"Tante-Else-Trip": Ölmarkt: Falscher Optimismus

"Tante-Else-Trip": Ölmarkt: Falscher Optimismus

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Öllager in Alaska

Auf den internationalen Rohölmärkten ist derzeit den Händlern ist kein Argument für weiter sinkende Preise zu schwach. Gegenargumente werden ignoriert. Darum gilt auch die Waffenruhe im Kaukasus als Entspannungssignal - wahrscheinlich zu Unrecht. Ein Kommentar von WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg.

In diesem Sommer erinnert mich das Geschehen an den Ölmärkten von Woche zu Woche mehr an meine liebe Tante Else. Das war eigentlich eine angeheiratete Großtante, sie lebt schon lange nicht mehr, sie buk den besten Käsekuchen der Welt und hatte viele andere Vorzüge, Weitblick und Durchblick gehörten nicht dazu. Erzählte man ihr Neuigkeiten, reagierte sie am Liebsten mit dem lauten Ausruf „Entzückend!" Wenn das nicht ging, weil sie absolut nicht verstand, worum es ging, sagte sie „Interessant!" Nur wenn ganz klar war, dass es sich um etwas sehr Schlimmes handelte, kam der Kommentar: „Entsetzlich, davon wollen wir gar nicht reden!" Und dann setzte man sich zum Käsekuchen.

Die Ölmärkte sind seit Mitte Juli voll auf dem Tante-Else-Trip. Die Preise für die wichtigen Rohölsorten sind in kurzer Zeit um 20 Prozent zurück gegangen. Weil die voran gegangene Preisexplosion zum Rückgang der Nachfrage in den Industrieländern geführt hat, weil ziemlich viele Spekulanten in New York oder London ihre Kontrakte auf teureres Erdöl nicht erneuert haben, weil in der Karibik diesen Sommer bislang keine Bohrtürme vom Sturm weggefegt worden sind - alles entzückend, alles die Preise drückend. Aber auch, weil die Hoffnungsschimmer auf eine diplomatische Beilegung der Krise um den Iran ein klein wenig realistischer scheinen als vor ein paar Wochen, weil der chinesische Drache im Zeichen einer Verlangsamung seines Wachstums nicht mehr ganz so viel Öl schlucken wird wie erwartet, weil hier und dort über neue Ölfelder geredet wird, die in ein paar Jahren den Weltmarkt beliefern könnte - Wunschdenken scheint da manchmal mindestens so wichtig zu sein wie die gewichtigen Analysen der Experten.

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Ölhändler reagieren auf Kriegsende

So eine Analyse liegt jetzt wieder einmal vor uns und erscheint auf den Monitoren der Ölhändler: Die Internationale Energieagentur in Paris (IEA) hat mal wieder ihre Prognosen à jour gebracht. 1,1 Prozent weniger Nachfrage nach Rohöl im kommenden Jahr prognostizieren die Fachleute aus Paris - allerdings nur in den Industrieländern. Im Rest der Welt, vor allem in China und Indien, steigt die Nachfrage munter weiter und kompensiert den geringeren Verbrauch in Nordamerika, Europa und Japan. Von 86,9 Millionen Barrel am Tag 2008 steigt somit die weltweite Ölnachfrage auf 87,8 Millionen im nächsten Jahr. Überexakte Prognosen sind mit Vorsicht zu genießen, aber immerhin haben die IEA-Analysten ihre Prognose vom letzten Monat um 70.000 Barrel pro Tag korrigiert - nach oben.

Und was sagen die Ölmärkte dazu? „Interessant" - um mit meiner seligen Tante zu sprechen. Also: Wir verstehen es nur halb, und für unser Handeln bedeutet es nicht. Der Rohölpreis sinkt erst einmal weiter, auch wegen des Krieges in Georgien.

Wie bitte? Krieg hätte doch sogar meine Tante Else mit ihrem sonnigen Gemüt schlecht gefunden. Ach so: Die Ölhändler reagieren nicht auf den Krieg, sondern auf das Ende des Krieges - die Nachricht aus Moskau, jetzt reiche es und die Großmacht werde das kleine Georgien nicht ganz erobern: Die wichtige Pipeline vom Kaspischen Meer Richtung Türkei quer durch Georgien wird nicht bombardiert, das Territorium über dem dicken Metallrohr bleibt georgisch kontrolliert, Tag für Tag kann maximal eine Million Barrel Rohöl aus Aserbaidschan zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan fließen.

Und darum war der Krieg für die Ölhändler „interessant", und sonst gar nichts.

Hauptschlagadern des Energiemarktes

Aber geht es wirklich nur um die Pipeline im Kaukasus? Wie ist das jetzt mit der Verlässlichkeit Russlands - immerhin der größte Erdöllieferant Deutschlands? Was passiert nach Wladimir Putins Sieg im Kaukasus an anderen Grenzen der Russischen Föderation. Nach dem georgischen Muster könnte als Nächstes der Konflikt zwischen Moskau und der Ukraine aus dem Ruder laufen. Wenn Moskau den großen westlichen Nachbarn nach dem jetzt so erfolgreichen groben Rezept behandelt, wenn Kiew darauf entsprechend aggressiv reagiert, dann haben wir den nächsten blutigen Konflikt fast in der Mitte Europas. Von allen anderen Gefahren abgesehen laufen durch die Ukraine die für Westeuropa wichtigsten Öl- und Gaspipelines, Hauptschlagadern des Energiemarktes, viel wichtiger als die Versorgungslinien im Kaukasus.

Für die Märkte ist das aber kein Thema: „Entsetzlich, davon wollen wir gar nicht reden!" Solange der Backofen für den Käsekuchen nicht ausgeht.

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