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Timothy Garton Ash: „Wir brauchen eine europäische Geschichte“

von Torsten Riecke und Frank Wiebe Quelle: Handelsblatt Online

Garton Ash über die deutsche Pflicht, Europa aus der Krise zuführen. Neben einer Wachstumskomponente für südliche Länder, muss Merkel die Easyjet-Generation von Europa überzeugen. So nur bliebe der Kontinent zusammen.

Der britische Historiker Timothy Garton Ash sagt, Merkel sei abhängig von den vier großen B: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und „Bild“-Zeitung. Quelle: action press
Der britische Historiker Timothy Garton Ash sagt, Merkel sei abhängig von den vier großen B: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und „Bild“-Zeitung. Quelle: action press

Handelsblatt: Herr Garton Ash, die Welt wartet darauf, dass Angela Merkel sie von der Schuldenkrise in Europa erlöst. Was soll die deutsche Kanzlerin tun?

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Wir haben die einmalige Situation, dass die Weltgeschichte von Frau Merkel abhängt. Sie handelt aber nicht allein. Sondern sie handelt im Kontext der vier großen Bs: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und "Bild"-Zeitung.

Timothy Garton Ash: Welches ist das wichtigste B?

Möglicherweise das letzte. Ein britischer Premier, ein französischer oder auch ein amerikanischer Präsident ist weniger von solchen Umständen abhängig. Er kann mehr entscheiden als die deutsche Bundeskanzlerin. Aber der Moment ist gekommen, wo die meisterhafte Innenpolitikerin Angela Merkel über ihren Schatten, über diese vier Bs springen muss. Sonst geht das Schiff unter.

Noch einmal: Was muss sie tun?

Es mag banal klingen: Sie muss das Notwendige tun, aber das kann sehr kompliziert sein. Es ist sehr einfach zu sagen, wir müssen jetzt eine Bankenunion, Fiskalunion oder eine Politische Union machen. Das Wichtigste ist, dass die Märkte und die Menschen überzeugt werden, dass diese Euro-Zone gerettet wird. Mit oder ohne Griechenland.

Kann man die Menschen und Märkte mit den bisherigen kleinen Rettungsschritten überzeugen?

Frau Merkel denkt vermutlich, dass sie mit den vier Bs nur zurechtkommen kann, wenn sie weniger sagt, als sie denkt. Um die Märkte und die Menschen in Europa zu überzeugen, müsste sie eigentlich mehr sagen. Das ist die Spannung zwischen einer Politik für Europa und nationalstaatlichem Denken.

Soll sie den Deutschen sagen, dass sie noch mehr Opfer bringen müssen?

Die Formulierung "Opfer" finde ich problematisch. Man muss wahrscheinlich kurzfristig mehr Opfer bringen, aber langfristig geschieht das zum eigenen Nutzen. Deutschland ist ein großer Gewinner der Währungsunion. Und wenn der Euro gerettet wird, wird Deutschland auch weiterhin davon profitieren. Und wenn nicht, wird Deutschland auch sehr darunter leiden. Frau Merkel hat es verpasst, ihren Landsleuten zu sagen, dass die Rettung des Euros in ihrem ureigenen Interesse liegt.

Warum ist es so schwer, die Menschen davon zu überzeugen?

Von Heraklit ist er Satz übermittelt, der Krieg sei der Vater aller Dinge. So waren auch der Krieg in Europa und die persönlichen Erinnerungen daran die wesentlichen Triebkräfte für die europäische Einigung. Der Zeitplan für die Währungsunion hatte zu tun mit der deutschen Wiedervereinigung und den Ängsten der deutschen Nachbarn davor. Viele fordern heute mehr "Leadership" von den politischen Führern. Helmut Kohl hat die Deutschen nicht gefragt, ob sie die D-Mark gegen den Euro eintauschen wollten. Er hat es einfach getan.

7 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 17.06.2012, 11:51 UhrCarla

    Auf Wessen Kosten, und Wer in Deutschland gewinnt denn , wenn von - Deutschland gewinnt (bei dieser Art von EU-Finanz-Wirtschaftspolitik) die Rede ist ? Ganze Staaten werden mitursächlich durch diese falsche , weiterhin unregulierte Wirtschafts und Finanzpolitik in den Abgrund gestürzt ?
    Konzeptloses , zum Scheitern führendes Spardiktat nur in Richtung der abhängig Beschäftigten, der Normalbürger ? ( z. B. Niedriglöhne, Mehrarbeit durch gezwungensein Mehrjobs anzunehmen, enorme Rentenkürzungen, schlechtere gesundheitliche Versorgung, unzureichende Bildungschancen uvm.)
    Ergebnis wird elende Verarmung der Bevölkerung sein.
    Und hier bei dieser Zukunftsaussicht kann niemals von Erfolgen gesprochen werden. Solch ein Europa ist nicht erstrebenswert - nicht für die Bürger Europas !
    Europa als Rettungsstation der Großkonzerne, der Banken ? Wo bleibt die Wirtschaftsmoral - wo Wirtschaftsmoraltheologie ??
    Wer verantwortet guten Gewissens solch eine Art
    Politik gegen Bürger .


  • 16.06.2012, 22:29 Uhrxyz

    kein Mensch wünscht sich einen deutschen Hegemon! Deshalb gibt es aus allen anderen EU-Ländern auch Kritik an DE. Nur deutsche Großkotze bilden sich das immer wieder ein! Ich bin ein Kind der 1980er Jahre -- also einer Zeit ohne Euro und mit einer kleinen Europäischen Gemeinschaft. Und es war sehr wohl keine schlechtere Zeit. Seitdem ging es stetig bergab. Es tut den Ländern nicht gut in einer Wirtschaftsunion zu sein, von der nur die deutsche Exportwirtschaft profitiert hat, die alle anderen auch gegen die Wand spielt. Und wenn die Eurozone zerbricht und die EU, was solls. Meiner Meinung nach müsste DE aus der Zone austreten, noch vor allen anderen. Was nicht zusammenpasst von der Wirtschaftskraft kann man eben nicht zwangsvereinen.

    http://www.flassbeck.de/pdf/2005/8.11.2005/Die%20deutschen%20Lohnst%FCckkosten.pdf

    der einzige der von der EU profitiert hat war die deutsche Wirtschaft - aber auch nur mit Hilfe der Lohndrückerei und Gerhard Schröders Modell "vom größten Niedriglohnsektor Europas" und mittlerweile gehen die meisten Länder der EU in der Finanz-u.Wirtschaftskrise baden. Wer hat noch mal das Finanzsystem dereguliert -- erst die Sau losbinden und dann immer noch nicht in der Lage sein, diese wieder festzubinden - das ist die Politik heutzutage - Roosevelt rotiert im Grabe, wenn er das sieht.

  • 16.06.2012, 21:58 UhrMorlock62

    "Man muss wahrscheinlich kurzfristig mehr Opfer bringen, aber langfristig geschieht das zum eigenen Nutzen. Deutschland ist ein großer Gewinner der Währungsunion. Und wenn der Euro gerettet wird, wird Deutschland auch weiterhin davon profitieren."

    Alles klar. Sowas lesen wir seit Jahren von Leuten, die alles nur noch schlimmer machen. Ich kenne keine Leute, die da profitiert haben sollen. Ich kennen nur Leute, denen der Euro die realen Einkommen gestutzt hat. Und die sollen noch weiter büßen? Nein danke! In den Orkus mit dieser Esperanto-Währung.

    Im "Spiegel" ist auch so ein Kasper, der was von Verantwortung stammelt, aber tatsächlich nur die Öffnung deutschen Geldbörsen meint. Die treten zur Zeit im Rudel auf. Reines Finanzmarkt-Lobbyisten-Gewäsch.

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