Terror in Frankreich: Der Westen ist sich fremd geworden

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KommentarTerror in Frankreich: Der Westen ist sich fremd geworden

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Eine Pegida-Demonstration vor dem Brandenburger Tor. Zu sehen sind deutsche Flaggen, Kombinationen aus PACE- und Peace-Symbolen und "Ich bin Charlie"-Schilder.

von Dieter Schnaas

Die westliche Welt muss ihre Normalität nicht gegen den Islam verteidigen, sondern eine entschlossene Antwort auf den Extremismus finden. Dazu sollte sie sich vor allem wieder mögen lernen.

Die Frage, was wir nicht wollen, ist leicht zu beantworten: Fanatismus und Eiferei, Ressentiment und Gewalt. Das Ressentiment geht in diesen Wochen besonders gern in Dresden spazieren. Man kann es beschreiben als lange aufgestautes, vernunftfernes Gefühl der Zurücksetzung, bei der sich das verbissene Bewusstsein an mehrheitlich geteilten Werten und Regeln durch deren Herabsetzung rächt.

Konkret gesprochen: Durch das Ressentiment wird das Gut der Meinungsfreiheit zur Parole der „Lügenpresse“. Der Fanatismus unterscheidet sich vom Ressentiment nicht in seiner Blindheit gegenüber dem Argument, wohl aber darin, dass der Wille zur Blindheit stärker ausgeprägt ist.

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Fanatismus, so Alexandre Deleyre in der 28-bändigen Enzyklopädie der französischen Aufklärer im 18. Jahrhundert, „ist ein blinder und leidenschaftlicher Eifer, der abergläubischen Anschauungen entspringt und dazu führt, dass man nicht nur ohne Scham und Reue, sondern gar mit einer Art Freude und Genugtuung lächerliche, ungerechte und grausame Handlungen begeht...“ Trefflicher lassen sich die Terroranschläge in Paris nicht beschreiben: lächerlicher, ungerechter, grausamer, in die Tat umgesetzter Aberglaube.

Die wichtigsten Fakten zu "Charlie Hebdo"

  • Die Satire-Zeitung

    Die französische Satire-Zeitung im Zentrum des Terroranschlags von Paris arbeitet mit Provokationen: „Charlie Hebdo“ macht sich über Päpste und Präsidenten lustig - und auch über den Propheten Mohammed. Die Wochenzeitung, die am Mittwoch einem Angriff mit mindestens zwölf Toten zum Opfer fiel, rief mit Karikaturen des hoch verehrten Propheten in der islamischen Welt immer wieder Empörung hervor.

  • Der erste Anschlag

    Im November 2011 waren die Büros der Zeitung Ziel eines Brandbombenangriffs, nachdem sie eine Ausgabe publiziert hatte, in der Mohammed „eingeladen“ wurde, ihr Gastredakteur zu werden. Auf der Titelseite: eine Karikatur des Propheten.

  • Weitere Karikaturen

    Ein Jahr später veröffentlichte die Zeitung inmitten der Aufregung über einen islamfeindlichen Film weitere Mohammed-Zeichnungen. Die Karikaturen stellten Mohammed nackt und in erniedrigenden oder pornografischen Posen dar. Während die Emotionen hochkochten, nahm die französische Regierung die Redefreiheit in Schutz. Gleichzeitig warf sie „Charlie Hebdo“ vor, Spannungen zu schüren.

  • Die politische Orientierung

    Die Zeitung mit niedriger Auflage tendiert politisch betrachtet zum linken Spektrum. Sie ist stolz, mit Karikaturen und parodierenden Berichten Kommentare zum Weltgeschehen abzugeben. „Wir gehen mit den Nachrichten wie Journalisten um“, sagte ein Karikaturist mit Namen Luz 2012 der Nachrichtenagentur AP. „Einige nutzen Kameras, einige nutzen Computer. Für uns ist es ein Papier und Bleistift“, sagte er. „Ein Bleistift ist keine Waffe. Er ist einfach ein Äußerungsmittel“, meinte er.

  • Der Chefredakteur über Karikaturen

    Chefredakteur Stéphane Charbonnier, der bei dem Anschlag am Mittwoch getötet wurde, hatte die Mohammed-Karikaturen ebenfalls verteidigt. „Mohammed ist mir nicht heilig“, sagte er 2012. „Ich mache Muslimen keine Vorwürfe dafür, dass sie nicht über unsere Zeichnungen lachen. Ich lebe unter französischem Gesetz“, ergänzte er. „Ich lebe nicht unter Koran-Gesetz.“

  • Charbonniers letzte Karikatur

    Eine von Charbonniers letzten Karikaturen, die in der dieswöchigen Ausgabe von „Charlie Hebdo“ veröffentlicht wurde, scheint in Anbetracht der Ereignisse wie eine unheimliche Vorahnung. „Noch immer keine Anschläge in Frankreich“, sagte ein Extremisten-Kämpfer darin. „Warte - wir haben bis Ende Januar, um unsere Neujahrswünsche vorzubringen.“

Das spontane „Je suis Charlie“ der Millionen auf den Straßen in Europa war eine erste, aber völlig unzureichende Antwort auf die Ereignisse: eine Geste der Trauer, eine Formel für die Verteidigung der Pressefreiheit, gewiss.

„Je suis Charlie“ verschleiert das politisch Entscheidende

Aber „Je suis Charlie“ ist eben auch eine Phrase, die zwei entscheidende Merkmale des globalen Terrors unterschlägt: Die mit Abstand meisten Opfer von Extremisten muslimischen Glaubens sind Muslime – und Juden werden (wieder) mitten in Europa ermordet, weil sie Juden sind, ganz gleich, ob sie Mohammed-Karikaturen zeichnen oder nicht.

Das politisch Entscheidende droht „Je suis Charlie“ daher mehr zu verschleiern als kenntlich zu machen: Der Westen ist in den nächsten Jahren nicht herausgefordert, seine Werte gegen den Islam zu verteidigen. Stattdessen muss er eine entschlossene Antwort auf den Extremismus finden – und sich selbst und die übrige Welt erneut überzeugen von den Vorzügen seiner Errungenschaften, vom Wert der Menschenrechte und des Rechtsstaats, der Gewaltenteilung und der Volkssouveränität.

Nicht die angebliche „Islamisierung des Westens“ ist das Problem, sondern die „Verwestlichung der Welt“ das bleibende Thema. The world is flat, glaubte der amerikanische Publizist Thomas Friedman vor zehn Jahren: Die Menschen vernetzen sich und bringen sich miteinander ins Gespräch. Heute wissen wir: Die Welt ist nicht flach – und manche verweigern das Gespräch. Wie gehen wir damit um? Womit wollen wir in Zukunft punkten? Für welche Werte wollen wir stehen?

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