Türkei-Verfassungsreform: Sieg für Coca-Cola

Türkei-Verfassungsreform: Sieg für Coca-Cola

Bild vergrößern

Abstimmung über Verfassungsänderungen

von Hans Jakob Ginsburg

Die Türken beschließen eine Verfassungsreform. Wirtschaft und Börse bejubeln einen Riesenschritt der Modernisierung - und Verlierer ist ausgerechnet die etablierte prowestliche Elite des Landes.

Nach dem Muster europäischer Rechtsstaaten bekommt die Türkei jetzt eine neue Verfassung: mit Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, mit einer an die Entscheidungen der demokratisch bestimmten Regierung gebundenen Armee und mit Richtern, die ihre Ämter der Ernennung durch vom Volk gewählte Gremien verdanken und nicht der Gunst eines undurchschaubaren Klüngels. Die Türkei wird ein großes Stück westlicher. Weniger anatolisch, würden die Geographiekundigen unter den Sarrazin-Fans missmutig einräumen.

Doch halt: Anatolien, das ist doch das große, arme türkische Festland auf der asiatischen Seite, weitab von der Weltstadt Istanbul und den irgendwie weltoffenen Küstenstädten und Urlaubsorten an der Ägäis und am Mittelmeer? Stimmt, und die türkische Landkarte mit den Abstimmungsergebnissen vom vorigen Sonntag zeigt uns, dass die Türken ziemlich genau nach dieser Trennlinie abgestimmt haben: Riesige Mehrheiten für die Verfassungsreform auf der einen Seite der innertürkischen Demarkationslinie, großes Übergewicht der Neinsager auf der anderen. Nur sind die Ergebnisse genau umgekehrt, wie Sie vielleicht denken: Anatolien hat für die Verfassungsänderung gestimmt, mit erdrückend klaren Resultaten, Großstädte wie Izmir und Antalya, die Boomregionen am Marmara-Meer und an der Nordwestgrenze eindeutig dagegen. In der Riesenmetropole Istanbul läuft die Spaltung zwischen den Wohnvierteln der Reichen und Etablierten (gegen die Reform) und denen der armen und ungebildeten Zuwanderer, die dafür waren. Spinnen die Türken?

Anzeige

Die Türkei ist eine normale Marktwirtschaft geworden

Natürlich nicht. Es gibt für die paradoxe Spaltung einen Grund. In der Türkei konkurrieren zwei Eliten, zwei Staats-, Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle. Auf der einen Seite die Leute, die mit dem Bild des Staatsgründers Kemal Atatürk im Herzen die Türkei des 20. Jahrhunderts geschaffen haben: pro-westlich, nationalistisch, voller Verachtung für den alten Islam ihrer Großeltern und ihre ungebildeten frommen Landsleute im Hinterland – aber auch grenzenlos staatsgläubig und autoritär. Das sind die Offiziere, Beamten, Beschäftigten der bis vor wenigen Jahren Ton angebenden staatseigenen Betriebe. Voller Stolz auf ihren Gründervater Kemal Atatürk und dessen Vision einer modernen, europäischen Partei – und gerade darum eine zutiefst tragische Bewegung. Staatshörigkeit, Militarismus, Marktfeindlichkeit und ein besessen wirkender Widerwille gegen die eigene Religion (und gegen fremde Religionen nebenbei auch) haben die Kemalisten im Europa des 21. Jahrhunderts zu fremdartigen Erscheinungen gemacht, nicht weniger fremd als beispielsweise Kommunisten. Die immer noch unvollendete Modernisierung des heiß geliebten Vaterlandes überlassen sie ihren Widersachern, den konservativen Muslimen der Erdogan-Partei.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat mit seiner in der Wolle islamisch eingefärbten AK-Partei all das beseitigt, was die Türkei unter der jahrzehntelangen Herrschaft uniformierter und ziviler Kemalisten nie schaffte. Die Türkei ist eine normale Marktwirtschaft geworden, die Westeuropa mit Fernsehgeräten und Waschmaschinen beliefert statt mit ungebildeten, bettelarmen Migranten. Gewaltige Wachstumsraten verdanken sich nicht zuletzt der Privatisierung der alten Staatsbetriebe, womit den Kemalisten ein großer Teil der Wählerschaft wegbrach. Fast aus dem Nichts – nein: aus armen Städten im anatolischen Hinterland – ist eine neue Schicht islamisch orientierter Unternehmer entstanden, die es an Innovationskraft und Ehrgeiz gut mit den etablierten großen Familien aus der Istanbuler Großbourgeoisie aufnehmen können: Finanziers und Stichwortgeber der Politiker um Erdogan. Leute, die wahrscheinlich kapiert haben, dass das Gegenmodell zum bisherigen Kopftuchverbot in Universitäten und Behörden nicht die Kopftuchpflicht ist, sondern das friedliche Miteinander der Frommen und der Ungläubigen.    

Kemalistische Türken bezweifeln auch nach fast sieben Jahren AKP-Regierung, dass es ihre frommen Landsleute mit entsprechenden Bekenntnissen zum Pluralismus ehrlich meinen. Zitiert wird zum Beispiel immer wieder der AKP-Bürgermeister einer Stadt im Hinterland, der vor Jahren die Werbung für das „christliche“ Getränk Coca-Cola am Ort verbieten wollte. (Wirkliche Verfolgungen von Christen bis hin zum Mord an Missionaren gehen eher vom ganz radikalen Rand der kemalistischen Opposition aus.) Jetzt – nach Erdogans Sieg bei der Volksabstimmung – schossen fast alle Werte an der Istanbuler Börse in die Höhe, um durchschnittlich fünf Prozent an einem Handelstag. Der größte Gewinner war ausgerechnet der örtliche Abfüller von Coca Cola.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%