Türkischer Einmarsch in Syrien: Der US-Vizepräsident wird zur Nebensache

Türkischer Einmarsch in Syrien: Der US-Vizepräsident wird zur Nebensache

, aktualisiert 24. August 2016, 17:13 Uhr
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Der Beginn der türkischen Bodenoffensive gegen den IS lässt selbst den Besuch von US-Vizepräsident Joe Biden zur Nebensache werden.

Quelle:Handelsblatt Online

Endlich kommt mit US-Vizepräsident Biden ein westlicher Spitzenpolitiker nach dem Putschversuch in die Türkei. Eigentlich hatte Ankara sehnsüchtig darauf gewartet. Doch plötzlich spielt der Besuch keine große Rolle mehr.

IstanbulGenau 40 Tage nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei steht US-Vizepräsident Joe Biden vor den noch immer von Bombeneinschlägen gezeichneten Außenwänden des Parlaments in Ankara. Die Augen zum Schutz vor der Sonne mit der Hand abgeschirmt, blickt der Stellvertreter von Barack Obama hinauf zu einem großen Einschlagsloch mit an beiden Rändern ausgefaserten Stahlbetonseilen. Wie lange hatte die Türkei darauf gewartet, dass ein westlicher Spitzenpolitiker vom Format Bidens nach Ankara kommt, um der Türkei nach dem unheilvollen 15. Juli Beistand und Solidarität zu bekunden – doch jetzt, wo der US-Vize da ist, spielt sein Parlamentsbesuch in den türkischen Fernsehnachrichten nur noch eine Nebenrolle.

Biden, der zuvor Lettland besucht hatte, war am Mittwoch in Riga noch nicht ins Flugzeug nach Ankara gestiegen, da bombardierten türkische Kampfflugzeuge bereits in mehreren Wellen die von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kontrollierte nordsyrische Grenzstadt Dscharablus. Vorausgegangen war intensives Artilleriefeuer, später am Morgen rollten türkische Panzer über die Grenze, um Rebellen der Freien Syrischen Armee beim Vorstoß auf Dscharablus zu unterstützen.

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Sollte nicht die von Ankara geforderte Auslieferung des im US-Bundesstaat Pennsylvania im Exil lebenden türkischen Islampredigers Fethullah Gülen im Mittelpunkt von Bidens Kurzvisite stehen? Des Mannes, den die Türkei für den niedergeschlagenen Umsturzversuch verantwortlich macht und dessen Kopf sie fordert? Zumindest in den türkischen Fernsehnachrichten fand das Thema am Mittwoch nur noch am Rande Erwähnung.

Die Augen blickten nach Syrien. Die auf den Normalbürger in der Türkei zielende Botschaft des Tages lautete: Nach dem niederträchtigen Selbstmordanschlag auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep, bei dem am Wochenende mehr als 50 Männer, Frauen, Kinder und Jugendliche getötet wurden, räumt die Türkei mit dem Feind jenseits der Grenze auf: dem IS, der sich seit Jahren gleich hinter der Grenze zu Syrien eingenistet hat und den Ankara für den Anschlag in Gaziantep verantwortlich macht.

Der Mittwochfrüh erfolgte Angriff der türkischen Armee richtet sich zunächst gegen den IS - doch mindestens ebenso wichtig dürfte es Ankara sein, einen weiteren Vormarsch der syrischen Kurden zu verhindern. Die Kurden-Miliz YPG, bewaffneter Arm der syrischen Kurdenpartei PYD, hat sich zum schärfsten Widersacher der IS-Terroristen in dem Bürgerkriegsland entwickelt. Zuletzt konnte ein von Kurden dominiertes Militärbündnis die strategisch wichtige Stadt Manbidsch von den Dschihadisten befreien. Mittlerweile kontrollieren die Kurden in Nordsyrien nicht nur riesige Gebiete, sondern auch den größten Teil der Grenze zur Türkei.

Dabei treiben sie ihre Autonomiebestrebungen weiter voran. In den von ihnen kontrollierten syrischen Gebieten haben die Kurden eine Selbstverwaltung ausgerufen. Von einem eigenen Staat sprechen sie nicht, doch dürften viele Kurden in Syrien davon träumen. Noch ist das kurdische Herrschaftsgebiet in dem Bürgerkriegsland in zwei Teile aufgespalten. Sollte die YPG allerdings weiter gegen den IS siegen, könnte es ihr gelingen, diese beiden Regionen zu vereinigen.

Die türkische Führung wird alles versuchen, das zu verhindern, schließlich befürchtet sie Auswirkungen auf die Autonomiebestrebungen der Kurden im eigenen Land. Für Ankara ist die PYD – genauso wie die eng mit der syrischen Kurdenmiliz verbundene Arbeiterpartei PKK – eine Terrororganisation. Deshalb sollen nun syrische Rebellen mit türkischer Hilfe Dscharablus unter Kontrolle bringen, damit die Stadt nicht in die Hände der Kurden fällt.

Pikant dabei: Während die Türkei gegen die syrische Kurdenmiliz vorgeht, ist diese in Syrien gleichzeitig wichtigster Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Seit zwei Jahren unterstützt die von den USA geführte internationale Koalition die YPG mit Luftangriffen.

Kein Wunder also, dass die Kurden mit scharfer Kritik auf den Militäreinsatz reagierten. Die Intervention sei „eine Kriegserklärung gegen die Selbstverwaltung“ der Kurden in Syrien, sagte PYD-Anführer Aldar Khalil. Und der PYD-Co-Vorsitzende Salih Muslim warnte Ankara, die türkischen Truppen würden genauso besiegt werden wie der IS.

Quelle:  Handelsblatt Online
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