Tierfutter: Fischmehl fürs Kalb

Tierfutter: Fischmehl fürs Kalb

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Rinderzucht: Tiermehl in den Trog, sonst wandert die Produktion aus der EU ab

Warum die EU-Kommission ein Tiermehlverbot lockert, das sie bis vor Kurzem noch für nötig hielt.

Weizen ist in den vergangenen zwölf Monaten um 75 Prozent teurer geworden, Milchleistungsfutter um 43 Prozent: Nicht zufällig rückt die EU-Kommission gerade jetzt von ihrem Fütterungsverbot für Tiermehl ab, das sie 2001 wegen der BSE-Krise für nötig befunden hatte. Seitdem dürfen europäische Landwirte kein Tierfutter tierischer Herkunft mehr verwenden. Nur so konnte Brüssel den Verbrauchern den Genuss von Fleisch wieder schmackhaft machen. Jetzt sollen die Vorschriften wieder gelockert werden. Am vergangenen Dienstag beschloss Brüssel, Fischmehl im Milchersatz für junge Wiederkäuer, also Kälber, Lämmer und Zicklein, zuzulassen. Und das ist nur der Anfang: Gesundheitskommissarin Androula Vassiliou will noch in diesem Jahr einen Vorschlag vorlegen, nach dem zum Beispiel Schweinereste an Hühner verfüttert werden dürfen. Verbraucherschützer wie Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch, halten die Entscheidung für „skandalös“ und eine „Provokation für den Verbraucher“. Wolfschmidt: „Wenn Pflanzenfresser wieder mit tierischen Proteinen gefüttert werden, ist das das Allerletzte.“ Fischmehl im Milchersatz hält der studierte Tiermediziner auch wegen der Dioxinbelastung für unvertretbar.

Die Kommission weiß, dass ihr Kurswandel schwer zu verkaufen ist. „Jede Lockerung der Vorschriften, obwohl wissenschaftlich gerechtfertigt, verlangt von den Mitgliedstaaten politischen Mut“, heißt es in einem Papier. Die Kommission hat die jüngste Entscheidung nicht kommuniziert, angeblich weil das Parlament eine dreimonatige Einspruchsfrist hat. Die Abgeordneten werden diese aber kaum nutzen, weil sie seit geraumer Zeit auf großzügigere Regeln für die Verfütterung von Fleischresten warten, die für den menschlichen Konsum freigegeben waren. Dass solche Reste, in der Fachsprache „Kategorie drei“ genannt, verboten waren, hält beispielsweise der Grünen-Abgeordnete Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf für eine „überzogene“ Reaktion auf BSE. Statt von Tiermehl, das bei Verbrauchern Ekel hervorruft, spricht er lieber von „hochwertigem tierischem Eiweiß“.

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In Deutschland werden Proteine der Kategorie drei bisher hauptsächlich als Dünger genutzt. Rund 71.000 Tonnen wurden 2006 auch zu Hunde- und Katzenfutter verarbeitet. Doch außerhalb der EU ist es üblich, solche Reste in Form von Tiermehl zu verfüttern. Das Fleisch von so ernährten Tieren kann anstandslos in die EU importiert werden. Mit einem Ende des Tiermehlverbots in der EU würden einheitliche Wettbewerbsbedingungen geschaffen, findet Alain Melot, Präsident des Verbands der französischen Geflügelzüchter.

Den Kurswechsel der EU forciert aber auch die drohende Futtermittelknappheit. Europa importiert derzeit 70 Prozent der Futtermittel, unter anderem Sojaschrot vor allem aus Nord- und Südamerika. Dort werden aber immer mehr gentechnisch veränderte Sorten (GVO) angebaut, die in Europa nicht zugelassen sind. Im ersten Quartal 2008 mussten europäische Bauern einen Aufpreis von bis zu 80 Euro pro Tonne zahlen, um GVO-freies Sojaschrot zu bekommen.

Im Wettbewerb ist das von Nachteil. „Es droht eine Abwanderung der Produktion aus der EU“, warnt der Bauernverband. Eine interne Studie der Generaldirektion Landwirtschaft bestätigt das. Sollten keine Sojabohnen aus den USA, Argentinien und Brasilien in die EU kommen, weil genveränderte Sorten verboten bleiben, würden die Schweinebestände bis 2010 um 35 Prozent, die Geflügelbestände um 44 Prozent fallen.

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