Tunesien: Islamisten gewinnen, die Wirtschaft auch

Tunesien: Islamisten gewinnen, die Wirtschaft auch

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Tunesien

von Hans Jakob Ginsburg

Bei den ersten freien Wahlen im Mutterland der arabischen Revolution sind die Islamisten stärkste Partei geworden. Die Wirtschaft des Landes hat trotzdem – oder gerade deshalb – Grund zu vorsichtigem Optimismus.

Jetzt werden sich die Konservativen in der arabischen Welt und ihre ängstlichen Freunde sonstwo in der Welt klammheimlich freuen. Bei der ersten demokratischen Land im Mutterland der arabischen Revolution sind die Islamisten mit Abstand zur stärksten Partei geworden. Ihre Ennahda-Partei hat in Tunesien ersten Berichten zufolge um die 40 Prozent der Stimmen gewonnen und ist in 24 der 27 Wahlbezirke stärkste Partei, also fast überall bis auf die Metropole Tunis.

Das habt ihr von der ganzen Demokratie, werden Ägyptens Militärherrscher ihren Freunden in Washington sagen, und sogar Syriens Diktator wird jetzt auf ein bisschen Sympathie im Westen hoffen, nachdem die Bärtigen bei der Wahl zur tunesischen Nationalversammlung triumphiert haben.

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Wahlbeteiligung von 90 Prozent

Selbst die Ölmonarchen am Golf, die Ennahda-Chef Rached Ghannouchi wahrscheinlich den Wahlkampf finanziert haben, werden  den Sieg der für Europäer und Amerikaner unheimlichen Islamisten zum Argument machen, dass sie das letzte Bollwerk gegen das Chaos in der Weltregion seien. Wobei das saudische Königshaus natürlich viel weniger mit Modernität am Hut hat als die tunesischen Wahlsieger. Verglichen mit dem neuen saudischen Kronprinzen Najef ist der Tunesier Ghannouchi ein Ausbund der Tolerenz und der westlichen Gesittung. Über der Sorge wegen des Wahlsieges der Islamisten wird die wirkliche Sensation des tunesischen Wahlergebnisses untergehen : die sensationell hohe Wahlbeteiligung von 90 Prozent, in einem Land, wo es bisher noch nie freie und faire Wahlen gegeben hat. Rechnet man die Wahlbeteiligung ein, haben die Islamisten gut ein Drittel der erwachsenen Tunesier mobilisiert – aber mehr als jeder zweite Tunesier und mehr als jede zweite Tunesierin hat für eine der vielen nicht-religiösen Parteien bestimmt, die größtenteils ihren Wahlkampf von Null anfingen : ohne die Moscheen als Stützpunkte, in der Regel ohne nennenswerte Organisation und ohne prominente Führungspersönlichkeiten.

Vorbild Erdogan

Rang zwei und drei unter bei der Wahl errangen zwei Parteien, die beide von nicht mehr ganz jungen Ärzten angeführt werden, die sich unter der Diktatur als Menschenrechtler verdient gemacht haben. Politiker müssen Moncef Marzouki und Mustapha Ben Jaafar jetzt erst werden. Zusammen sind ihre Gruppierungen nicht viel schwächer als die Islamisten-Partei. Mit der eint sie die Ablehnung des gestürzten Willkürregimes – und komplette Fehlanzeige, was Wirtschaftspolitik angeht. Nein, natürlich möchte Ennahda die Arbeitslosigkeit beseitigen und den mehrheitlich armen Tunesiern Wohlstand bringen – nicht umsonst hat Ghannouchi den türkischen Glaubensbruder Recep Tayyip Erdogan zum Vorbild erkoren. Und natürlich möchte der irgendwie nationalistische, aber auch ein bisschen linke Marzouki und der linke, aber auch ein bisschen nationalistische Ben Jaafar erst recht diese hehren Ziele erreichen. Nur wie das geschehen soll, ist in Tunesien in den neun Monaten zwischen dem Sturz des Diktators und der Wahl nie zum Thema geworden. Wirtschaftspolitk wird Fachleuten überlassen oder vielmehr Beamten, die sich für Fachleute halten und aus Sicht ihrer Mitbürger nicht so ganz furchtbar belastet sind durch die Günstlingswirtschaft vor der Revoluion.

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