Südamerika-Reise: Westerwelle auf Genschers Spuren

Südamerika-Reise: Westerwelle auf Genschers Spuren

von Henning Krumrey

Zwei Botschaftsmitarbeiter eilen die Flugzeugtreppe hinaus und asten kurz darauf ein schweres Paket in brauner Plane herunter, so groß wie vier bis fünf große Sporttaschen. Sie wuchten es auf ein Wägelchen: „Tent in one Bag“, steht auf der Plane, also das „Zelt in einem Sack“.

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Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP,r.) überreicht auf dem Flughafen von Santiago de Chile, zusammen mit Mitarbeitern des Technischen Hilfswerk (THW), an seinen chilenischen Amtskollegen, Mariano Fernandez, humanitäre Sachspenden

Erst als das Gepäckstück sauber drapiert ist und die Fotografen und Kameraleute davor Aufstellung genommen haben, kommt der vermeintliche Spender die Gangway herunter. Außenminister Guido Westerwelle posiert auf dem Flugfeld in Santiago de Chile hinter dem dicken Präsent. Deutschland wolle „einen kleinen Beitrag leisten“, um die Folgen des schweren Erdbebens in Chile zu lindern. Später ergänzt der Gast: „Ich sage zu, dass wir uns nicht nur in Worten, sondern auch in Taten solidarisch beweisen werden.“

Außenpolitik ist immer auch eine Sache der Symbolik. Sein Vorbild ist Hans-Dietrich Genscher, und nun wandelt Westerwelle auf den Spuren seines Idols. Geld und gute Worte bringt Deutschlands oberster Diplomat mit in die chilenische Hauptstadt. Doch es gibt nicht nur Bares, sondern Zelte und Decken, ein Dialysegerät und einen 13-Kilowatt-Stromgenerator. Es ist die Fortsetzung der Scheckbuch-Diplomatie mit gar nicht so anderen Mitteln.

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Kurzfristig also hat Westerwelle vor sein seit langem geplantes Reiseprogramm nach Südamerika mit Visiten in Argentinien, Uruguay und Brasilien noch einen Blitz-Abstecher nach Chile eingeschoben. Solidaritätsbesuch nennt sich das. Die deutsche Politik will signalisieren, dass sie das Andenland nach dem Erdbeben in der Region Concepcion nicht allein lasse. Weil die Regierungsmaschine mit der planmäßigen Delegation schon recht voll ist, bleibt nur wenig Raum für Hilfsgüter. Zelte, Decken, Wasserbehälter und ein Dialysegerät im Wert von 250 000 Euro hat das Deutsche Rote Kreuz beigesteuert. Denselben Betrag gibt es als finanzielle Unterstützung für den Wiederaufbau beschädigter Kulturdenkmäler. Das wichtigste Mitbringsel aber: die vier Mann vom Technischen Hilfswerk (THW).

Höflichkeitsbesuch auf den Kapverden

Donnerstagmittag, 60 Stunden vor dem Abflug, erreichte die Anfrage Dietmar Bleistein im bayerischen Nabburg: Ob er am Samstagabend mit dem Außenminister nach Chile aufbrechen könnte, ins Erdbebengebiet? Der Inhaber eines Bauplanungsbüros überlegte kurz, sagte dann zu. „Da muss man dann schnell prüfen, was die Familie in den nächsten zwei Wochen vorhatte, und dann muss man die dienstlichen Termine verschieben - oder vorarbeiten.“ Mit einigen Telefonaten und zwei Nachtschichten schaufelte er die Zeit frei, um für 14 Tage in Concepcion zu helfen. Er führt die vierköpfige THW-Gruppe, die vor Ort prüfen soll, welche Gebäude stabilisiert und saniert werden können, welche dagegen zu sperren und abzureißen sind.

Nur Peter Görgen aus Koblenz, ebenfalls selbstständiger Bauplaner, kannte alle drei Mitstreiter schon von früheren Einsätzen. „Aber das macht nichts, wir haben ja alle blaues Blut“, spielt er auf die leuchtende Uniformfarbe des THW an. Erfahrung haben sie alle: Görgen war zuletzt im Herbst 2009 in Indonesien im Einsatz, Bleistein war in Bolivien und - gemeinsam Rudolf Hattenkofer aus Landshut - in Pakistan. Wolfgang Lutterbey aus dem münsterländischen Ibbenbüren schuftete schon im Iran. „Wenn man etwas gelernt hat, dann dass man nicht so viel vorausdenken sollte - es kommt ohnehin anders“, fasst der Bauingenieur Hattenkofer seine Erfahrungen zusammen. Er arbeitet wie sein Fachkollege Lutterbey im öffentlichen Dienst, im Liegenschaftsamt.

Als Lohn bekommen die vier - wie alle freiwilligen THW-Helfer - lediglich den Verdienstausfall ersetzt. So regelt es das Gesetz. Die Arbeitszeit ist dagegen mindestens doppelt so hoch wie daheim. Im deutschen Konsulat in Concepcion wird das Team seine genaue Aufgabe erhalten. Vermutlich sind mit Priorität Massenunterkünfte für Obdachlose und Schulen auf ihre Standfestigkeit zu prüfen. Doch den Weg in die zerstörte Küstenstadt treten die vier Helfer ohne den Außenminister an. Westerwelle reist nur in die Hauptstadt, übergibt dort medienwirksam die Hilfsgüter und stellt die THWler vor. Ins Epizentrum möchte er nicht reisen, um die Aufräumarbeiten nicht durch Katastrophentourismus zu behindern.

Stattdessen lieber Gespräche in der Hauptstadt: mit dem künftigen Präsidenten und dem künftigen Außenminister, die beide in wenigen Tagen ihre Ämter antreten. Und mit dem noch amtierenden Kollegen, der in Bonn studiert hat und mit Westerwelle Deutsch spricht. Auch der künftige Staatssekretär gesellt sich dazu. „Er hat auch in Bonn studiert“, stellt Außenminister Moreno vor. „Bonn, meine Heimat“, antwortet Westerwelle. Und welches Studienfach war’s? „Jura, bei Professor Tomuschat.“ Westerwelle ist perplex: „Dann hatten wir ja denselben! Hat er Sie auch so gequält?“ Im Protokollsaal zeigen Risse an der Decke, dass das Erdbeben bis nach Santiago die Wände hat wackeln lassen.

Gleich bei der ersten Zwischenlandung auf der gut einwöchigen Reise hatte es geheißen, Abschied zu nehmen - Abschied von den Kapverdischen Inseln. Seit Jahrzehnten diente deren Hauptstadt Sal als Zwischenstopp der deutschen Maschinen auf dem Weg nach Südamerika. Für den jeweiligen Staatspassagier bedeutete das ein Gespräch mit dem kapverdischen Kollegen, aus reiner Höflichkeit - wegen Westerwelle war der dortige Außenminister bis 4 Uhr morgens wach geblieben, um den Gast aus dem fernen Deutschland willkommen zu heißen. Für den mitreisenden Tross hieß der Zwischenstopp stets zwei Stunden Herumlungern auf dem Flughafen. Von dem unwirtlichen Eiland sah man stets nur beim Anflug die karge, abweisende Landschaft und die Hotels an der Küste. Diese Zeiten sind nun vorbei. Wenn im Frühjahr 2011 die neuen Langstrecken-Regierungsmaschinen in Dienst gestellt werden, macht die höhere Reichweite eine Landung auf den Kapverden überflüssig.

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