Terror im Irak: Der IS wird nervös – und immer grausamer

Terror im Irak: Der IS wird nervös – und immer grausamer

, aktualisiert 28. August 2016, 16:19 Uhr
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Die Terrormiliz verliert die Kontrolle über immer mehr Gebiete – und setzt die Bevölkerung deshalb stärker unter Druck.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Terrormiliz IS gerät immer mehr unter Druck: Bald wird ein neuer Großangriff der irakischen Streitkräfte erwartet. Dort, wo die Islamisten die Kontrolle haben, werden sie immer nervöser – und barbarischer denn je.

DibagaGeflüchtete berichten von grausamen Szenen – in der irakischen Stadt Kajara kennt das willkürliche Morden der IS-Kämpfer offenbar keine Grenzen. „Sie haben angefangen, Häuser zu durchsuchen, Leute festzunehmen und zu enthaupten“, sagt Dschardschis Mohammed Hadschadsch. Wegen der jüngsten Geländeverluste in der Region seien die Extremisten nervös geworden. Überall hätten sie Spione oder Deserteure vermutet. Auch in Mossul, der größten noch vom IS kontrollierten Stadt, artet die Brutalität der radikalen Islamisten offenbar immer mehr aus.

Seit Monaten bereiten die irakischen Streitkräfte die Rückeroberung von Mossul vor. Dank der Unterstützung durch kurdische Kämpfer und andere regionale Milizen sowie der Luftangriffe der USA haben sie sich inzwischen bis auf etwa 70 Kilometer vorarbeiten können. Etliche kleinere Städte und Dörfer in der Umgebung wurden bereits vom selbst ernannten Islamischen Staat befreit. Da die Kämpfe aber noch andauern, suchen viele Menschen Schutz in riesigen Flüchtlingslagern. Eines davon ist das Lager Dibaga.

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Auch wenn sie vieles aufgeben mussten – die meisten Menschen in Dibaga sind froh, dass sie mit dem Leben davongekommen sind. Der neue Druck habe die IS-Kämpfer noch unberechenbarer gemacht, sagt Hadschadsch, der gemeinsam mit mehreren tausend anderen Irakern in dem Lager untergekommen ist. In Kajara habe er zuletzt immer jüngere und unerfahrenere Kämpfer gesehen. Bei einer Gelegenheit seien fast alle der auf den Straßen patrouillierenden Islamisten noch Teenager gewesen. In dem Moment habe er gedacht: „Sie brechen zusammen, sie sind am Ende.“

In dem Dorf Ausadscha habe die Terrormiliz Kämpfer im Alter von 13 oder 14 Jahren eingesetzt, sagt ein anderer Lagerbewohner, der aus Angst um die Sicherheit von noch im IS-Gebiet lebenden Verwandten nur seinen Spitznamen Abu Saleh nennen will. Nach seinen Angaben töteten die Extremisten sieben Menschen, nur weil diese versucht hatten, aus dem Dorf zu fliehen. Deren Leichen seien zur Abschreckung anderer auf einer Brücke zur Schau gestellt worden.

Als die irakischen Streitkräfte sich Ausadscha genähert hätten, sei die Reaktion der Extremisten sehr konfus gewesen, sagt Abu Saleh. Einige der Kämpfer hätten einen Rückzug vorbereitet und allen Dorfbewohnern befohlen, sich ihnen als „menschliche Schutzschilde“ anzuschließen. Dies habe zu einem internen Streit geführt, da einige andere Kämpfer die Bewohner wiederum bei der Verteidigung der Stellungen zur eigenen Absicherung hätten nutzen wollen, sagt der 50-Jährige.


Der IS verliert die Kontrolle

Ausadscha wurde Mitte Juli von den irakischen Streitkräften zurückerobert. Viele andere Dörfer in der Region sind aber noch immer fest im Griff der radikalen Islamisten. Zwei Jahre sind inzwischen vergangen, seit die sunnitischen Kämpfer große Gebiete im Norden und Westen des Iraks erobern konnten. In vielen Fällen stießen sie damals kaum auf Widerstand. Zum Teil wurden sie zunächst sogar als willkommene Alternative zu der von Schiiten dominierten Regierung in Bagdad begrüßt.

„Als sie gekommen sind, haben sie den Menschen Geld und Essen gegeben. Und die Menschen sind nun einmal arm. Deswegen haben sie dies gerne genommen“, sagt Sabha Chal Salih, eine Mutter von zwei Kindern, die aus einem Dorf in der Nähe von Kajara nach Dibaga geflohen ist. Viele junge, arbeitslose Männer hätten sich den Kämpfern damals angeschlossen.

Da die Anhänger der sunnitischen Miliz die Menschen an vielen Orten zunächst fast besser versorgten, als es zuvor die Regierung getan hatte, wurden sie trotz ihrer radikalen Ansichten oft geduldet. Mit der Zeit wurden die Ressourcen der Extremisten aber immer knapper. Zum einen, weil die von ihnen kontrollierten Gebiete wirtschaftlich vom Rest des Landes isoliert waren, zum anderen aber auch, weil die Luftangriffe der USA ihnen immer mehr zusetzten.

Wegen der Finanznot wurden in den IS-Gebieten immer neue „Steuern“ oder Strafgebühren eingeführt. Wegen der Luftangriffe gingen die IS-Kämpfer immer brutaler gegen vermeintliche Spione vor. Die Nahrungsmittelrationen seien in den letzten drei Monaten stark gekürzt worden, sagt Abu Abdullatif, der in Ausadscha in einer Klinik gearbeitet hat. Außerdem hätten die IS-Leute zuletzt auch im Inneren der Häuser geprüft, ob alle Frauen nach ihren Vorstellungen verschleiert gewesen seien und gegebenenfalls Strafen verhängt, „nur um an Geld zu kommen“. Aus Angst um seine Sicherheit will auch Abdullatif nicht seinen vollständigen Namen nennen.

Die maximale Brutalität gegenüber mutmaßlichen Spionen zeigt sich auch in der offiziellen Propaganda der Terrormiliz. In diesem Monat veröffentlichte der IS etwa ein Video mit dem Titel „Haltet die Verräter auf“. Darin ist zu sehen, wie sechs junge Männer auf einer Straße in Mossul getötet werden. In dem Video heißt es, die Männer seien „Augen Amerikas“ gewesen.

Bis zur Befreiung von Mossul könnten noch einige Wochen vergehen. Und auch in den bereits befreiten Städten und Dörfern in der Umgebung ist es noch zu gefährlich, als dass die Bewohner dorthin zurückkehren könnten – nicht nur, weil sie zu nah an der Front liegen, sondern auch, weil die Terrormiliz die Häuser oftmals mit Sprengfällen versehen hat. Die Kämpfer selbst haben oft einfach ihre Uniform gegen zivile Kleidung ausgetauscht, um irgendwo unterzutauchen. Dass sie in der Region je wieder Unterstützung finden könnten, glaubt der aus Kajara geflüchtete Hadschadsch aber nicht: „Jetzt, da wir wissen, wer sie sind, werden wir sie niemals zurückkehren lassen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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