Türkei: Absturz der türkischen Lira verschärft die Krise

Türkei: Absturz der türkischen Lira verschärft die Krise

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Wechselstube in Istanbul

von Hans Jakob Ginsburg

Der Wechselkurs der türkischen Lira verfällt – und das verschärft die Krise des Landes noch mehr.

2,94 türkische Lira kostete der US-Dollar am Freitagmorgen an den Börsen. Zum ersten Mal mussten Privatleute, die in Istanbul oder Ankara die Landeswährung am Bankschalter in Dollar tauschen wollten, in der Regel mehr als drei Lira hinlegen. Viele taten es trotzdem, denn immer mehr wohlhabende Türken fliehen aus der Landeswährung, und das verschärft natürlich den Kursverfall.

Noch vor einem Monat lag der Wechselkurs bei 2,79, vor einem Vierteljahr waren es 2,59 gewesen, vor einem Jahr 2,17 – und damals galt jeder Wechselkurs über der Zwei-Lira-Marke noch als katastrophal für die türkische Volkswirtschaft. Entsprechend verschärft sich die Inflation, die Minderheitsregierung von Präsident Erdoğans Gnaden versucht, die Folgen der explodierenden Lebensmittelpreise für sozial schwache Familien zu mildern – und versucht gute Stimmung zu verbreiten. Wegen der Parlamentswahlen, die nach dem Scheitern aller Koalitionsverhandlungen im Herbst bevorstehen. Dabei sind diese Wahlen natürlich ein Grund für die Kapitalflucht vom Bosporus in die sicheren Häfen Dollar und Euro.

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„Es gibt keinen Grund zur Sorge“, betonte vor ein paar Tagen Erdoğans wichtigster Gefolgsmann, der Premierminister Ahmet Davutoğlu. Der Kursanstieg des US-Dollars sei weltwirtschaftlich bedingt, und „kein Zeichen irgendeiner strukturellen oder lang andauernden Krise bei uns in der Türkei“, behauptet der Regierungschef.

Türkei Dämpfer für Erdogan

Nach der Parlamentswahl wird die politische Szene in der Türkei unübersichtlich. Das bremst Präsident Erdogan mit seinen politisch autoritären und wirtschaftlich überaus ehrgeizigen Ambitionen.

Türkei Quelle: AP

Das ist nicht ganz falsch, aber nur die halbe Wahrheit. Natürlich leidet die Türkei unter der globalen Schwellenländerkrise und hätte auch bei besten politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen im eigenen Land derzeit große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Aber daneben gibt es eine ganze Reihe innenpolitischer und binnenwirtschaftlicher Gründe für den Absturz der Landeswährung.

Erst einmal muss Davutoğlu nur in den Spiegel gucken. Als braver Gefolgsmann Recep Tayyip Erdoğans ließ er nach der Wahlschlappe seiner Partei im Juni alle Koalitionsverhandlungen platzen: Anfang dieser Woche wurde das offiziell verkündet. Neuwahlen bedeuten möglicherweise Instabilität und erst einmal eine unkontrollierte Fortsetzung der Wirtschaftspolitik Erdoğans, der seit Jahren auf Währungsstabilität pfeift. Die meisten türkischen Unternehmer hätten ganz gerne eine Koalition von Erdoğans AK-Partei mit der gemäßigt sozialdemokratischen Partei CHP gesehen. Dazu kommt es schon darum nicht, weil die CHP auf einen Kurswechsel in der  Außenpolitik drängte, den neuen Luftkrieg gegen die kurdische PKK kritisiert und den Friedensprozess mit den türkischen Kurden wieder aufnehmen lässt.

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Und dieser Krieg ist natürlich ein weiterer Grund für den Kapitalabzug. Der Anti-PKK-Feldzug raubt ausländischen Investoren wie einheimischen Sparern das Vertrauen in eine weitere friedliche Entwicklung des Landes, nicht nur wegen des jetzt wieder aufflammenden kurdischen Terrorismus, sondern auch wegen der damit verbundenen Konfrontation der Türkei mit den Verbündeten in der Nato. Hinzu kommt, dass nicht nur die Kurden von der PKK, sondern auch deren Erzfeinde vom „Islamischen Staat“ einen Terroranschlag nach dem anderen auf türkischem Territorium verüben. Die Sicherheitsprobleme wirken sich deutlich auf die wirtschaftliche Entwicklung aus – ganz einfach, weil Investitionen ausbleiben.

Premier Davutoğlu hat jetzt erst einmal Preiskontrollen für Fleisch angekündigt, um die geplagte Bevölkerung zu beruhigen. Helfen wird das kaum. Schon vor dem neuen Absturz der Währung fiel das Vertrauen der türkischen Verbraucher in die Wirtschaftsentwicklung nach einer regelmäßigen Erhebung der Statistikbehörde auf den tiefsten Wert seit dem Höhepunkt der Finanzkrise im März 2009. Nicht, dass alles so wäre wie damals: Im Frühjahr vor sechs Jahren kostete ein Dollar nur 1,69 türkische Lira.

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