Türkei-Premier auf Staatsbesuch: Ego-Erdogan macht Eigen-PR in Berlin

KommentarTürkei-Premier auf Staatsbesuch: Ego-Erdogan macht Eigen-PR in Berlin

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Außerhalb der Türkei bewahrt Premierminister Recep Tayyip Erdogan seinen Realitätssinn und hält sich mit Vorwürfen gegenüber den Europäern, für die Destabilisierung der Türkei verantwortlich zu sein zurück

von Florian Willershausen

Das Ansinnen seiner protestwütigen Mittelschicht hat der türkische Ministerpräsident immer noch nicht verstanden – was er von Deutschland will, weiß Erdogan sehr genau.


Immer wenn es knifflig wird, verschanzt sich Recep Tayyip Erdogan hinter ökonomischen Fakten – auch wenn sie allesamt Geschichte sind. Die Kapitalflucht der jüngsten Zeit? Die Wirtschaft sei in der vergangenen Dekade jedes Jahr um fünf Prozent gewachsen, mauert der Ministerpräsident. Wie beurteilt er die Massenproteste im Gezi-Park? „Vielleicht wissen Sie nicht, dass wir zu dieser Zeit den Neubau eines Flughafens für 45 Milliarden Dollar ausgeschrieben haben“, versucht Erdogan die souveräne Moderatorin Sylke Tempel zu belehren. Korruption im Regierungsapparat? „Desinformation“, sagt Erdogan und fragt: „Kann es in einem Land Korruption geben, das seine Wirtschaftskraft auf 800 Milliarden Dollar gesteigert hat?“

Der Dienstag in Berlin. Erdogan, der machtvolle Premierminister der Türkei, ist auf Staatsbesuch in Deutschland. Der Morgen beginnt mit einem Vortrag in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) – es folgt ein Mittagessen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), später soll er Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (beide SPD) treffen. Und schon am Morgen wird deutlich, wie sehr der konservativ-islamische Fischerssohn aus Istanbul die Prinzipien der Demokratie missversteht.

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Türkei Erdogan macht alles schlimmer

Kapitalabfluss aus den Schwellenländern – dieses Phänomen trifft die Türkei besonders hart, weil gleichzeitig das Vertrauen in die Politik schwindet. Erdogan tut alles, um diese Entwicklung zu verschärfen.

Tayyip Erdogan Quelle: REUTERS

Politisch hat Erdogan ein schlimmes Jahr hinter sich. Doch der als selbstbewusst und selbstgefällig geltende Premierminister geht mit keinem Wort freiwillig auf seinen Islamisierungskurs, den Korruptionsskandal oder die Gülen-Bewegung ein. Auch die Proteste rund um den Gezi-Park von Istanbul, wo im Frühsommer eine urbane Mittelschicht mehr Mitsprache in der arg hierarchischen Erdogan-Türkei forderte, erwähnt er kaum. Es habe einen „Angriff auf die Stabilität der Türkei“ gegeben, den er mit Hilfe der Bevölkerung „entschieden“ abgewehrt habe, rühmt sich Erdogan und schien es ernst zu meinen. Moderatorin Tempel, die Chefredakteurin der DGAP-Zeitschrift „Internationale Politik“, will später wissen, ob er sich denn nicht vorstellen könne, dass sein Volk nicht mit Wahlkampf-Geschenken zufrieden sei und Mitsprache einfordere. Erdogan holt aus: Eine Minderheit habe sich wegen der Abholzung von Bäumen gegen die Mehrheit gestellt und Desinformation betrieben. „Aber die Mehrheit darf sich nicht von einer Minderheit unterdrücken lassen“, so Erdogan, das sei nicht demokratisch.

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