Tradition: Königlicher Spagat

Tradition: Königlicher Spagat

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Wallfahrt in Mekka: Herrschaft über die heiligen Stätten ist die Basis des konservativen Systems

König Abdullah ist zum Spagat zwischen konservativer islamischer Tradition und modernen Ideen gezwungen.

Diesen Monat gab der saudische König zum ersten Mal seit Langem ein Interview. Bezeichnenderweise einer kuwaitischen Zeitung. In dem kleinen Nachbarland ist mit saudischem Geld die islamistische Opposition stark geworden, und jetzt musste Abdullah die Wogen glätten: „Islamische Scharia ist unsere Religion und unsere Art zu leben, deshalb fordern wir Toleranz, wie es im Heiligen Koran steht.“ Und dann, damit ja keiner zu Hause das mit der Toleranz falsch versteht: „Andere reden ununterbrochen von politischer Reform. Aber wenn es Gerechtigkeit gibt, dann werden die Gesetze gut und für alle Menschen annehmbar sein.“

Und für Gerechtigkeit, einen Grundwert im Islam, kann natürlich nur der fromme absolutistische Herrscher sorgen.

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Seit weniger als 80 Jahren nennen die al-Saud ihr riesiges, in den Jahrzehnten zuvor erobertes Territorium nach ihrem Familiennamen. Eine Generation zuvor waren sie noch Beduinenscheichs, die selbst in den muslimischen Hauptstädten Istanbul oder Teheran keiner kannte. Da gab es aber auch noch keinen Ölexport.

Ihren Geltungsanspruch erwarben die Nobodys aus der Wüste als „Hüter der zwei heiligen Stätten“. 1924 eroberte Abdelasis ibn Saud hoch zu Kamel Mekka und Medina und verjagte den bisherigen Herrscher, einen Nachfahren des Propheten Mohammed. Seitdem managen die Saudis die Wallfahrt von Millionen Muslimen aus aller Welt. Mit dieser Aufgabe legitimierten sie ihre konservative Rechts- und Gesellschaftsordnung.

Die Einnahmen aus der Ölförderung waren jahrzehntelang das Schmiermittel dieses Systems. Was zu einem bislang unlösbaren Dilemma führte: Seit den ersten großen Erdölfunden vor einem halben Jahrhundert mussten sich die reichen Prinzen aus der Herrscherfamilie gerade von den einheimischen Predigern und Theologen immer schärfere Kritik ob ihrer Sittenlosigkeit und Verwestlichung anhören. Von dieser Kritik bis zur Formung revolutionärer Untergrundbewegungen war es nicht weit. Das Herrscherhaus verteidigte sich, indem es immer strengere Vorschriften im Sinne der Frommen durchzusetzen versuchte und radikale islamische Gruppen mit Geld ruhigstellen wollte, unter der Bedingung, dass sie ihr Unwesen weit entfernt vom saudischen Territorium trieben. Andererseits lehnten sich die Saudis gegen wechselnde außenpolitische Gefahren eng an die erdöl-hungrigen USA an. Diese Doppelstrategie scheiterte spätestens am 11. September 2001.

Energische Repression

Seitdem operieren Abdullah und sein Innenminister und Halbbruder Prinz Najef mit energischer Repression gegen Sympathisanten des längst ausgebürgerten Landeskindes Osama Bin Laden. Allein seit Beginn dieses Jahres haben ihre Sicherheitsdienste 520 Personen wegen angeblich geplanter Anschläge festgenommen. Mit Unterstützung der wichtigsten religiösen Autorität des Landes.

Großmufti Abdelasis Al al-Sheikh hat vergangene Woche die mutmaßlichen Terroristen sozusagen exkommuniziert: „Was die Gruppe der Abweichler getan hat, ist gewiss nicht das Werk wahrer Muslime, die an Gott, Auferstehung, die Heiligkeit der Seelen und des Eigentums anderer Menschen glauben.“

Der Großmufti spricht in doppelter Eigenschaft: als höchster religiöser Beamter des Landes und heutiger Chef der Familie des Theologen Muhammad ibn Abd al-Wahhab, der im 18. Jahrhundert die strenge Lehre des Wahhabismus entwickelt hat. Religiöse Doktrin und politische Macht der beiden eng miteinander verschwägerten Familien al-Saud und al-Sheikh – das eine wäre ohne das andere nie möglich gewesen.

Fragt sich nur, ob die Anhänger des Wahhabismus dem Mufti und seinen königlichen Verwandten auch auf dem Weg in die Moderne folgen. Von Familienklüngeln ist in der Lehre der Wahhabiten eigentlich keine Rede.

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