Über den IS, den Veggie-Day, den Dieselskandal: Was Marx heute denken würde ...

Über den IS, den Veggie-Day, den Dieselskandal: Was Marx heute denken würde ...

, aktualisiert 12. April 2017, 15:20 Uhr
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Die Religion überdeckt die Realität.

von Christian RickensQuelle:Handelsblatt Online

Es hat sich einiges verändert, seit vor 150 Jahren „Das Kapital“ entstand. Anlass genug, sich zu fragen: Wie würde Karl Marx heute auf die Welt blicken? Was würde er zum IS sagen? Und zum Veggie-Day? Ein Gedankenspiel.

... über den Islamischen Staat: Profitorientierte Söldnerbande

Das bekannteste Zitat von Karl Marx stammt gar nicht von ihm. „Die Religion ist das Opium für das Volk“, lautet der Satz, den so kraftvoll in Wahrheit erst Wladimir Iljitsch Lenin formulierte. Der Gedanke von der Religion und dem Opium findet sich zwar auch bei Marx, er bezog sich damit allerdings wohl auf eine entsprechende Aussage von Heinrich Heine. Hilft dieser Satz, von wem auch immer er stammt, den sogenannten Islamischen Staat (IS) oder gar religiösen Fanatismus allgemein zu verstehen?

Die Religion war für Marx Teil des Überbaus, der die wahren Machtverhältnisse überdeckte. Diese Verhältnisse sind für ihn ausschließlich durch den Besitz an den Produktionsmitteln gekennzeichnet. Ähnlich wie Opium, so Marxs Gedanken, mache Religion die Menschen schläfrig und verhindere, dass sie die Realität erkennen.

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Tatsächlich funktioniert der Islamische Staat in seinem Kerngebiet in Syrien und im Irak weniger nach den Gesetzen einer Religionsgemeinschaft als vielmehr nach denen einer profitorientierten Söldnerbande: Besetzte Gebiete werden ausgebeutet, etwa durch das Eintreiben von Schutzgeldern, die Hehlerei mit Kunstschätzen oder das Verschleppen von Frauen. Der religiöse Überbau hilft, fanatische Rekruten anzulocken. Drakonische, religiös begründete Vorschriften und Strafen sichern die Herrschaft über besetzte Gebiete. So ist der IS mindestens eine ebenso materialistische wie religiöse Organisation.

Der islamistische Terror außerhalb des IS-Kerngebiets lässt sich so allerdings nicht erklären. Wohl aber, indem man einen anderen Gedanken von Marx weiterspinnt: Die Produktionsverhältnisse sorgen für eine kollektive Identität, man ist gemeinsam Hirte, Bauer oder Arbeiter. Ändern sich die Produktionsverhältnisse, zerbrechen diese traditionellen Bindungen. Die Menschen suchen nach neuen Identitäten.

Der Publizist Mathias Greffrath, Herausgeber eines Sammelbands zum 150. Geburtstag von „Das Kapital“, erklärt mit dem Verlust dieses „sozialen Kitts“ den derzeitigen Aufschwung populistischer und nationalistischer Bewegungen. Letztlich suchen auch die IS-Attentäter, meist junge Männer, nach einer extremen Form von Zugehörigkeit und Selbstbestätigung bis über den eigenen Tod hinaus.

... über den Veggie Day: Da haben wir den Salat

Karl Marx konnte wortgewaltig spotten. Sein liebstes Opfer waren kleinmütige Reformisten, die dem Kapitalismus nicht den Krieg erklären, sondern auf dessen schrittweise Zähmung setzen wollten. Nicht auszudenken, mit welchen Tiraden Marx über jene grünen Politiker hergefallen wäre, die sich im Bundestagswahlkampf 2013 die Forderung nach einem Veggie Day zu eigen machten: Einmal in der Woche sollten Kantinen und andere Großküchen ausschließlich vegetarisches Essen servieren, um so die schlimmen ökologischen Folgen des Fleischkonsums zu mindern.

Tatsächlich steht der Veggie Day für den Versuch, einen Grundwiderspruch des Kapitalismus zu lindern: Um zu funktionieren, ist er auf fortwährendes Wirtschaftswachstum angewiesen, und das geht zumindest bisher stets mit steigendem Ressourcenverbrauch einher. Die natürlichen Ressourcen der Erde sind jedoch endlich. Spätestens wenn alle wichtigen Rohstoffe aufgebraucht sind, wird auch der Kapitalismus an sein Ende kommen.

In den drei Bänden von „Das Kapital“ finden sich immer wieder Anmerkungen zu den ökologischen Dimensionen des Kapitalismus. Marx schrieb von den „Exkrementen der Produktion und Konsumption“. Die globale Dimension von Umweltzerstörung und Ressourcenverbrauch konnte er freilich noch nicht erkennen.

Lebte Marx heute, würde er sich wahrscheinlich in die Debatte einschalten, ob Wirtschaftswachstum auch mit einem sinkenden Ressourcenverbrauch einhergehen kann – etwa durch einen freiwilligen Verzicht auf besonders umweltschädliche Konsumformen wie den exzessiven Fleischkonsum.

Sofern ihn die Zeitreise über 150 Jahre nicht über Gebühr geschwächt hätte, stünde Marx wahrscheinlich aufseiten der Skeptiker. Er würde darauf verweisen, dass sich im Kapitalismus der zusätzliche Ressourcenverbrauch pro Prozent Wirtschaftswachstum zwar verringern lässt, nie aber auf null sinken wird. Von einer eigentlich notwendigen absoluten Senkung einmal ganz zu schweigen. An der Überwindung des Kapitalismus und damit des Zwangs zu fortwährendem Wachstum, würde Marx wohl heute argumentieren, führe daher schon aus ökologischen Gründen kein Weg vorbei.

Massenhafte Konsumverweigerung, was heute durchaus in linken Zirkeln diskutiert wird, könnte daher ein höchst effektiver Weg sein, um den Kapitalismus einstürzen zu lassen. Denn kaum etwas destabilisiert das System schneller als fehlende Nachfrage.

Merke: Mit der richtigen revolutionären Haltung wird selbst ein Veggie Day zur Waffe.

... über das Grundeinkommen: Auf die Höhe kommt es an

Wie hätte es Karl Marx mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gehalten? Eine Frage, über die sich sogar Marxisten vortrefflich streiten können. Den einen gilt das monatliche Einheitsgehalt als logische Folge der kommunistischen Gesellschaftsutopie. Zu deren Kern gehört es ja gerade, dass der Mensch vom Zwang zur Erwerbsarbeit befreit wird. Dass er die Freiheit bekommt, so Marx, „morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Wenn Arbeit dem Lustprinzip folgen soll und nicht dem Erwerbsdruck, dann muss das Geld nach anderen Kriterien verteilt werden als der Produktivität der eigenen Arbeit. Warum also nicht in Form eines Grundeinkommens?

Die Grundeinkommens-Kritiker von links, etwa der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge, wenden ein: Ohne Veränderung der Eigentumsverhältnisse würde das Grundeinkommen nicht zu mehr, sondern zu weniger sozialer Gerechtigkeit führen. Schließlich würde das Grundeinkommen herkömmliche Sozialleistungen ersetzen, die möglicherweise sogar höher liegen. Die Debatte zeigt, dass es letztlich zwei Ideen vom Grundeinkommen gibt. Eine liberale, in der ein garantiertes Einkommen knapp oberhalb des Existenzminimums den Sozialstaat effizienter machen soll: keine teure Verteilungsbürokratie mehr. Keine Fehlanreize für Arbeitslose. Kein Druck mehr auf Unternehmen, auch unrentable Arbeitsplätze zu erhalten.

Doch für dieses liberale Grundeinkommen, wie es zum Beispiel der Hamburger Wirtschaftsprofessor Thomas Straubhaar fordert, hätte Marx wahrscheinlich nur Verachtung übriggehabt, hätte es wortgewaltig gegeißelt als „billiges Almosen, dem Proletariat vom Großkapital hingeworfen, um sich endgültig aus jeder gesellschaftlichen Bindung zu lösen und noch ungenierter der Profitmaximierung zu frönen“. Oder so ähnlich. Ein marxistisches Grundeinkommen könnte dagegen nur entstehen, wenn den Kapitalisten zuvor die Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel entrissen wird. Erst dann könnten die gesamten Produktionserträge gemäß den Bedürfnissen des Einzelnen verteilt werden – falls dann noch etwas zum Verteilen übrig ist.

... über den Dieselskandal: Stamokap beim Abgastest

Als Herbert Behrens, der Vorsitzende des Bundestags-Untersuchungsausschusses zur Abgasaffäre von der „Tageszeitung“ gefragt wurde, ob er sich angesichts der Interessenverflechtung zwischen Autoindustrie und Staat an die Theorie vom Staatsmonopolkapitalismus (Stamokap) erinnert fühle, musste er über seine Antwort nicht lange nachdenken. „Ja durchaus“, antwortete der Bundestagsabgeordnete der Linken. „Das muss man so sehen.“ Dazu sollte man wissen, dass Behrens bis 1989 Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei war. In marxistisch-leninistischer Theorieauslegung darf er als hinreichend gefestigt gelten.

Zu den Kernelementen der Marx’schen Lehre gehört die zunehmende Konzentration der Unternehmen auf einige wenige pro Branche. Der russische Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin entwickelte diese These fort: Im Endstadium des Kapitalismus sind die verbliebenen Konzerne durch ihre Größe derart mächtig, dass sie sich die Institutionen des Staates zu Dienern machen.

Tatsächlich ist es auffällig, wie lange deutsche Behörden weggeschaut haben, als die ersten Gerüchte über Abschaltvorrichtungen bei Dieselmotoren aufkamen. Und wie schleppend anschließend die hiesige Aufklärung verlief, gerade im Vergleich zu den USA, wo keine einheimischen Autobauer betroffen waren.

Das muss man nun nicht gleich als Staatsmonopolkapitalismus bezeichnen. Karl Marx aber hätte es sicherlich getan.

Quelle:  Handelsblatt Online
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