Syrien-Experte Günter Meyer: Warum Hillary Clinton den Krieg wohl auch nicht beenden kann

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Syrien-Experte Günter Meyer: „Amerika ist verantwortlich für diese Katastrophe“

Warum Hillary Clinton den Krieg wohl auch nicht beenden kann

Halten Sie es für möglich, dass Russland sich aus dem Krieg in Syrien zurückzieht?
Warum sollten sie? Vor einem Jahr war das Assad-Regime trotz schiitischer Unterstützung aus dem Iran und Libanon fast am Ende. Dann ist Russland in den Krieg eingetreten und bestimmt seitdem das Geschehen. Das möchte Präsident Putin nicht wieder aufgebeben.

Wer sind hier eigentlich die Guten und wer die Bösen?
Das Assad-Regime geht mit größter Brutalität gegen die „Terroristen“ vor und nimmt dabei keinerlei Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Und die Rebellen sind nicht weniger brutal. Das Problem ist zudem, dass wir es mit Stellvertreterkriegen zu tun haben. Die Russen kämpfen mit und für Assad. Die Amerikaner wollen Assad um jeden Preis aus dem Amt entfernen. Diese Interessenlagen sind so fundamental verschieden, dass kein Kompromiss möglich erscheint. Das gleiche gilt für die sunnitischen Regime in Saudi-Arabien und Katar sowie für Israel, die in Syrien mit jeweils spezifischen nationalen Interessen Stellvertreterkriege gegen die Schiiten im Iran und Libanon führen. Gleichzeitig bekämpft Erdogan die syrischen Kurden, um deren Unabhängigkeit zu verhindern.

Präsident Obama würde sich doch aber lächerlich machen, wenn er plötzlich bereit wäre, Assad als Präsidenten zu akzeptieren.
Assad ist schlimm, keine Frage. Aber was passiert, wenn er gestürzt wird? Das Machtvakuum werden die stärksten oppositionellen Gruppen füllen. Und das sind die Nusra-Front und ihre Verbündeten. In ihrem Herrschaftsbereich werden sie alle religiösen Minderheiten ebenso wie Sunniten, die mit dem Regime zusammengearbeitet haben, entweder vertreiben oder töten, darunter auch Christen, die immerhin zwölf Prozent der Bevölkerung stellen.

Syrien USA drohen Russland mit Gesprächsabbruch

Die USA haben Russland damit gedroht, die Gespräche über eine Waffenstillstandsvereinbarung in Syrien zu beenden. Vor rund eineinhalb Wochen war eine Waffenruhe in Syrien gescheitert.

John Kerry Quelle: AP

Sie halten es also für besser Assad zu stützen?
Zumindest in einer Übergangsphase bis zu Neuwahlen. Die Amerikaner müssten alles dafür tun, damit die Islamisten nicht an die Macht kommen. Doch daran haben sie gegenwärtig kein Interesse, weil sie ihnen im Kampf gegen Assad nützlich sind. Das ist – mit Verlaub – eine perverse Art der Kriegsführung.

Wie kann man den Friedensprozess wieder aufleben lassen?
Die Interessen in diesen Stellvertreterkriegen sind zu verschieden. Ich sehe keine Chance für eine friedliche Lösung. Im Gegenteil! Es wird noch viel blutiger, wenn die Presseberichte wahr werden, wonach die US-Regierung erwägt, jetzt auch noch modernste Luftabwehrraketen an die Rebellen zu liefern.

Hat der Westen aus Ihrer Sicht versagt?
Viel schlimmer. Aus meiner Sicht sind die USA die Hauptverantwortlichen für diese humanitäre Katastrophe, die wir im Moment erleben. Seit der US-geführten Invasion im Irak 2003 haben die Regierenden in Washington eine falsche Entscheidung nach der nächsten getroffen und damit die gesamte Region ins Chaos gestürzt.

Syrien DRK fordert sofort mehrtägige Waffenruhe

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat angesichts der katastrophalen Lage in der umkämpften syrischen Stadt Aleppo eine sofortige Waffenruhe über mehrere Tage gefordert. Wolfgang Ischinger sieht zu dem Europa in der Pflicht.

Syrien: DRK fordert sofort mehrtägige Waffenruhe Quelle: dpa

Angenommen Hillary Clinton wird die nächste US-Präsidentin. Kann sie diesen Krieg beenden?
Clinton hat sich ganz klar für einen harten Kurs gegen Assad ausgesprochen. Sie steckt also in der gleichen Falle wie Obama. Nur wenn Assad zumindest vorerst im Amt bleibt, kann dieser Krieg enden. Nur das Regime, in dessen Gebiet etwa zwei Drittel der syrischen Bevölkerung leben, kann das Land stabilisieren und vor der Machtübernahme durch ultra-konservative Islamisten bewahren. Solange Amerika das nicht akzeptiert, geht der Krieg weiter. Und wenn Clinton auf eine noch stärkere Konfrontation mit Assad setzt, wird dieser Krieg noch brutaler. 

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Dieser Krieg könnte also über Jahre einfach weitergehen.
Manche Beobachter vergleichen die Lage bereits mit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert. Ein Ende des Krieges und ein Ende des Mordens sind jedenfalls in den nächsten Jahren nicht absehbar.

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