Terrormiliz IS: Geschwächt – und noch gefährlicher

Terrormiliz IS: Geschwächt – und noch gefährlicher

, aktualisiert 09. Juni 2016, 12:09 Uhr
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Die Öleinnahmen sind um mehr als 50 Prozent zurückgegangen, nachdem Ölanlagen des IS bombardiert wurden. Die Finanzierung der Milizen und der staatlichen Strukturen wird für den selbst ernannten Kalifen zunehmend ein Problem.

von Pierre HeumannQuelle:Handelsblatt Online

Der IS ist unter Druck: In Libyen rücken die Regierungstruppen vor. Auch finanziell ist der Islamische Staat am Anschlag. Doch Experten und Uno warnen: Das macht die Terrororganisation nur noch extremer.

Tel AvivIn Lyon wurde diese Woche der Ernstfall durchgespielt. Die Polizei übte wenige Tage vor dem Beginn der Fußball-EM die Reaktionen nach einem Terrorangriff. Der IS ist im Nahen Osten zwar an mehreren Fronten unter Druck. Doch grade deshalb, befürchten Anti-Terror-Spezialisten, könnte er mit einem aus seiner Sicht spektakulären Attentat versuchen, seine Verluste im Irak und in Syrien zu kompensieren.

Attacken auf die nicht-muslimische Welt halten die Experten des „Institute for the Study of War“ (ISW) für wahrscheinlich. Der IS könnte versuchen, damit einen „apokalyptischen totalen Krieg“ auszulösen. Als wahrscheinliches Ziel nenne die ISW-Experten große Sportanlässe wie die Euro 2016, die am 10. Juni beginnt. Auch die Uno warnt: Die Gefahr vor Anschlägen durch die Terrormiliz Islamischer Staat seien angesichts militärischer Verluste in Syrien und im Irak in den vergangenen Monaten gewachsen.

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Die Extremisten könnten möglicherweise Angriffe auf internationale Ziele ins Visier nehmen, sagte Uno-Untergeneralsekretär Jeffrey Feltman am Donnerstag (Ortszeit) dem Weltsicherheitsrat in New York. Er sprach von der Gefahr von komplexen Attacken, die in mehreren Wellen ausgeführt werden könnten. Angesichts der Verluste seien ausländische Kämpfer verstärkt in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Damit steige die Gefahr von IS-Anschlägen in diesen Ländern.

Die Besorgnis, dass es während der Europameisterschaft zu Terroranschlägen in den Stadien kommen könnte, wird auch von anderen zahlreichen Sicherheitsfachleuten geteilt. Frankreich sei das „am meisten bedrohte Land“, sagt Patrick Calvar, Chef der Direction Générale de la Sécurité Intérieure, dem französischen Inlandgeheimdienst: „Wir wissen, dass der IS neue Attacken plant.“ Auch der ehemalige Chef der Anti-Terror-Einheit von Scotland Yard, Richard Walton, gibt zu bedenken: Die Bedrohungslager für die Euro 2016 sei „akuter als für jedes andere Sportereignis zuvor“.

Das US-Außenministerium warnt deshalb amerikanischer Bürger vor den Gefahren möglicher Terrorattentate in ganz Europa. Zur Vorsicht mahnen auch die Briten.

Eine internationale Denkfabrik sieht sogar die Gefahr einer „schmutzigen Bombe“, die der IS gegen eine westliche Hauptstadt einsetzen könnte. Der IS habe in Syrien bereits mehrfach chemische Waffen eingesetzt, sagt Viatcheslav Kantor, Präsident des „International Luxembourg Forums zur Vermeidung nuklearer Katastrophen“. Alarmierende Töne sind auch vom ehemaligen britischen Verteidigungsminister Des Browne von der Nuclear Threat Initiative (NTI) zu hören. Sollten sich Terroristen nukleares Material beschaffen, „werden sie versuchen, es zu verwenden.“


Die Finanzierung der Milizen? Ein Problem

Die Motivation der IS-Strategen, sich im Westen in Erinnerung zu rufen, sei hoch, sagen Anti-Terror-Fachleute. Damit wolle der IS davon ablenken, dass das „Kalifat“ im Nahen Osten an mehreren Fronten unter Druck ist. Im Irak hat der IS laut Angaben eines hohen US-Offiziers allein im vergangenen Monat 20 Prozent seines syrischen und 45 Prozent seines irakischen Territoriums verloren.

Auch in Libyen steht der IS unter Druck. Dort rücken die Regierungstruppen weiter auf die IS-Hochburg Sirte vor. Am Mittwoch eroberten die Kämpfer der neuen Einheitsregierung 20 Kilometer vor der Küstenstadt zwei Kasernen von der Dschihadistenmiliz zurück.

Die Angriffe der von den USA und von Russland angeführten Koalitionen gegen den IS zeigen in Syrien und im Irak Wirkung. Seit sie im August 2014 begannen, wurden Tausende von Dschihadisten getötet, darunter auch hohe Offiziere. Zudem wurden militärisch wichtige Kommandozentralen des IS zerstört. Der IS, dem einst begeisterte und motivierte Dschihadisten aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum sowie aus Europa zuströmten, hat jetzt Rekrutierungsprobleme.

Mehrere Staaten in Westeuropa, am Persischen Golf und im Maghreb überwachen militante Salafisten und versuchen, Freiwillige an der Abreise ins „Kalifat“ zu hindern. Auch die von Dschihadisten benutzte türkisch-syrische Grenze ist nicht mehr so durchlässig wie einst.

Auch finanziell ist der IS am Anschlag. Die Öleinnahmen sind um mehr als 50 Prozent zurückgegangen, nachdem Ölanlagen des IS bombardiert wurden. Die Finanzierung der Milizen und der staatlichen Strukturen wird für den selbst ernannten Kalifen zunehmend ein Problem.

Trotz - oder besser: Gerade wegen der Rückschläge, die der IS im Nahen Osten hinnehmen musste, werde er für den Westen noch gefährlicher, warnt das Institute for the Study of War. Zumal es während des Fastenmonats Ramadan, der am 6. Juni begann, für Dschihadisten besonders attraktiv sei, das globale System unter Druck zu setzen und ins Chaos zu stürzen.

Solange die Koalition gegen den IS keine Bodentruppen einsetzt, würden Rakka und Mosul „IS-Bastionen bleiben, falls der IS nicht von lokalen syrischen oder irakischen Kräften vertrieben werde“, sagt der israelische Ex-Geheimdienstler und früherer Polit-Berater von Jitzchak Rabin, Jacques Neriah.

Quelle:  Handelsblatt Online
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