Türkei: Das kleine Wirtschaftswunder am Bosporus

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Türkei: Das kleine Wirtschaftswunder am Bosporus

Die europäische Beitrittsperspektive der Türkei verflüchtigt sich wie eine Fata Morgana. Dennoch zieht es immer mehr deutsche Unternehmen an den Bosporus und in die Provinzstädte.

Atilla Özkul steht vor einer riesigen Landkarte der Türkei in seinem Istanbuler Büro, 70 grüne Punkte kleben darauf, und jeder markiert eine Filiale des deutschen Schuh-Einzelhändlers Deichmann. Özkul, Türkei-Geschäftsführer des Essener Familienunternehmens, hat noch viele Aufkleber in seiner Schreibtischschublade. „Wir wollen die Nummer eins im türkischen Schuhhandel werden“, sagt er. Bis Ende des Jahres will Deichmann zehn weitere Läden im Land eröffnen.

Bis ins ferne Erzurum im Nordosten ist Deichmann schon vormarschiert, bald kommen Batman und Diyarbakir im Südosten hinzu. „Der Start vor sechs Jahren war nicht einfach“, erinnert sich Özkul. Dem heute 42-Jährigen aus Esslingen öffnete sich in der Heimat seiner Vorfahren eine „neue Kultur“: Türkische Männer „achten beim Schuhkauf viel mehr auf modische Gesichtspunkte als deutsche – und etwa die Hälfte unseres Umsatzes machen wir mit Ratenkäufen.“ Inzwischen ist die Türkei Deichmanns am schnellsten wachsender Auslandsmarkt.

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Kein Wunder: Schließlich lag die Türkei mit einem Wirtschaftswachstum von 8,5 Prozent im vergangenen Jahr zusammen mit China unter den G20-Nationen an der Spitze. Seit 2002 legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahresdurchschnitt um rund sechs Prozent zu.

Mittelständler im Kommen

Vom türkischen Wirtschaftswunder profitieren immer mehr deutsche Unternehmen. In der Türkei gibt es an die 5000 Firmen mit deutscher Kapitalbeteiligung, fast zehn Mal so viele wie Mitte der Neunzigerjahre. Unter den ausländischen Investoren in der Türkei liegen die Deutschen an der Spitze. „Fast täglich kommen neue hinzu, vor allem aus dem Mittelstand“, berichtet Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.

Landau residiert in einem stattlichen, weiß gestrichenen Holzhaus auf dem Gelände der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters im Vorort Tarabya. 1880 schenkte Sultan Abdülhamid II. das Gelände am Bosporus dem deutschen Kaiser. Die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen hatten schon damals Tradition: 1856 hatte Siemens das erste Telegrafennetz in Istanbul installiert. Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen das Bauunternehmen Philipp Holzmann und die Deutsche Bank als Finanzier den Bau der legendären Bagdad-Bahn in Angriff. In den Sechzigerjahren waren Mercedes und MAN die ersten ausländischen Automobilhersteller, die mit der Fertigung von Lkws und Bussen in der Türkei begannen.

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