
Handelsblatt: Herr Garton Ash, die Welt wartet darauf, dass Angela Merkel sie von der Schuldenkrise in Europa erlöst. Was soll die deutsche Kanzlerin tun?
Wir haben die einmalige Situation, dass die Weltgeschichte von Frau Merkel abhängt. Sie handelt aber nicht allein. Sondern sie handelt im Kontext der vier großen Bs: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und "Bild"-Zeitung.
Timothy Garton Ash: Welches ist das wichtigste B?
Möglicherweise das letzte. Ein britischer Premier, ein französischer oder auch ein amerikanischer Präsident ist weniger von solchen Umständen abhängig. Er kann mehr entscheiden als die deutsche Bundeskanzlerin. Aber der Moment ist gekommen, wo die meisterhafte Innenpolitikerin Angela Merkel über ihren Schatten, über diese vier Bs springen muss. Sonst geht das Schiff unter.
Noch einmal: Was muss sie tun?
Es mag banal klingen: Sie muss das Notwendige tun, aber das kann sehr kompliziert sein. Es ist sehr einfach zu sagen, wir müssen jetzt eine Bankenunion, Fiskalunion oder eine Politische Union machen. Das Wichtigste ist, dass die Märkte und die Menschen überzeugt werden, dass diese Euro-Zone gerettet wird. Mit oder ohne Griechenland.
Kann man die Menschen und Märkte mit den bisherigen kleinen Rettungsschritten überzeugen?
Frau Merkel denkt vermutlich, dass sie mit den vier Bs nur zurechtkommen kann, wenn sie weniger sagt, als sie denkt. Um die Märkte und die Menschen in Europa zu überzeugen, müsste sie eigentlich mehr sagen. Das ist die Spannung zwischen einer Politik für Europa und nationalstaatlichem Denken.
Soll sie den Deutschen sagen, dass sie noch mehr Opfer bringen müssen?
Die Formulierung "Opfer" finde ich problematisch. Man muss wahrscheinlich kurzfristig mehr Opfer bringen, aber langfristig geschieht das zum eigenen Nutzen. Deutschland ist ein großer Gewinner der Währungsunion. Und wenn der Euro gerettet wird, wird Deutschland auch weiterhin davon profitieren. Und wenn nicht, wird Deutschland auch sehr darunter leiden. Frau Merkel hat es verpasst, ihren Landsleuten zu sagen, dass die Rettung des Euros in ihrem ureigenen Interesse liegt.
Warum ist es so schwer, die Menschen davon zu überzeugen?
Von Heraklit ist er Satz übermittelt, der Krieg sei der Vater aller Dinge. So waren auch der Krieg in Europa und die persönlichen Erinnerungen daran die wesentlichen Triebkräfte für die europäische Einigung. Der Zeitplan für die Währungsunion hatte zu tun mit der deutschen Wiedervereinigung und den Ängsten der deutschen Nachbarn davor. Viele fordern heute mehr "Leadership" von den politischen Führern. Helmut Kohl hat die Deutschen nicht gefragt, ob sie die D-Mark gegen den Euro eintauschen wollten. Er hat es einfach getan.
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