TTIP-Abkommen: Europa braucht das Freihandelsabkommen

TTIP-Abkommen: Europa braucht das Freihandelsabkommen

, aktualisiert 28. Mai 2014, 10:44 Uhr

Das Europäische Parlament hat kräftig Stimmung gegen das Freihandelsabkommen TTIP gemacht. Durch die Europawahl sehen sich die Kritiker des Freihandels gestärkt. Dabei könnte der grenzenlose Handel mit den USA zig Arbeitsplätze sichern.

Von Christian Ramthun, Henning Krumrey, Cordula Tutt und Silke Wettach

Fünf Jahre lebte Rainer Hundsdörfer in Connecticut, auf halber Strecke zwischen New York und Boston. Nie fürchtete der heute 56-Jährige, sich beim Essen zu vergiften oder sich am Toaster einen elektrischen Schlag zu holen. Im Gegenteil, Hundsdörfer war beeindruckt von den hohen Verbraucherstandards. Im Restaurant fand er auf der Speisekarte neben den Gerichten Angaben zur Kalorienzahl, im Supermarkt imponierten ihm die detaillierten Angaben zu den Zutaten und Herstellungsverfahren der Lebensmittel.

Anzeige

Heute, in Mulfingen im Hohenlohekreis, reibt sich Hundsdörfer erstaunt die Augen angesichts der Angstdebatte um das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA (TTIP). Ob in der Zeitung, im Radio, im Fernsehen – überall begegnen ihm Sorgen über Genmais, Chlorhühnchen und miese Umwelt- und Verbraucherstandards der USA, die über den Atlantik zu schwappen drohen.

„Die meisten Menschen hier haben leider keine Ahnung von Amerika“, sagt Hundsdörfer und ergänzt: „Umgekehrt leider auch nicht.“ Die Lebensqualität in den USA sei jedenfalls nicht schlechter, versichert er und will sich nun in die Debatte einmischen.

Abkommen mit Kanada Testlauf für das TTIP

Während die Verhandlungen zum europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommen noch laufen, hat die EU-Kommission ein ähnliches Abkommen mit Kanada auf den Weg gebracht.

In Deutschland gibt es große Bedenken gegenüber dem Freihandelsabkommen der EU mit den USA. Mit Kanada ist man deutlich weiter. Schon 2015 könnten so gut wie alle Zolltarifpositionen fallen. Quelle: dpa

Auch aus beruflich-wirtschaftlichen Gründen. Hundsdörfer ist Geschäftsführer von ebm-pabst, einem mittelständischen Unternehmen, das Ventilatoren herstellt. Für Kühlschränke, für Sitzbelüftungen oder auch für LED-Scheinwerfer. Alle Produkte müssen zertifiziert werden und erhalten dann das europäische CE-Prüfzeichen. Leider haben die USA, ein wichtiger Absatzmarkt, andere Normen. Also müssen sich bei ebm-pabst allein 15 Entwickler mit der US-Zertifizierung beschäftigen. Deshalb ist Hundsdörfer für TTIP.

Er hofft, dass dann eine Prüfung ausreicht und das Ergebnis auch im anderen Land gilt. „Wir können viel Geld besser in die Entwicklung neuer Produkte stecken, damit hier Jobs sichern und unsere Wettbewerbsposition auf dem amerikanischen Markt stärken“, schwärmt Hundsdörfer.

Mit Chlorhühnchen auf Augenhöhe

Sein plötzliches TTIP-Engagement sei überfällig, sagt der Mittelständler selbstkritisch. Zu lange habe man das Feld den Angstmachern überlassen, „jetzt müssen wir dem Chlorhühnchen auf Augenhöhe begegnen“.

Diese Einsicht dämmert inzwischen vielen Wirtschaftsbossen. Zu lange glaubte man, das Freihandelsabkommen sei ein politischer Selbstläufer. Schließlich lebt Deutschland ja vom Welthandel. Und TTIP soll noch mehr Wohlstand schaffen, zwischen 0,5 und 0,8 Prozent mehr BIP – je nach Studie. Allerdings sind derartige abstrakte Daten viel zu fern von den Wohlstandsbürgern, die sich ganz konkrete Sorgen um ihre Gesundheit machen.

Deutschlands wichtigste Partner

Die fünf größten Handelspartner Deutschlands (in Milliarden Euro). Für eine detaillierte Ansicht klicken Sie bitte auf die Grafik.

Das bisherige TTIP-PR-Desaster ist für den Münchner Professor Hans-Werner Sinn ein Musterbeispiel der Public-Choice-Theorie. Sie erklärt, warum sich kleine engagierte Interessengruppen zum Nachteil einer schweigenden Mehrheit durchsetzen können. Offensichtlich sei dies hiesigen Hühnermästern und anderen Lebensmittelherstellern gelungen.

Irrationale Kritik

„Viele, die deren Argumente übernehmen, wissen wahrscheinlich gar nicht, worüber sie reden“, sagt Sinn. Er findet die Kritik irrational: „Tatsächlich könnten vor allem einkommensschwache Bevölkerungsgruppen profitieren, da die Lebensmittelpreise in den USA wesentlich günstiger seien, erklärt der Präsident des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. „Empfänger von Sozialhilfe wären wahrscheinlich glücklich darüber, was sie in einem amerikanischen Supermarkt alles kaufen könnten.“

Die Konsequenz daraus ist klar: mehr über die Vorteile reden. Dazu rief Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) am vorigen Mittwoch einen Beirat ins Leben. Die 20-köpfige Expertentruppe vereint nicht nur die Hauptnutznießer, sondern auch Skeptiker wie die Kirchen, Verbraucher- und Naturschützer sowie die Gewerkschaften.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%