Stefan Tangermann im Interview: "Ein Weckruf"

Stefan Tangermann im Interview: "Ein Weckruf"

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Stefan Tangermann, OECD-Direktor für Handel und Landwirtschaft

OECD-Direktor Stefan Tangermann über die künftige Entwicklung der Nahrungsmittelpreise und die Versäumnisse der Agrarpolitik.

WirtschaftsWoche: Herr Tangermann, die Preise für Nahrungsmittel explodieren. Allein in den vergangenen neun Monaten lag das Plus im Schnitt bei 45 Prozent. Haben wir jetzt die Spitze erreicht – oder geht es noch weiter nach oben?

Tangermann: Es kann durchaus noch Ausschläge nach oben geben. Insgesamt aber dürften die extrem hohen Preise, die wir gegenwärtig erleben, nicht von Dauer sein. Allerdings wird der mittelfristige Rückgang der Preise eher langsam vonstatten gehen. Die Lager sind leergefegt, und es dauert seine Zeit, bis sie sich wieder füllen. Die Preise werden auch nicht auf das Niveau zurückfallen, das sie vor der Krise hatten. Wir müssen für Nahrung mehr bezahlen als früher.

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Welche Rolle spielen Spekulanten bei der aktuelle Agrarpreis-Hausse ?

Dieser Einfluss wird überschätzt. Sicher hat die Spekulation an den Terminmärkten seit dem vergangenen Jahr zugenommen. Aber für weit wichtiger halte ich das Phänomen, dass in Phasen schnell steigender Preise ein sich selbst beschleunigender Prozess einsetzt, weil Marktteilnehmer Käufe vorziehen. Die Mühlen kaufen mehr Getreide, als sie aktuell brauchen, der Bäcker deckt sich mit zusätzlichem Mehl ein, weil er glaubt, dass es bald noch teurer wird. Das heizt den Preisauftrieb an.

Haben die hohen Preise vielleicht auch ihr Gutes – weil sie als Knappheitsindikator neue Anbieter auf den Markt locken?

Theoretisch ja. Es gibt einen alten Ökonomen-Spruch, der besagt: Das beste Mittel gegen steigende Preise sind steigende Preise. Allerdings sind dafür Wettbewerb und offene Märkte nötig.

Angesichts der steigenden Weltbevölkerung müssen wir den Ernteertrag deutlich steigern. Das geht nur durch intensive Forschung und Agrarinnovationen. Da hat es in den vergangenen Jahren weltweit große Versäumnisse gegeben, insbesondere was Produktivitätssteigerungen in Entwicklungsländern angeht. Vielleicht ist die aktuelle Krise ja ein Weckruf für die Regierungen, wieder mehr Geld in die Agrarforschung zu investieren, aber auch die landwirtschaftliche Entwicklung in armen Ländern stärker zu fördern.

Umstritten ist, welche Rolle die grüne Gentechnik spielen soll. Was meinen Sie?

Wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Wenn es zum Beispiel gelingt, Pflanzen durch Gentechnik resistenter gegen Hitze und Dürre zu machen, wäre dies gerade für die Entwicklungsländer ein großer Fortschritt.

Viele Entwicklungs- und Schwellenländer setzen auf das Gegenteil: Mehr als 30 Staaten planen Preiskontrollen und Exportbeschränkungen oder haben diese bereits eingeführt.

Ich hoffe sehr, dass die derzeitigen Marktinterventionen vieler Staaten in Asien und Afrika nicht dauerhaft bestehen bleiben. Solche Interventionen wirken auf mittlere Sicht kontraproduktiv. Wenn die Preise für ein stark nachgefragtes Gut eingefroren werden, geht das offizielle Angebot in den Läden zurück – stattdessen blüht der Schwarzmarkt. Gleichzeitig sinkt der Anreiz für landwirtschaftliche Betriebe, mehr zu produzieren. Ausfuhrrestriktionen führen zudem zu einem gesamtwirtschaftlichen Verlust, da die Exporterlöse sinken; gerade Entwicklungsländer sind aber auf Deviseneinnahmen angewiesen. Und letztendlich leiden auch Drittstaaten – jene, die die Agrarprodukte kaufen wollten.

Ist es nicht verständlich, wenn Regierungen zuerst an ihr eigenes Volk denken, wenn das Essen knapp wird?

Doch. Aber mehr Weitblick ist gefragt. Den Menschen, die sich wegen der steigenden Preise nicht mehr genug Nahrungsmittel kaufen können, muss in einer international koordinierten Aktion finanziell geholfen werden. Aber dies ist nur eine kurzfristige Hilfe und beseitigt die Probleme nicht. Wir haben es hier mit keinem physischen, sondern einem ökonomischen Problem zu tun. Die weltweite Nahrungsmittelproduktion ist in den vergangenen Jahren nicht signifikant gesunken. Die Welt könnte ausreichend Nahrung für alle Menschen produzieren. Trotzdem gibt es nach UN-Schätzung rund 850 Millionen Menschen, die hungern müssen. Dies ist aber vor allem ein Problem von zu geringen Einkommen und mangelnder Kaufkraft. Der Schlüssel zur Lösung der Krise liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung.

Was muss noch geschehen?

Angesichts der steigenden Weltbevölkerung müssen wir den Ernteertrag deutlich steigern. Das geht nur durch intensive Forschung und Agrarinnovationen. Da hat es in den vergangenen Jahren weltweit große Versäumnisse gegeben, insbesondere was Produktivitätssteigerungen in Entwicklungsländern angeht. Vielleicht ist die aktuelle Krise ja ein Weckruf für die Regierungen, wieder mehr Geld in die Agrarforschung zu investieren, aber auch die landwirtschaftliche Entwicklung in armen Ländern stärker zu fördern.

Umstritten ist, welche Rolle die grüne Gentechnik spielen soll. Was meinen Sie?

Wir können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Wenn es zum Beispiel gelingt, Pflanzen durch Gentechnik resistenter gegen Hitze und Dürre zu machen, wäre dies gerade für die Entwicklungsländer ein großer Fortschritt.

Welchen Beitrag kann die europäische Agrarpolitik zur Lösung der Krise leisten?

Die EU-Agrarpolitik hat in den vergangenen Jahren einen stärker marktwirtschaftlichen Kurs eingeschlagen. Das ist gut so und muss fortgesetzt werden. Vor allem sollten die Exportsubventionen, die europäische Agrargüter auf dem Weltmarkt künstlich verbilligen, wegfallen. Das gilt auch für andere Industriestaaten wie die USA. Exportsubventionen beschädigen die Agrarmärkte in Entwicklungsländern und tragen somit – zumindest indirekt – zu der desolaten Lage bei.

Wenig marktwirtschaftlich gibt sich die EU beim Thema Biosprit und will an dem Ziel festhalten, bis 2020 zehn Prozent des Kraftstoffverbrauchs durch Biosprit zu decken. Ein Fehler?

Ja. Die Politik verplempert Milliardensummen für die Subventionierung der ersten Biosprit-Generation, also der Kraftstoffproduktion aus Getreide, Zucker und Ölsaaten. Das geht zulasten der Nahrungsmittelproduktion, treibt die Preise und bringt wegen der energieaufwendigen Herstellung auch fast nichts für den Klimaschutz. Die Politik sollte diese Subventionen besser in die Technologieförderung stecken, um die zweite Biosprit-Generation, die zum Beispiel Abfälle und Holzreste nutzt und noch in den Kinderschuhen steckt, schneller marktreif zu machen.

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