Trump-Attacke auf Comey: Ein Präsident ohne Werte

Trump-Attacke auf Comey: Ein Präsident ohne Werte

, aktualisiert 13. Mai 2017, 08:34 Uhr
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Loyalität ist dem US-Präsident wichtiger als Aufrichtigkeit.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Der Umgang mit dem gefeuerten FBI-Chef Comey zeigt deutlich, dass Trump keine wirklichen Werte besitzt. Sein übergroßes Ego steht vor seiner eigentlichen Aufgabe als US-Präsident. Ein Kommentar.

Konservativ sein – das bedeutet, nach eigenem Selbstverständnis, Tugenden und Werte zu pflegen. Und die Konservativen haben in großer Mehrzahl Donald Trump gewählt. Sogar die konservativen Christen haben ihn gewählt, in der Hoffnung, dass er ihre Werte bei der Besetzung des obersten Gerichts berücksichtigt.

Nach einem Bericht der „New York Times“ hat Trump nach seiner Wahl zum US-Präsidenten FBI-Direktor James Comey ins Weiße Haus eingeladen. Comey ist der Mann, der mit seinen Ausführungen zu Ermittlungen gegen Hillary Clinton kurz vor der Wahl wahrscheinlich spürbar zu Trumps Sieg beigetragen hat.

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Trump habe, heißt es unter Berufung auf Personen aus Comeys Umgebung, den Polizeichef mehrfach gedrängt, ihm „Loyalität“ zuzusichern. Der antwortete, er könne ihm nur „Aufrichtigkeit“ versprechen. Trump bestreitet diese Darstellung. Aber er hat schon oft gelogen. Comey, von dem die Information ja letztlich stammt, hat zwar vor der Wahl eine zweifelhafte Rolle gespielt, ist bislang allerdings nicht durch massive Unwahrheit aufgefallen.

Aufrichtigkeit ist eine Tugend. Loyalität zu einer einzelnen Person ist allenfalls eine Sekundär-Tugend. Nichts charakterisiert Trump so sehr wie die Tatsache, dass er Loyalität über Aufrichtigkeit setzt. Der bekannte Investor Warren Buffett betont immer wieder, dass erfolgreiche Manager ihre Aufgabe an erste Stelle setzen – und nicht die eigene Person. So gesehen dürfte der Milliardär keinen Penny in Trump investieren – er hat sich schließlich vor der Wahl klar hinter Hillary Clinton gestellt.

Die Affäre um Comey ist noch immer dunkel. Es nicht klar, was den Mann eigentlich antreibt. Bis vor kurzem konnte er als politisch einseitig gelten, weil er vor der Wahl über Clintons E-Mail-Affäre gesprochen hat, nicht aber über die Ermittlungen gegen Trumps Team wegen möglicher Russland-Kontakte. Inzwischen zeigt sich ein anderes Bild: Möglicherweise hat sich Comey aus übertriebenem Eifer zwischen alle Stühle gesetzt. Das würde bedeuten: Das Problem sind nicht seine Werte, sondern eher das politische Ungeschick.

Die Art, wie Trump die Affäre handhabt, spricht Bände über ihn und sollte jeden abschrecken, der sich mit ihm einlässt. Er hat Comey nicht nur völlig überraschend gefeuert. Er hat ihm die Nachricht überraschend über die TV-Bildschirme überbracht und ihn damit erniedrigt. Er hat ihn bei Twitter als „Angeber“ beleidigt. Und nun droht er Comey mit der dunklen Andeutung, er besitze belastende Tonbänder mit gemeinsamen Gesprächen. So will Trump verhindern, dass sich Comey an die Medien wendet.

So reagiert jemand, der aus persönlichen Motiven handelt: feuern, erniedrigen, beleidigen, bedrohen. So reagiert jemand, der seinen Gegenüber vernichten will. Und das, obwohl er ihm sogar viel verdankt – doch das spielt keine Rolle. Trumps Ego ist verletzt worden, weil Comey sich nicht gefügt hat. Die Affäre zeigt überdeutlich, dass Trump keine wirklichen Werte besitzt. Sein übergroßes Ego steht vor seiner Aufgabe.

Auffällig ist, dass sein egozentrischer Stil mehr und mehr die eigenen Mitarbeiter überfordert. Immer häufiger heißt es von seinen Pressesprechern, dass sie etwas „glauben“. Trump will das Problem eventuell lösen, indem er Pressekonferenzen abschafft oder einschränkt. Doch die vergangenen Tage haben auch gezeigt: Es gibt genug Leute aus seiner persönlichen Umgebung, die an die Öffentlichkeit gehen. Er kann den Nachrichtenfluss nicht kontrollieren. Und außerhalb seiner engsten Anhänger funktioniert die Methode nicht mehr, die Medien per Twitter zu übertönen.

Bleibt die Frage, was die Affäre verändert. Seine Gegner haben ihn schon vorher gehasst. Seine Anhänger werden möglicherweise immer noch das Chaos in Washington als eine Art Show genießen, die sie als Bestrafung des Establishments einstufen. Aber möglicherweise bröckelt die Loyalität der echten Konservativen. Echte Konservative – so weit es die überhaupt noch gibt.

Hin und wieder fällt jetzt auch das Wort „Impeachment“. Gemeint ist damit ein Verfahren zur Absetzung des Präsidenten. Realistisch ist diese Perspektive angesichts der politischen Verhältnisse bisher nicht. Es müsste schon noch mehr geschehen, bis so etwas wirklich denkbar wäre. Etwa der Nachweis einer tatsächlichen, persönlichen Verstrickung Trumps in russische Hacker-Angriffe auf Clinton. Oder ein krasses Versagen in einer akuten Krisensituation.

Letztlich handelt es sich nicht um eine juristische, sondern um eine politische Frage, ob Amerika eine Chance bekommt, diesen Präsidenten vorzeitig loszuwerden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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