Tauchsieder: Der Liberalismus des Westens hat das Nachsehen

kolumneTauchsieder: Der Liberalismus des Westens hat das Nachsehen

Kolumne von Dieter Schnaas

Vor 25 Jahren rief Francis Fukuyama das „Ende der Geschichte“ aus. Was auf den Kalten Krieg folgen würde, sei eine unendliche Friedensperiode des konstruktiven Miteinanders. Was für ein Irrtum!

Das „Ende der Geschichte“ zieht sich nun auch schon 25 Jahre hin. Bekanntlich hat der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama es ausgerufen, damals, nach dem Fall der Mauer, in den glücklichsten Monaten des 20. Jahrhunderts. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten nährte 1989/90 die Hoffnung auf ein postideologisches Zeitalter. Der Liberalismus hatte gesiegt, die Idee der Demokratie, das Prinzip der Marktwirtschaft.

Eine zeitlose Zeit universell geltender Werte schien anzubrechen, eine Ära der Internationalisierung des Rechtsstaats und der Menschenrechte. Haben wir damals nicht alle geglaubt, dass dem Westen nur noch die Aufgabe verbleibt, sein allgemein anerkanntes Zivilisations- und Wohlstandsprojekt zu globalisieren? Dass der Rest der Welt nur darauf wartet, mit den Vorzügen unseres Fortschrittsmodells beglückt zu werden?

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Das „Ende der Geschichte“, so dachten wir, sei eine ins Unendliche laufende Friedensperiode des konstruktiven Miteinanders. Die ereignishafte Zeit der Kriege und Schlachten löse sich auf in einem gemeinsamen Weltregieren nach Maßstab der abendländischen Vernunft, in der ständigen Verfeinerung von Global Governance – in der Lösung der großen Menschheitsaufgabe, aus der harmonia mundi eine maxima harmonia mundi zu machen. Was für ein Irrtum!

Militärisch überfordert, finanziell erschöpft, ideologisch ausgepumpt

25 Jahre nach dem Fall der Mauer ist der Westen fast überall auf der Welt in der Defensive. Militärisch überfordert, finanziell erschöpft und ideologisch ausgepumpt, hat er rund um den Globus an Attraktivität eingebüßt. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge gab es in den meisten Demokratien zwischen 2011 und 2013 Rückschritte. Indien und Brasilien verzichten auf die Rezepte westlich dominierter Organisationen wie IWF und Weltbank. In Japan und in der Türkei machen sich militante Kulturnationalismen breit.

Chinesische Parteikader verbitten sich mit provozierend gelangweilter Routine Belehrungen in Sachen Meinungsfreiheit und Menschenrechte. Wladimir Putin bringt in Russland völkisches Testosteron in Stellung gegen alles, was er als Dekadenz des Liberalismus verunglimpft. Und religiöse Fundamentalisten in der arabisch-afrikanischen Welt haben für unsere Toleranz- und Pluralitätsvorstellungen nur Hass und Verachtung übrig.

Der Westen hat sich ausspioniert

Noch schwerer als die Anfeindungen von außen wiegt der Druckabfall im Innern des transatlantischen Wertesystems. Der Westen hat sich, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, zu einem Ensemble „postheroischer“ Nationen entwickelt, das weltpolizeiliche Aufgaben, wenn überhaupt, nicht wehrhaft-entschlossen (Europa), sondern nur noch sporadisch-selektiv wahrnimmt (USA) – zu einem Ensemble, das demografisch schwächelt, wirtschaftlich kriselt und seine Herausforderung provoziert.

Zugleich ist der Westen sich selbst beängstigend fremd, ja: feind geworden. Er hat im Namen der Freiheit völkerrechtswidrige Kriege geführt (Kosovo), erfundene Schuldbeweise zur Rechtfertigung für Militäraktionen herangezogen (Irak), Hunderte Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet (Afghanistan), sich rechtsfreie Räume erschlossen, um im Wege der Folter Informationen zu erzwingen (Guantanamo), und sich zuletzt sogar – unter Freunden, die stolz sind auf ihre Kultur der Gedankenfreiheit – selbst ausspioniert (NSA, BND).

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