Steigende Löhne: China verabschiedet sich von Billigproduktion

Steigende Löhne: China verabschiedet sich von Billigproduktion

Bild vergrößern

Protestierende Honda-Mitarbeiter

von Matthias Kamp

Die eskalierenden Streiks und Arbeiterunruhen haben weitreichende Folgen für Chinas Wachstumsmodell – nicht nur negative.

Zu Hunderten haben sich die Arbeiter vor ihrer Fabrik versammelt. „Wollt ihr streiken?“, skandiert einer der Anführer. „Ja“, erwidert die Menge und reißt die Arme hoch. „Wollt ihr mehr Geld?“, schallt es erneut über den Werkshof von Honda Lock, einem Autozulieferer im südchinesischen Zhongshan. Wieder antwortet die Masse mit einem lauten „Ja“.

Nachdem beim Apple-Lieferanten Foxconn in kurzer Folge zehn Menschen in den Tod sprangen und fast zeitgleich die Arbeiter beim Honda-Zulieferer Nanhai in Südchina die Arbeit niederlegten, weiten sich Streiks und Arbeiterunruhen in China immer weiter aus. Seit Mittwoch vergangener Woche demonstrieren die Arbeiter bei Honda Lock, einem Hersteller von Türschlössern, für höhere Löhne und bessere Sozialleistungen. Wenige Tage zuvor hatte die Belegschaft bei Foshan Fengfu, einem Hersteller von Auspuffteilen, die Arbeit niedergelegt. Nanhai beugte sich bereits dem Druck und erhöhte die Löhne um 24 Prozent. Andere Unternehmen dürften folgen. „Wir stehen an einem Wendepunkt“, sagt Terry Gou, Gründer und Chef von Foxconn, „man kann China bald nicht mehr als Billigstandort betrachten.“ Gous Unternehmen hat angekündigt, die Löhne kräftig zu erhöhen. Ein Teil der Belegschaft kann mit einer Verdopplung des Monatssalärs auf umgerechnet rund 240 Euro rechnen.

Anzeige

Setzt sich der Trend fort, könnte Chinas Wirtschaftsstruktur vor tief greifenden Veränderungen stehen – mit Exportzuwächsen wie im Mai von fast 50 Prozent dürfte es bald vorbei sein. Seinen Ausfuhrboom konnte das Reich der Mitte vor allem wegen seiner niedrigen Löhne erzielen. Experten wie Wang Tao, China-Chefökonomin bei UBS in Peking, rechnen damit, dass die Fabriklöhne landesweit demnächst um rund 15 Prozent steigen werden. Für viele Firmen dürfte es dann eng werden, denn höhere Arbeitskosten drücken die ohnehin knappen Gewinnmargen der Billighersteller.

Eine Erhöhung der Arbeitskosten um fünf Prozent reduziert die Gewinnmarge nach Steuern um 0,4 Punkte, rechnet Ma Jun vor, China-Chefökonom der Deutschen Bank in Hongkong. „In arbeitsintensiven Branchen wie bei Autozulieferern oder Elektronik-, Schuh- und Textilherstellern könnten die Abschläge sogar noch größer sein.“ Zwar haben viele Unternehmen durch bessere Maschinen die Produktivität steigern können. Doch in vielen Branchen liegen die Renditen schon seit Jahren bei mageren drei bis fünf Prozent. Höhere Fabriklöhne könnten die Produktivitätsgewinne vergangener Jahre schnell auffressen, glaubt Wang. Und der Trend, dass viele Billighersteller ihre Fabriken in noch billigere Nachbarländer verlegen, dürfte sich fortsetzen.

Höhere Löhne könnten den Exportboom bremsen

Doch höhere Löhne haben für die chinesische Wirtschaft auch positive Effekte. Peking könnte seinem Ziel, den privaten Verbrauch anzukurbeln, einen Schritt näher kommen. Seit Jahren sinkt der Beitrag, den der Privatkonsum zur Wirtschaftsleistung beiträgt, während der Exportanteil am BIP wächst. Die Regierung will den Trend umkehren und sich unabhängiger von der Nachfrage im krisengeplagten Westen machen.

Dass eine Erhöhung der Fabriklöhne überfällig ist, bestreitet in China kaum jemand, auch nicht die Regierung. Sie hat die Streikenden bisher gewähren lassen, obwohl Arbeitsniederlegungen in China eigentlich verboten sind. Während die Gehälter für hoch Qualifizierte in den letzten Jahren rasant gestiegen sind, haben die Arbeiter heute nicht viel mehr in der Lohntüte als vor zehn Jahren – je nach Zahl der Überstunden, die sie leisten, zwischen 120 und 150 Euro monatlich. Und das bei zum Teil kräftig gestiegenen Lebenshaltungskosten. Die Unruhen erhöhen nun den Druck auf die Regierung, endlich ernst zu machen mit ihrer Ankündigung, Industrien mit höherer Wertschöpfung zu entwickeln. Chinas Aussichten, die Wertschöpfungsleiter emporzuklettern, beurteilt Deutsche-Bank-Ökonom Ma positiv und denkt etwa an medizinische Geräte, Telekomausrüstung und neue Energien.

Doch auch für die Arbeiter bei Honda Lock in Südchina dürfte sich die Lage bald bessern. Dass sie bald mehr Geld in der Lohntüte haben, gilt als sicher.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%