Türkei: Wikileaks-Dokumente blamieren Erdogan

Türkei: Wikileaks-Dokumente blamieren Erdogan

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Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan

von Hans Jakob Ginsburg

Der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan kommt in den von Wikileaks enthüllten amerikanischen Botschaftsdepeschen schlechter weg als jeder andere Spitzenpolitiker. Was daraus folgt, erklärt ihm WirtschaftsWoche-Redakteur Hans Jakob Ginsburg.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht nur islamistische Zeitungen lesen, wie es einer der von Wikileaks veröffentlichten US-Botschaftsberichte aus der Türkei mitteilt. Sondern zumindest auch diesen Brief und die vielen Informationen über Ihre Person und Ihre Regierung in den Wikileaks-Dokumenten. Da findet sich ja schon quantitativ mehr Material mit dem Absender Ankara als aus irgendeiner anderen amerikanischen Botschaft auf Erden. Für Sie, Herr Ministerpräsident, ist das keine schöne Lektüre. Wahrscheinlich gibt es weltweit keinen Spitzenpolitiker, der in den Wikileaks-Dokumenten schlechter wegkommt als Sie, falls man das bisherige Image in der veröffentlichten Meinung zum Maßstab nimmt. Für die amerikanischen Diplomaten am Atatürk-Boulevard in Ankara sind Sie ein engstirniger Islamist, ein korrupter Emporkömmling und ein von unfähigen Beratern umgebener Dummkopf. Im internationalen Vergleich ein Ahmadinedschad ohne Atomrüstung, ein Berlusconi ohne Mädels und ein Kurt Beck ohne Weinberge. Schon traurig.

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Was folgt daraus? Erst einmal, dass die amerikanische Botschaft in Ankara Sie und Ihre Partei nicht leiden kann. Zweitens und viel wichtiger, dass die Beziehungen Ihres Landes zu den USA schwer belastet sind. Und drittens, dass die amerikanischen Diplomaten Ihr Land auf dem Weg in islamistische Finsternis sehen. Schlimm, wenn das wirklich so ist. Wer wie wir in der WirtschaftsWoche seit vielen Jahren die spannende Entwicklung der Türkei vom orientalischen Armenhaus zum dynamischen Schwellenland beobachtet, hört in Istanbul und Ankara ähnliche Befürchtungen immer wieder von Sprechern der alten, auf den Staatsgründer Kemal Atatürk eingeschworenen Elite, die seit dem Aufstieg von Leuten wie Ihnen das eigene Land nicht mehr versteht. Wir beobachten aber auch einen eindrucksvollen Fortschritt gerade unter der Herrschaft der neuen islamisch orientierten Mehrheit, deren Anführer von Europa, Globalisierung und der modernen Welt mehr wissen als die abgewählten und abgewirtschafteten alten Eliten, von denen die in der Türkei stationierten US-Diplomaten offenbar ihr Bild des Landes beziehen.

Der eigentliche Skandal

Das ändert nichts daran, Herr Ministerpräsident, dass Sie die Kritik ernst nehmen müssen. Sie arbeiten in der Tat mit einer weitgehend unfähigen Staatsbürokratie; die Qualität der türkischen Diplomaten vor allem spricht allen außenpolitischen Ambitionen Hohn. Darunter haben Journalisten wie wir schon unter Ihren Vorgängern gelitten, und darunter leiden europäische Politiker und Ihre unendlichen Verhandlungen mit der EU in Brüssel. Wenn sich das jetzt noch mit einer idiotischen Politik gegenüber Ihren unheimlichen Freunden in Teheran verbindet und einer nur noch vom religiösem Ressentiment gespeisten Position gegenüber Israel und den Palästinensern, schadet das vor allem Ihnen selbst. Wenn Ihnen die WirtschaftsWoche das erklärt, werden Sie es vielleicht nicht glauben. Wenn Ihnen der große Verbündete USA das sagt, mag das anders wirken. Und das wäre natürlich die Aufgabe der amerikanischen Diplomaten in Ankara: Die müssten auf Sie und Ihre sperrigen Berater einreden, statt mit Ihren innenpolitischen Gegnern beim Whiskey über Sie herzuziehen. Dass das nicht passiert, ist vielleicht der eigentliche Skandal hinter den Wikileaks-Depeschen.

Präsident Obama und seine Außenministerin Hillary Clinton sollten nicht so dumm sein zu glauben, dass das nicht geht. Eine der Wikileaks-Depeschen kreidet Ihnen an, dass Sie für teures Geld aus finsteren Quellen Ihre Töchter in den USA studieren lassen. Statt das als Zeichen dafür zu nehmen, dass Sie, der islamistische einstige Sesamkringelverkäufer, den Wert von Bildung und den Wert gerade der amerikanischen Kultur erkannt haben. Vielleicht besuchen Sie die Mädchen mal, und bestellen Ihnen schöne Grüße von der WirtschaftsWoche. Und wenn Sie Ihrer Gattin für die Amerikareise mal ein hübscheres Kopftuch schenken, freut sich aufrichtig Ihr

Hans Jakob Ginsburg

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