Türkei: Weiter mit Erdoğan – aber wohin?

Türkei: Weiter mit Erdoğan – aber wohin?

Bild vergrößern

Wohin führt Erdoğan die türkische Wirtschaft?

von Hans Jakob Ginsburg

Der bisherige Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan ist wie erwartet zum neuen Präsidenten gewählt worden. Anhänger jubeln, die Opposition schmollt. Die türkische Wirtschaft würde jetzt gerne wissen, wie es weiter geht. Vielleicht weiß der Wahlsieger das auch noch nicht so genau.

Der Finanzplatz Istanbul reagierte unschlüssig auf den Wahlsieg des bisherigen Ministerpräsidenten, der auch in seiner Höhe niemanden wirklich überrascht hat. Am Montagmorgen stiegen der maßgebliche Istanbuler Börsenindex und vor allem auch der Wert der türkischen Lira gegenüber Dollar und Euro. Türkische Börsenjournalisten waren schnell mit der Erklärung bei der Hand: Die Börse liebt Stabilität, und nichts kann stabiler sein als die Herrschaft eines zunehmend autoritären, konservativen Ministerpräsidenten, der sich jetzt ins höchste Staatsamt hat wählen lassen.

Nach ein paar Stunden drehten sich die Kurse, und wieder lag die Erklärung auf der Hand: Die Marktakteure misstrauen einem eigenwilligen Spitzenpolitiker, der sich hart am Rand der nach wie vor geltenden Verfassung zum Alleinherrscher aufschwingt. Da fehlt die Berechenbarkeit und angesichts der höchst eigenwilligen wirtschaftspolitischen Einlassungen Erdoğans auch das Vertrauen: Was soll man schon von einem Politiker halten, der allen Ernstes verkündet hat, höhere Zentralbankzinsen würden zu mehr Inflation führen?

Anzeige

Erdoğan hat mit diesem seltsamen Argument vor einem halben Jahr eine von der türkischen Notenbank geplante Zinserhöhung bekämpft. Die Währungshüter nahmen auf den Regierungschef keine Rücksicht, und seit der happigen Zinserhöhung Ende Januar geht es mit der türkischen Wirtschaft wieder aufwärts. Was die Mehrheit der Türken Erdoğan anrechnen. Zu Unrecht, aber das ist egal.

Nach Wahlsieg Erdogan verspricht „Aussöhnungsprozess“

Bei den Gezi-Protesten im vergangenen Jahr gingen Millionen Türken gegen die Erdogan-Regierung auf die Straßen. Nun ist Erdogan zum Staatspräsidenten gewählt worden - und ruft zur Versöhnung auf.

Recep Tayyip Erdogan feiert seinen Sieg. Quelle: AP

Weshalb die türkischen Unternehmer den Aufstieg des Ministerpräsidenten zum Staatschef ganz nach politischer Grundeinstellung bewerten – wirtschaftspolitische Fragen spielen keine Rolle, weil noch nicht einmal Erdoğan selbst seine Antworten auf solche Fragen ganz ernst nimmt. In Istanbul äußerte der Unternehmerverband Tüsiad die Erwartung, der neue Präsident werde „die in den öffentlichen Einrichtungen gegenwärtige niedrige Moral“ bekämpfen, ein Wink mit dem Zaunpfahl angesichts der ungeklärten Korruptionsaffären.

Tüsiad wird von den etablierten unternehmerischen Eliten der Türkei beherrscht, wo es kaum Sympathien für den religiösen Konservativismus der Erdoğan-Regierung gibt. Wenn diese Leute den Präsidenten auffordern, „eine vermittelnde Rolle beim Einleiten eines Dialogs zwischen den politischen Parteien zu spielen“, ist das eine höfliche Fassung des Wunsches an Erdoğan, er möge aufhören, er selber zu sein. 

Weitere Artikel

Ganz anders klingt das beim zweitwichtigsten türkischen Unternehmerverband  Müsiad: Der erwartet von Erdoğan die „weitere Festigung eines friedlichen, zuverlässigen und stabilen Kurses“. Wer sich an die Gezi-Park-Proteste vom vergangenen Sommer erinnert und die Reaktionen von Erdoğans Polizei auf die Demonstranten, mag sich über diese Beschreibung der türkischen Realität wundern. Doch Müsiad-Präsident Nail Olpak führt eine Organisation der in aller Regel frommen und konservativen Mittelständler, die zumeist weitab von der Metropole Istanbil in den vergangenen zehn Jahren das türkische Wirtschaftswunder mitgestaltet haben.

Zuverlässigere Anhänger hat Erdoğan  nicht, und das weiß die Müsiad-Führung auch. Mit Olpaks Worten: „Wir hoffen, Erdoğan wird dieses Vertrauen an die Massen weitergeben und ein Klima der Brüderlichkeit schaffen, damit unsere Land weiter seine Ziele erreichen kann.“ Wer da ein gewisses Misstrauen gegenüber den „Massen“ heraushört, liegt wahrscheinlich nicht verkehrt.  

 




 

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%