Tunesien/Ägypten: Die Umwälzungen in der arabischen Welt

Tunesien/Ägypten: Die Umwälzungen in der arabischen Welt

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Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mubarak

von Hans Jakob Ginsburg

Nach dem Umsturz in Tunesien und den Protesten in Ägypten zittern viele arabische Potentaten vor dem Zorn ihrer Bevölkerung. Für Investoren in diesen Ländern ist das nicht schlecht.

Kairo ist eine vielsprachige Stadt. Neben Hocharabisch und der ägyptisch-arabischen Volkssprache ist Englisch für die Ober- und Mittelschichten der Achtmillionenstadt eine Selbstverständlichkeit. Unternehmer aus Deutschland haben keine großen Probleme, Mitarbeiter mit passablen Deutschkenntnissen zu finden, und immer mehr Ägypter lernen heutzutage Chinesisch. Aber Französisch? Das ist neu.

"Degage" stand auf vielen Postern bei den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen gegen Präsident Hosni Mubarak Mitte vergangener Woche. "Weg mit dir" in französischer Umgangssprache – abgeschrieben von den Transparenten der Tunesier, die in ihrem Land den autokratischen Herrscher Zine al-Abidine Ben Ali gestürzt haben. Die Revolution scheint durch die arabische Welt zu wandern, transportiert durch die sozialen Medien im Internet, durch YouTube, Facebook und Twitter. Mubaraks Regime hat reagiert, nicht nur mit den Schüssen der Sicherheitskräfte auf Demonstranten: In Ägypten ist Twitter abgeschaltet. Wahrscheinlich zu spät, um den Geist der Revolte zurück in die Flasche zu bekommen.

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Arabische Herrscher wollen Protestwelle eindämmen

Quer durch die arabische Welt bemühen sich die Herrscher, die Protestwelle einzudämmen. In Tunesiens Nachbarland Algerien, wo schon im Dezember die Leute gegen die gestiegenen Lebensmittelpreise bei stagnierenden Einkommen auf die Straße gegangen waren, reagierte die Regierung mit verordneten Preissenkungen für Reis, Mehl und andere Produkte: Solange der Erdölpreis steigt, sind die Herrscher staatswirtschaftlicher Förderländer wie Algerien und Libyen in der Lage, für billiges Speiseöl zu sorgen.

Dementsprechend versprach der Herrscher von Kuwait vorige Woche jedem seiner knapp drei Millionen Untertanen ein Geldgeschenk von 3500 Dollar. In kostengünstigerer Krisenabwälzung übt sich die Herrscherfamilie des noch reicheren Katar. Der in die ganze arabische Welt ausgestrahlte katarische Fernsehsender al-Dschasira sucht die Revolte im antiwestlichen Sinn zu politisieren – vor allem gegen die palästinensische Fatah-Regierung und die antiwestliche Koalition im Libanon.

"Hier geht es um unsere Würde, nicht um das Brot"

Die Vorgänge in Ägypten und Tunesien haben ganz andere Ursachen und Folgen. Am Anfang der nordafrikanischen Protestwelle standen auch die steigenden Preise für Grundnahrungsmittel. Eine Jahresinflation von ungefähr sechs Prozent war aber für alle nordafrikanischen Länder nichts Neues. Wichtiger für die wachsende Unzufriedenheit war die Tatsache, dass überall am Südrand des Mittelmeers im Weltkrisenjahr 2009 die Auslandsinvestitionen einbrachen, auf die gerade die wirtschaftsliberalen Ratgeber von Herrschern wie Mubarak und Ben Ali seit Jahren setzen. Darum stieg die Arbeitslosigkeit, die Reallöhne gerade der gut ausgebildeten Arbeitnehmer sanken. In den Präsidentenpalästen wurde das Problem durchaus erkannt: Polizisten, Soldaten und andere strategisch wichtige Staatsdiener kamen in den Genuss gewaltig steigender Bezüge – umso mehr ist die Frustration aller anderen gewachsen, vom Bauarbeiter bis hin zum angestellten Manager.

Die Frustration mischt sich in Tunis wie in Kairo, aber wahrscheinlich auch im marokkanischen Casablanca und im syrischen Damaskus mit der Wut über eine diktatorische Herrscherkaste, die sich unkontrolliert bereichert, Korruptionsvorwürfen nie glaubhaft begegnet und die freie Meinung unterdrückt. Im Zeitalter von Facebook und Twitter lassen sich gut ausgebildete, ehrgeizige und weltoffene Bürger dergleichen nicht gefallen. Auch wenn der Diktator einen niedrigeren Brotpreis ankündigt wie Ben Ali in seiner letzten Fernsehansprache vor dem Sturz. "Er hatte nichts verstanden: Hier geht es um unsere Würde, nicht um das Brot", kommentiert der tunesische Kulturmanager Hisham Ben Khamsa. Die Tunesier, das gebildetste Volk Nordafrikas, orientieren sich nicht an den viel beschriebenen arabischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die allesamt Aufstände des Militärs waren, sondern an den Revolutionen der modernen französischen Geschichte, als das Volk jedes Mal gegen schwache und diktatorische Herrscher aufstand.

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