Tunesien: Mindestens ein Deutscher unter Terroropfern

Tunesien: Mindestens ein Deutscher unter Terroropfern

, aktualisiert 27. Juni 2015, 19:14 Uhr

Nach den Terroranschlägen in Tunesien sind die Strände menschenleer, Touristen wollen das Land verlassen. Lange ist unklar, wie viele Deutsche unter den Opfern sind. Am Abend gibt es in Berlin traurige Gewissheit.

Unter den 38 Opfern des Terroranschlags in Tunesien ist mindestens ein Deutscher. Wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Samstagabend in Berlin mitteilte, wurde zudem mindestens eine weitere Deutsche verletzt. Es zudem nicht völlig ausgeschlossen, dass noch einige weitere Deutsche unter den Opfern sind. Nach Angaben des tunesischen Gesundheitsministerium dürfte es sich bei der Mehrzahl der Opfer um Briten handeln. Generalbundesanwalt Harald Range leitete ein Ermittlungsverfahren ein und beauftragte das Bundeskriminalamt (BKA) mit den Untersuchungen.

Zu dem Angriff auf das Strandhotel am Mittelmeer bekannten sich Unterstützer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). In einer nicht verifizierbaren Twitter-Mitteilung hieß es, ein „Soldat des Kalifats“ habe den „abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens“ angegriffen. Der Attentäter war von Sicherheitskräften erschossen worden.

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Islamischer Staat "Der Terror des IS wird uns über Jahrzehnte bedrohen"

Wilfried Buchta war fünf Jahre für die UN-Friedensmission im Irak. Im Interview spricht er über die verfehlte Irak-Politik der Amerikaner, wie sie den IS zu dem machte, was er heute ist und die Konsequenzen für Europa.

ISIS-Terror in Kobane Quelle: dpa Picture-Alliance

Tunesiens Regierungschef Habib Essid kündigte an, der Kampf gegen den Terrorismus sei nun nationale Aufgabe. Der nationale Sicherheitsrat beschloss, bis zu 80 Moscheen zu schließen, in denen Extremisten verkehren sollen. Außerdem sollen verdächtige Parteien oder Vereine eventuell aufgelöst werden. „Wir mögen den einen Kampf gewinnen und den anderen Kampf verlieren, aber unser Ziel ist es, den Krieg zu gewinnen“, sagte Essid.

Auch Frankreich will als Konsequenz aus dem Terroranschlag von Lyon die Sicherheitskräfte aufstocken. Das kündigte Innenminister Bernard Cazeneuve nach einer Sitzung des Sicherheitskabinetts mit Präsident François Hollande und Außenminister Laurent Fabius an. Bei Polizei und Gendarmerie sollen 500 neue Stellen pro Jahr geschaffen werden, die Nachrichtendienste mit 1500 neuen Mitarbeitern verstärkt werden.

Hollande hatte bereits am Freitag die höchste Sicherheitsstufe für 158 Industriebetriebe der Region Rhône-Alpes angeordnet, die wegen der Verarbeitung gefährlicher Materialien besonderem Schutz unterliegen. Der 35-jährige Yassin S. hatte zuvor ein Werk für Industriegase in Saint-Quentin-Fallavier überfallen und seinen 53 Jahre alten Chef enthauptet. Möglicherweise plante er, die Fabrik in die Luft zu sprengen.

Die Führer des IS

  • Abu Musab az-Zarqawi († 2006)

    az-Zarqawi wurde 1966 geboren und 2006 getötet. Auf seinem Kopf hatten die USA ein Kopfgeld von 25 Millionen US-Dollar ausgesetzt – das entspricht dem Kopfgeld, das auf Saddam Hussein ausgesetzt war. Er galt als Experte für chemische und biologische Kampfstoffe.

    Während des Irak-Kriegs gründete er al-Qaida im Irak – der Organisation aus der heute der Islamische Staat (IS) hervorgegangen ist. Er ist für mehrere Terroranschläge und die Enthauptung des Amerikaners Nicholas Berg verantwortlich.

    Am 7. Juni 2006 töteten ihn US-Spezialkräfte nördlich von Bagdad. Nachdem zu einem Gefecht zwischen US-Militärs und Anhängern az-Zarqawis kam, forderten die US-Soldaten einen gezielten Luftschlag auf sein Lager an. Infolge dieses Luftschlags soll az-Zarqawi gestorben sein.

  • Abu Abdullah ar-Raschid al-Baghdadi (Abu Umar al-Baghdadi) († 2010)

    Die Person hinter dem Pseudonym Abu Umar al-Baghdadi ist immer schattenhaft geblieben. Nach irakischen Angaben war er ein ehemaliger irakischer Armeeoffizier. 1985 soll er in dem Widerstand gegen Saddam Hussein beigetreten sein.
    1987 floh er nach Afghanistan, um erst 1991 zurück in den Irak zu kommen. Seine Festnahme wie sein Tod wurden mehrfach gemeldet. Beobachter äußerten immer wieder die Vermutung, hinter dem Kampfnamen existiere keine reale Person – oder er wäre nacheinander von unterschiedlichen Kämpfern verkörpert worden.
    Seit 2010 sind keine Ankündigungen von ihm mehr in die Öffentlichkeit gelangt, weshalb man ihn für tot hält.

  • Abu Bakr al-Baghdadi

    Al-Baghdadi wurde 1971 im Irak geboren. Seit 2010 ist er der Anführer des IS. Seitdem er Mitte 2014 in Teilen Syriens und des Iraks das Kalifat ausgerufen hat, nennt er sich Kalif Ibrahim.
    In Bagdad soll er ab seinem 19. Lebensjahr zehn Jahre lang in einem privaten Moscheegebäude gelebt und Religion studiert haben. Sein Studium soll er zu Beginn der 2000er Jahre mit einer Promotion in Islamischen Recht beendet haben.
    Als die USA 2003 im Irak einmarschierten, gründete al-Baghdadi eine militante Islamistengruppe. 2004 soll er von US-Streitkräften im Irak interniert worden sein.
    Seitdem er 2014 das Kalifat auf syrischem und irakischem Boden ausgerufen hat, ist er nach Ansicht seiner Anhänger oberster Führer der Muslime.

Der Attentäter, Vater von drei Kindern, befindet sich mit seiner Ehefrau und einer Schwester in Polizeigewahrsam. Nach Medienangaben schweigt er. Der Mann war den französischen Behörden wegen Verbindungen zur radikalislamistischen Szene schon 2006 aufgefallen, stand jedoch nicht mehr unter Beobachtung.

Der Täter von Sousse wiederum studierte nach bisherigen Erkenntnissen Elektro-Ingenieurswesen, und zwar in der Stadt Kairouan, einer Hochburg von Salafisten. Er hatte am Freitag das Hotel „Imperial Marhaba“ in dem Mittelmeerort überfallen und am belebten Strand das Feuer eröffnet.

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Der britische Premierminister David Cameron bereitete die Öffentlichkeit auf weitere schlimme Nachrichten aus Tunesien vor. „Viele von denen, die starben, waren Briten“, sagte er im BBC-Fernsehen. Nach Angaben des irischen Außenministeriums ist auch eine Frau aus Irland unter den Opfern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherte Tunesien in einem Telefonat mit Präsident Beji Caid Essebsi Unterstützung im Kampf gegen den Terror zu. Bundesinnenminister Thomas de Maizière will am Montag an den Ort der Terrorattacke reisen. Für Deutschland ergibt sich nach Einschätzung des Bundesinnenministeriums „nach derzeitigen Erkenntnissen keine weitere Verschärfung der Sicherheitslage“. Die Gefährdung durch Dschihadisten und internationalen Terrorismus sei „unverändert hoch“.

In Tunesien hat es einen Terroranschlag gegeben. Quelle: dpa

Mindestens 39 Menschen sterben bei dem Terroranschlag in Tunesien - größtenteils Urlauber. Unter den Opfern sollen auch Deutsche sein - ihre Zahl ist vorerst unklar. Tunesiens Regierung sagt dem Terrorismus den Kampf an.

Bild: dpa

In Tunesien droht der Anschlag dem Tourismussektor massiv zu schaden. Reiseveranstalter bieten ihren Kunden an, kostenlos umbuchen oder stornieren zu können - der Konzern Tui flog in der Nacht zum Samstag bereits die ersten 80 Gäste aus. Das Unternehmen berichtet von aktuell etwa 260 deutschen Urlaubern in Sousse. Britische Anbieter stellten mindestens zehn Flugzeuge bereit, um Tunesien-Touristen nach Hause zu holen.

Neben dem Anschlag in Tunesien hatte es am Freitag auch in Kuwait ein Attentat gegeben, zu dem sich die Terrormiliz IS in den sozialen Medien bekannte. Eine unabhängige Bestätigung gab es nicht. Kuwaitische Behörden nahmen nach dem Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee 18 Tatverdächtige fest, wie der Nachrichtenkanal Al-Arabija berichtete. Bei dem Attentat wurden mindestens 27 Gläubige getötet und 227 verletzt.

Ob die drei Anschläge in Zusammenhang stehen, war zunächst unklar. Am Montag kommender Woche jährt sich zum ersten Mal, dass die Terrormiliz IS ein Kalifat ausgerufen hat.

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