen Schichten«

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InterviewStefan Kracht: »Aus allen Schichten«

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Langsam werden die Proteste in Hongkong weniger, haben aber noch nicht aufgehört.

von Philipp Mattheis

Die Proteste könnten zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

WirtschaftsWoche: Herr Kracht, hat Sie die Eskalation der Proteste überrascht?

Stefan Kracht: Ich muss betonen: Es geht hier um vielleicht 500 Quadratmeter, auf denen die Polizei circa 90 Tränengaskapseln geworfen hat. Ich bin froh, dass die Proteste größtenteils sehr friedlich verlaufen, dies beweist die Reife der Demonstranten. Überrascht hat mich, dass doch so viele Hongkonger aus allen Schichten und Altersgruppen teilnehmen. Und zuletzt war es eine gute Entscheidung der Polizei, ihre Leute abzuziehen.

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Stefan Kracht

  • Zur Person

    Kracht, 40, ist in Hongkong geboren und aufgewachsen und leitet dort die Unternehmensberatung Fiducia.

Die Bilder rufen Erinnerungen an die Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 wach. Sehen Sie Parallelen?

Für die Kommunistische Partei wäre ein gewaltsamer Eingriff das größte Desaster, wie man schon an den Tränengas-Bildern in der internationalen Presse sehen konnte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Peking mit mehr Härte gegen die Proteste vorgeht. Das hat man aber 1989 auch gesagt.

Regionen, die China Probleme machen könnten

  • Taiwan

    Die Regierung in Taiwan beobachtet die Proteste in Hongkong sehr genau: Taiwans Präsident sagte in einem Interview mit Al Dschasira, dass er hoffe, dass China und Hongkong zu einer akzeptablen demokratischen Lösung finden werden. Seit 1949 hat sich in der Republik China eine Demokratie entwickelt; Peking betrachtet Taiwan bis heute als "untrennbaren Bestandteil" des eigenen Territoriums.

  • Hongkong

    Die Sonderverwaltungszone Hongkong gehört seit 1997 zu China. Bereits 2003 kam es zu Protesten, als Peking ein Gesetz einführen wollte, dass die Pressefreiheit abschaffen sollte und freie Religionsgruppen verboten hätte. Die Proteste nun treten für mehr Demokratie in Hongkong ein.

  • Macau

    Auch Macau ist eine Sonderverwaltungszone, in der es momentan allerdings noch relativ ruhig zu sein scheint. 2007 gab es da den letzten großen Aufstand. Damals gingen 2400 Arbeiter auf die Straße, die sich gegen Korruption einsetzen wollten.

  • Xinjiang

    Seit Jahren schon dauern die Auseinandersetzungen zwischen Bürgern und der Polizei in der Region Xinjiang schon an. Das Problem: Die Uiguren wehren sich gegen die Repressionen der chinesischen Regierung, die sie aufgrund ihrer Religion und ihrer Sprache diskriminieren.

Wie ist die Stimmung in Hongkong?

Die großen Banken in Central sind natürlich nicht gerade begeistert. Aber die direkten Auswirkungen der Besetzung sind gering. Viele Mitarbeiter kamen in den vergangenen Tagen sogar schneller zur Arbeit, weil die Straßen frei waren. Am schwersten trifft es die vielen Geschäfte, vor allem in dieser „Golden Week“, in der sonst Hunderttausende von Festlandschinesen ihren Urlaub in Hongkong verbringen.

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Was wäre das Worst-Case-Szenario?

Schon eine Ausgangssperre und Militärpolizei wären fatal für den internationalen Finanzstandort. Waffengewalt gegen die Demonstranten oder gar den Einsatz der Volksbefreiungsarmee aber kann sich hier niemand vorstellen.

Welche Auswirkungen werden die Proteste auf längere Sicht haben?

Es droht eine Spaltung der Gesellschaft. Viele Studenten dürften sich radikalisieren, und auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass auch das Pro-Peking-Lager sehr groß ist. Vor allem viele der älteren Hongkonger stehen aufseiten Pekings. Zudem könnte das Parlament gelähmt werden: Die Regierung ist Peking treu, die Pro-Demokratie-Parteien blockieren deren Gesetzesentwürfe.

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