Südamerika: Venezuelas Privatwirtschaft hat keine Hoffnung

Südamerika: Venezuelas Privatwirtschaft hat keine Hoffnung

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Oswaldo Jofre vor seiner Zuckerrohrplantage

In Venezuela wählt ein neues Parlament gewählt. Der linkspopulistische Präsident Hugo Chávez kann mit einer Wiederwahl rechnen - die Privatwirtschaft hat er in ein enges Regelkorsett gezwängt.

Oswaldo Jofre steht in einem Meer von Zuckerrohr. Der Wind beugt die drei Meter hohen Halme. Dann beschreibt er mit dem Arm einen Kreis um das Feld. „Das ist meine Vergangenheit“, sagt der venezolanische Farmer mit Wehmut. „Ich habe 35 Jahre lang Zuckerrohr angebaut. Und nun höre ich auf.“

Wie andere Privatunternehmer hat Jofre die Nase voll vom Wirtschaftskurs des linkspopulistischen Präsidenten Hugo Chávez. Der sozialistische Staatschef hat seit seinem Amtsantritt 1999 Milliarden in den Staats- und Kooperativsektor gepumpt und die Privatwirtschaft in ein Korsett von Regeln gezwängt, so eng, dass viele private Firmeninhaber aufgeben. Auch im Agrarbereich.

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Die Landwirtschaft ist eines der Vorzeigeobjekte des machtbewussten Präsidenten: „independencia alimentaria“, "Ernährungs-Unabhängigkeit", heißt seine Parole. Venezuela soll eines Tages so viel Lebensmittel produzieren, dass sie für das eigene Volk und sogar für Exporte ausreichen. An diesem Sonntag wählen die Venezolaner ein neues Parlament. Die Wirtschaftslage ist Wahlthema. Stromausfälle, Wasserrationierung und eine Inflation von fast 20 Prozent treffen alle Bürger. „Ich werde auf keinen Fall Chávez wählen“, sagt Jofre.

Geschäft mit Zuckerrohr lohnt nicht mehr

Der Teint unter der Sonnenbräune verrät die europäische Herkunft des Landwirtes. Seine Eltern wanderten 1951 von Spanien nach Venezuela aus, um sich in dem Karibikland eine neue Existenz aufzubauen. Die Familie zog bald von der Hauptstadt Caracas nach Cariaco im Bundesstaat Sucre. Jofre stieg als junger Mann in die Produktion von Zuckerrohr ein.

Das kleine Bundesland westlich der Ferieninsel Margarita an der Karibikküste lebt von der Landwirtschaft. Allein im Kreis Ribero rund um Cariaco bauen 850 Bauern Zuckerrohr an. Sie besitzen durchschnittlich fünf Hektar. Jofre fungierte Jahre lang als ihr Sprecher. Mit seinen 60 Hektar gehörte er in der Gegend zu den Großen der Branche.

Die Regierung Chávez führte 2003 für Zucker wie auch für andere Grundnahrungsmittel feste Abnehmer- und Verkaufspreise ein, angeblich um Spekulanten zu stoppen. In den folgenden Jahren beließ die Administration trotz jährlicher Inflationsraten von bis zu 30 Prozent die Preise auf demselben Niveau oder passte sie erst Jahre später an.  „Ab 2006 lohnte sich das Geschäft nicht mehr“, sagt Jofre.

„Die Produktionskosten für einen Hektar Zucker übersteigen 15.000 Bolivares Fuertes“, macht der nationale Sprecher der Zuckerrohrproduzenten, José Ricardo Álvarez, die aktuelle Rechnung auf. „Mit den regulierten Preisen nehmen wir aber höchstens 12.000 Bolivares Fuertes pro Hektar ein.“ Jofre und seine Kollegen ließen ihr Zuckerrohr im Central Azucarero, einer privaten Zuckerfabrik, verarbeiten. Schon seit Jahren gab es Probleme mit der Unternehmensleitung. 2005 starben bei einer Explosion vier Arbeiter. Anfang 2008 ging ein Heizkessel kaputt. Das Unternehmen musste zwei Wochen aussetzen.

Die Zuckerrohrfabrik ist geschlossen Quelle: Thomas Wagner

Die Zuckerrohrfabrik ist geschlossen

Bild: Thomas Wagner

Ein gefundenes Fressen für den Bürgermeister von Cariaco, ein Mann der Chávez-Partei PSUV. Mit Unterstützung regierungstreuer Nachbarschaftsvereinigungen und einem Teil der Landwirte besetzten am 17. Februar 2009 Dutzende Chávista das Fabrikgelände. Nach einigen Wochen kam die Zentralregierung in Caracas der Forderung der Basis nach und verstaatlichte die Fabrik.

Ein Jahr darauf wirkt die Zuckerfabrik - fünf Autominuten vom Haus Jofres entfernt -  wie ausgestorben. Die Regierung in Caracas hatte die Psychologin Milagros Moreno als Verwalterin entsandt. Die hatte vorher zwar noch nie mit der Branche zu tun, wie ein Chávez-treuer Bauer bestätigt, besaß aber das sozialistische Parteibuch.

Moreno wird nach einigen Monaten gefeuert. Sie sei für den Posten nicht befähigt gewesen, sagt ihr Vize, Geraldino Cruz. Der Chef der staatlichen Zuckerfirma, ein Studienfreund, hätte ihr den Posten verschafft. Der neue Werksleiter ist immerhin ein Ingenieur, „hat aber auch keine Erfahrung als Führungskraft“, gibt Cruz zu. „Wir hoffen, dass wir zur Ernte 2011 einsatzbereit sind.“ In seiner Stimme liegt leichte Skepsis.

Jofre hatte sich von Anbeginn gegen die Verstaatlichung gewandt. Seine Stimme blieb ungehört. „Es war das einzige Unternehmen im Kreis, das Arbeitsplätze sicherte“, sagt er. „Wir sind Zeugen der Beerdigung des Zuckersektors in Ribero.“ Zwei Ernten hätten die Produzenten  verloren, nun stünden sie am Rande der Pleite. Ihr Altersdurchschnitt liege bei 70 Jahren. Die Generationen nach ihnen machen um das unrentable Geschäft einen Bogen. Auch Jofres dreiSöhne haben andere Berufswege eingeschlagen.

Die Ernte fiel von neun Millionen Tonnen vor vier Jahren um fast 40 Prozent auf 5,9 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Weil die Venezolaner dennoch fleißig Zucker konsumieren, muss die Regierung dieses Jahr voraussichtlich 750.000 Tonnen des Dickmachers importieren. „Ernährungs-Unabhängigkeit“ sieht anders aus. Zum Abschied reicht Jofre ein zehn Zentimeter langes Stück Zuckerrohr, das er der Länge nach aufschneidet.  „Lutsch das!“, sagt er. Die Pflanze ist offenbar schon etwas älter. Der Inhalt ist süß, hat aber einen bitteren Nachgeschmack. So ähnlich wie die Geschichte vom Zucker in Venezuela.

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