Trotz Waffenstillstand: Kampf der Interessen in Syrien

Trotz Waffenstillstand: Kampf der Interessen in Syrien

, aktualisiert 15. September 2016, 14:18 Uhr
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Syrische Kinder sitzen auf einem Karussell. Trotz Waffenstillstand ist jedoch kein Friede in Sicht.

von Martin GehlenQuelle:Handelsblatt Online

Seit dieser Woche herrscht in Syrien offiziell Waffenstillstand. Doch Frieden bedeutet das längst nicht. Im Gegenteil – dutzende Akteure versuchen, die Situation für ihre Interessen auszunutzen. Ein Überblick.

KairoUS-Außenminister John Kerry sprach beschwörend von der „letzten Chance, um Syrien zu retten“. Sein russischer Amtskollege, Vizeaußenminister Mikhail Bogdanov, drängte darauf, bereits Anfang Oktober die nächsten Uno-Gespräche nach Genf einzuberufen. Seit Montagabend schweigen die Waffen, am Dienstag verlängerten die USA und Russland die Waffenruhe. Doch ein Frieden ist noch lange nicht in Sicht.

Der Kampf gegen die radikalen Jihadisten soll jetzt erst richtig losgehen. Und die innersyrische Tragödie ist der wohl vertrackteste Konflikt der Moderne, weil sich auf dem Schlachtfeld mehr als ein Dutzend nationale, regionale und internationale Akteure tummeln.

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Die Vereinigten Staaten

Auch wenn US-Präsident Barack Obama zu Beginn des Arabischen Frühlings den syrischen Diktator Bashar al-Assad mehrfach zum Rücktritt aufforderte, in den letzten beiden Jahren rückte das Weiße Haus immer mehr von dieser Linie ab. Alle Versuche des Pentagon, moderate Rebellenbrigaden zu rekrutieren und zu trainieren, scheiterten kläglich.

Stattdessen rückte der Kampf gegen den „Islamischen Staat“ und die Al-Nusra-Front in den Vordergrund. Die USA schmiedeten eine internationale Luftallianz gegen die Terrormilizen und unterstützen am Boden die kurdischen YPG-Brigaden, die als einzige den Jihadisten gewachsen sind. Washington will keinen chaotischen Zusammenbruch des Regimes und ist daher bereit, für eine gewisse Übergangsphase Assad zu akzeptieren.

Russland

Seit September 2015 greift Moskau mit Kampfflugzeugen und Elitetruppen in den Bürgerkrieg ein, um das schwankende Assad-Regime zu stabilisieren und sein Überleben zu sichern. Der Kreml will sich im Nachkriegssyrien eine möglichst gute Machtposition sichern, um seinen Einfluss im Nahen Osten noch fester zu verankern. Auf Jahre in den Kriegssumpf hineinziehen lassen möchte sich die russische Führung jedoch nicht, die Erinnerung an die Afghanistan-Katastrophe in den achtziger Jahren ist noch sehr präsent.

Obendrein will Präsident Wladimir Putin den Krieg gegen den IS möglichst auf syrischem Boden führen und sucht daher die Kooperation mit den USA. Gleichzeitig wächst in Moskau die Ernüchterung über die wankelmütige Assad-Clique und ihre demoralisierte Armee. Der russische Militärexperte Mikhail Khodarenok warf auf der Kreml-nahen Website gazeta.ru den Soldaten Assads vor, sie hätten im gesamten letzten Jahr keine einzige erfolgreiche Offensive mehr hingekriegt und seien nur noch damit beschäftigt, an Straßensperren Schmiergelder zu kassieren. „Diesen Krieg zu gewinnen mit einem Verbündeten wie der syrischen Armee, das ist unmöglich.“


Geld und Waffen

Europa

Die Europäische Union betrachtet den Syrienkonflikt inzwischen vor allem aus der Perspektive der Flüchtlingszahlen und der Gefahr weiterer IS-Attentate. Je länger das Morden in Syrien anhält, desto geringer werden die Aussichten, dass sich die Region entlang des südlichen Mittelmeeres stabilisiert und den vielen Millionen entwurzelter Bürger wieder eine Lebensperspektive bieten kann. Die EU-Außenpolitik ist zwar bereit, Diktator Assad in einer Übergangsperiode zu akzeptieren, verlangt aber wie Uno-Vermittler Staffan de Mistura eine glaubwürdige und inklusive Nachkriegsführung, die das gegenwärtige Machtarrangement der Baath-Diktatur ersetzt.

Die Türkei

Die Türkei galt von Anfang an als der entschiedenste Gegner von Damaskus. Sie unterstützte alle Rebellengruppen, sofern sie gegen Assad kämpften. Seit den schweren IS-Anschlägen in Istanbul und den syrisch-kurdischen Unabhängigkeitsbestrebungen jedoch haben sich die strategischen Prioritäten Ankaras gewandelt. Die türkische Führung ist nun offenbar bereit, sich mit einem Überleben des Regimes abzufinden, wenn Damaskus ihm dafür freie Hand in der Kurdenfrage gibt. Der Einmarsch türkischer Truppen in Syrien richtet sich primär gegen die syrischen Kurden, aber auch gegen den IS. Dafür ist Präsident Recep Tayyip Erdogan offenbar bereit, die Rebellen in Aleppo fallenzulassen und dem Assad-Regime die Kontrolle über die gesamte Stadt auszuhändigen.

Iran und Hisbollah

Die Hisbollah ist mit 6000 bis 8000 Kämpfern vor Ort. Vom Iran befehligte schiitische Milizen aus Irak, Iran und Afghanistan steuern weitere 10.000 Bewaffnete bei, die an vielen Fronten die Hauptlast tragen. Iran betrachtet das syrische Regime seit mehr als vier Jahrzehnten als wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt und gleichzeitig als Versorgungsbrücke zu den Hisbollah-Stützpunkten im Libanon.

Saudi-Arabien und die Golfstaaten

Die arabischen Golfstaaten sehen den Syrienkrieg als zentralen Schauplatz in ihrem Ringen mit der Islamischen Republik. Unter der Führung von Riyadh unterstützen die superreichen Scheichtümer moderate und radikale Rebellen mit Geld und Waffen. Doch ihr Einfluss geht zurück. Saudi-Arabien führt einen blutigen Krieg im Jemen. Und die kleinen Golfstaaten können die Aufständischen nicht mit eigenen Truppen unterstützen.


Bis zu 100.000 Kämpfer gegen Assad

Die Kurden

Die Kurden haben sich in den letzten fünf Jahren weitgehend aus dem Bürgerkrieg herausgehalten. Ihnen geht es vor allem darum, für ihre Gebiete entlang der syrisch-türkischen Grenze eine Autonomie durchzusetzen. Ihre YPG-Milizen haben mit amerikanischer Waffenhilfe bisher die größten Siege gegen den IS erkämpft. Trotzdem betrachten sowohl Damaskus als auch Ankara diese Erfolge mit Misstrauen.

Damaskus ließ vor zwei Monaten seine Kampfjets erstmals gegen die eigenen Kurden fliegen, die Türkei marschierte ins Nachbarland ein. Sie zwang die syrischen Kurden, alle grenznahen Gebiete westlich des Euphrat zu räumen. Denn Ankara befürchtet, ein zusammenhängendes kurdisches Hoheitsgebiet könne die Sezessionswünsche der eigenen Minderheit neu anfachen.

Das Assad-Regime

Diktator Bashar al-Assad gab sich am ersten Tag der Waffenruhe kompromisslos und siegessicher. Provokativ reiste er in die nach vier Jahren Dauerbombardement und Belagerung zwangsevakuierte Ex-Rebellenstadt Daraya und kündigte an, man werde ganz Syrien „von den Terroristen“ zurückerobern. Das Regime befindet sich durch den Waffenstillstand in einer relativ komfortablen Lage, zumal sich Moskau und Washington mit „Islamischem Staat“ und Al-Nusra künftig gemeinsam seine gefährlichsten militärischen Gegner vorknöpfen.

Assads Zukunft dagegen spielt momentan zwischen beiden Großmächten keine Rolle. Inwieweit sich jedoch die Baath-Machthaber von Moskau tatsächlich in die Schranken weisen lassen, werden die nächsten Tage zeigen. Dann müssen ihre Soldaten die kürzlich eroberten Nachschubkorridore für Aleppo räumen, um die Versorgung der umzingelten Rebellenviertel zu ermöglichen.

Die Assad-Gegner

Sämtliche Gegner des Regimes haben schätzungsweise 70.000 bis 100.000 Mann unter Waffen. Das „Institute for the Study of War“ zählte im vergangenen Jahr mehr als 230 Gruppen. Die Radikalen unter ihnen, „Islamischer Staat“ und Al-Nusra-Front, werden weiterkämpfen. Vor allem die IS-Jihadisten stehen inzwischen von allen Seiten unter Druck. Die türkische Armee riegelte kürzlich ihre letzte Nachschubtrasse über die Grenze ab, so dass keine Kämpfer und Waffen mehr in die Hochburg Raqqa gelangen können.

Die Al-Nusra-Front dagegen gilt unter den moderateren Rebellen als geschätzter Verbündeter - wegen ihrer Disziplin und Kampferfahrung und wegen ihrer Fähigkeit, Selbstmordattentäter zu rekrutieren. An der Front spielt ihre ideologische Nähe zu Al Qaida kaum eine Rolle. Daher sind diese Rebellenbrigaden bisher nicht bereit, sich von Al-Nusra zu distanzieren und ihre Truppen zu entflechten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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