S&P unter Beschuss: Ratingagentur gibt Frankreich eins auf die Mütze - aus Versehen

S&P unter Beschuss: Ratingagentur gibt Frankreich eins auf die Mütze - aus Versehen

, aktualisiert 11. November 2011, 10:43 Uhr
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Frankreichs Finanzminister Francois Baroin.

Quelle:Handelsblatt Online

Seit Wochen wird darüber spekuliert, dass Frankreich sein Top-Rating verlieren könnte. S&P hat das Szenario nun irrtümlich wahr werden lassen und sich bis auf die Knochen blamiert. Jetzt greift die Aufsicht ein.

Für kurze Zeit schien der Super-Gau der Finanzkrise Wirklichkeit zu werden. Eine Mitteilung der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) machte wie ein Lauffeuer die Runde. Die Bonitätswächter, so hieß es, hätten die Kreditwürdigkeit Frankreichs herabgestuft. Doch kurze Zeit später kam die Entwarnung: Alles nur ein Irrtum.

Aber der Schreck saß tief. Frankreichs Finanzminister Francois Baroin nannte den Fehler der Ratingagentur am Rande einer Wirtschaftskonferenz in Lyon „ziemlich schockierend“. Er forderte die Regulierungsbehörden auf, die Ursachen und Folgen des Vorgangs zu klären.

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Mit der irrtümlichen Herabstufung der französischen Kreditwürdigkeit hat S&P Ängste vor einer Verschärfung der europäischen Schuldenkrise weiter angeheizt. Erst zwei Stunden nach dem Vorfall räumte die Agentur ein, am Donnerstag versehentlich eine Mitteilung an einige Abonnenten ihrer Internet-Seite verschickt zu haben, die eine Verschlechterung der Bonität signalisierte. Ursache sei ein technischer Defekt gewesen, erklärte S&P und betonte gleichzeitig, dass Frankreich noch immer die Bestnote „AAA“ mit einem stabilen Ausblick habe. In New York gaben die Aktienkurse in Folge der Mitteilung vorübergehend nach, während französische Staatsanleihen zunächst deutlich an Wert verloren.

Das peinliche Missgeschick von S&P hat die Anleger am Anleihemarkt jedoch nur kurz geschockt. Nach dem deutlichen Renditeanstieg am Donnerstag, erholten sich französische Anleihen am Freitagmorgen etwas. Die Rendite zehnjähriger französischer Papiere sank am Morgen leicht auf 3,38 Prozent, nachdem sie am Vortag bis auf 3,45 Prozent gestiegen war.

Die französische Börsenaufsicht AMF bestätigte bereits, eine Untersuchung eingeleitet zu haben. Die europäische Wertpapieraufsichtsbehörde ESMA sei ebenfalls kontaktiert worden, hieß es. Ratingagenturen waren in jüngster Zeit verstärkt in die Kritik geraten. Den drei großen US-Ratingagenturen S&P, Moody's und Fitch wird auch von etlichen europäischen Politikern vorgeworfen, mit ihren Herabstufungen die Krise in Europa zu verschärfen und nicht unparteiisch zu sein.


Der britische Ex-Premier Gordon Brown schürt die Ängste

S&P versicherte, ebenfalls zu untersuchen, warum die Mitteilung automatisch versendet worden sei. „Wenn die Empfänger auf den Link in dem Alert geklickt hätten, dann hätten sie gesehen, dass Frankreichs Rating unverändert war“, sagte S&P-Sprecher Martin Winn in London. Weiter wollte er sich nicht äußern. Es war unklar, wie viele Abonnenten die Mitteilung über die Herabstufung erhalten hatten.

Die Mitteilung wurde um 9.57 Uhr (Ortszeit USA) verschickt mit der Überschrift „DOWNGRADE“ und einer Verknüpfung zu den Ratings für Frankreich. Eine weitere Mitteilung, in der der Irrtum aufgeklärt und die französische Top-Bonität bestätigt wurde, ging erst um 11.30 Uhr an die Kunden.

Die fehlerhafte Nachricht hätte kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können - viele Anleger fragen sich seit geraumer Zeit, ob Frankreich seine Bestnote in der Schuldenkrise noch lange verteidigen kann.

Ängste, dass Frankreich das nächste Opfer der europäischen Staatsschuldenkrise werden könnte, schürte auch Gordon Brown, der Ex-Regierungschef von Großbritannien. "Für Frankreich besteht die Gefahr, dass sich die Märkte in den kommenden Wochen und Monaten das Land vorknöpfen", sagte Brown vorgestern bei einer Veranstaltung in Moskau.

Wie die Sorge um eine Herabstufung ist, zeigen die jüngsten Entscheidungen der Ratingagenturen. Im Oktober hatte S&P die Kreditwürdigkeit Spaniens auf „AA-“ von „AA“ mit einem negativen Ausblick herabgestuft. Auch die beiden anderen großen Ratingagenturen Moody's und Fitch hatten Spanien herabgestuft. Im September war die Kreditwürdigkeit Italiens von den drei weltweit einflussreichsten Ratingagenturen herabgestuft worden.

Die Rating-Agenturen sind wegen ihres Verhaltens in der Schuldenkrise in Politik und Öffentlichkeit ohnehin unter Beschuss geraten. Die jüngste Panne dürfte diese Debatte verstärken. In Deutschland forderte Gerhard Schick, finanzpolitischer Sprecher der Grünen, eine geringere Macht der drei Rating-Riesen am Markt. „Zwei Schritte sind besonders wichtig. Das eine ist, jetzt auch eine europäische Ratingagentur einzuführen, damit es mehr, verschiedene Stimmen gibt, und die einzelne Stimme eine nicht mehr so große Bedeutung hat. Und wir müssen dafür sorgen, dass in der Banken- und Versicherungsregulierung die Ratings nicht so ein großes Gewicht bekommen“, sagte er dem Sender Phoenix. Dass drei Jahre nach der Lehman Brothers-Pleite immer noch keine europäische Ratingagentur auf den Weg gebracht sei, sei „ganz klar ein Defizit, das auch die Bundesregierung mitzuverantworten hat“, kritisierte der Grünen-Politiker.

Quelle:  Handelsblatt Online
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