Türkei: Die Wahl zwischen zwei Übeln

Türkei: Die Wahl zwischen zwei Übeln

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Erdogan gilt bei der Wahl in der Türkei als klarer Favorit.

von Hans Jakob Ginsburg

Präsident Erdogan will seine Macht ausbauen. Ihm in die Quere kommen kann nur die populistische kurdische Oppositionspartei HDP.

Vom Boom der türkischen Wirtschaft ist wenig übrig geblieben. Jahrelang war das Land der allenfalls von China überflügelte Musterfall eines erfolgreichen Schwellenlandes. Seit 2012 aber verharrt das einst zweistellige Wirtschaftswachstum bei Raten um die drei bis vier Prozent. Der Export geht zurück, die Arbeitslosigkeit liegt bei elf Prozent, die Inflation hat unangenehme acht Prozent erreicht.

Mit wirtschaftlichen Erfolgen kann die seit 2002 unangefochtene AK-Partei von Präsident Recep Tayyib Erdogan bei der Parlamentswahl am kommenden Sonntag folglich nicht punkten. Zumal viele Unternehmer die Regierung und deren wenig verlässliche Wirtschaftspolitik für die Probleme verantwortlich machen. Erdogan hatte etwa Anfang 2014 als Premierminister der türkischen Notenbank widerstrebend eine Erhöhung des Leitzinses auf über zehn Prozent erlaubt. Ein paar Monate später ließ er sich zum Staatspräsidenten wählen – und erzwang von den de facto weisungsabhängigen Notenbankern eine Zinssenkung auf derzeit 7,5 Prozent.

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Wissenswertes über die Türkei

  • Einwohner

    In der Türkei leben rund 77 Millionen Einwohner. Das Bevölkerungswachstum beträgt 1,1 Prozent. 82 Prozent der türkischen Bevölkerung ist jünger als 54.

  • BIP

    Das nominale BIP beträgt 767,1 Milliarden US-Dollar. Bis 2015 wird es auf 820,09 Milliarden ansteigen, prognostizieren Analysten. Zum Vergleich: Das deutsche BIP betrug 2013 3,51 Billionen US-Dollar. Die stärksten Wirtschaftszweige der Türkei sind das verarbeitende Gewerbe, Verkehr und Nachrichtenübermittlung, Handel und Land- und Forstwirtschaft, die jeweils rund ein Zehntel zur BIP-Entstehung beitragen.

  • Wirtschaftswachstum

    Die Türkei konnte in den letzten zehn Jahren (2004 bis 2013) mit einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von unglaublich 4,9 Prozent aufwarten. Die Türkei musste nach der Finanzkrise 2009 eine starke Rezession hinnehmen: Die Wirtschaft schrumpfte um 4,83 Prozent. Nachdem sie in den beiden Folgejahren jeweils um die neun Prozent wuchs, war das Wachstum zuletzt eher enttäuschend. 2012 wuchs sie nur um 2,17 Prozent.

  • Staatsverschuldung

    Die Staatsverschuldung der Türkei beträgt 36,4 Prozent des BIP.

  • Inflationsrate

    Die Inflationsrate liegt 2014 bei 7,8 Prozent. Im folgenden Jahr soll sie Prognosen zufolge auf 6,5 Prozent fallen.

  • Arbeitslosenquote

    2013 lag die Arbeitslosenquote bei 9,7 Prozent. Bis 2015 soll sie auf 10,6 Prozent ansteigen.

  • Durchschnittslohn

    2011 lag der monatliche Durchschnittslohn bei rund 700 Euro – bis 2013 stieg er auf rund 900 Euro an.

Das befeuerte zum einen die Inflation. Zum anderen hatten sich in der kurzen Hochzinsphase viele türkische Firmen scheinbar günstig in ausländischer Währung verschuldet, vor allem in US-Dollar. Weil der Außenwert der türkischen Lira nach der Zinssenkung stark gesunken ist, ächzen viele Betriebe nun unter einer gestiegenen Schuldenlast. Exportorientierte Unternehmen mögen noch auf die günstigen Auswirkungen des fallenden Wechselkurses setzen; Firmen, die in den vergangenen Jahren auf den wachsenden türkischen Binnenmarkt gesetzt haben, sitzen in der Schuldenfalle.

„Wenn die Politik nicht stimmt, läuft auch die Wirtschaft nicht“, sagt der Mitbesitzer eines großen Konsumgüterunternehmens in Istanbul. Seinen Namen will er in der deutschen Presse nicht lesen – Gegner Erdogans haben Angst vor Repressalien. Kein Wunder in einem Land, in dem Konzerne im Besitz von Oppositionellen immer wieder mit willkürlichen Steuerforderungen rechnen müssen, nicht nur international prominente Unternehmen wie der Medienkonzern Dogan Yayın Holding.

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