Umsiedlungen für RWE-Tagebau: Leben am Loch

Umsiedlungen für RWE-Tagebau: Leben am Loch

, aktualisiert 10. September 2016, 11:30 Uhr
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Ein riesiger Bagger reißt für den Tagebau in Garzweiler den Boden auf.

Quelle:Handelsblatt Online

Im Rheinischen Braunkohlerevier geht eine Ära zu Ende: Die letzten Umsiedlungen stehen an. Doch für die Betroffenen, die dem Tagebau weichen müssen, ist es nicht damit nicht vorbei. Der Schmerz des Verlustes bleibt.

ErkelenzWilfried Lörkens hatte ein Wasserschlösschen in Borschemich – einen stattlichen Backsteinbau mit Turm, großem Tor, Garten und Obstwiese drumherum. Als es an der Zeit war, sagte ihm die Oma: „Jung, für uns war es auch nicht immer einfach. Du musst uns versprechen: Guck, dass das hier nicht unter den Hammer kommt.“ Lörkens hat es nicht geschafft. Das Schlösschen ist zwar nicht unter den Hammer, aber unter den Bagger gekommen. Es ist abgerissen und existiert nicht mehr.

Im Rheinischen Braunkohlerevier stehen nach 63 Jahren die letzten Umsiedlungen an. Die fünf Erkelenzer Ortschaften Keyenberg, Unter- und Oberwestrich, Kuckum und Berverath mit rund 1600 Menschen müssen Platz machen, damit die Kohle ausgebaggert werden kann. Lörkens hat das hinter sich. Physisch zumindest.

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Jetzt sitzt er in der neuen modernen Küche seines neuen Hauses im neuen Erkelenzer Dorf Borschemich. Borschemich (neu) heißt das. Alle Straßen haben hinter dem Namen den kleinen Zusatz (neu). Sätze wie diese sagt der 65-Jährige so beiläufig, dass man sie überhören könnte: „Es gibt Nächte, da kommt alles wieder hoch.“ Vor rund einem Jahr musste er raus aus seinem Schlösschen. Die Bilder von dem uralten Anwesen, das zuletzt über 180 Jahre in Familienbesitz war, muss er erst aus den Umzugskisten kramen.

Ein paar davon stehen immer noch oben. „Die Bilder sollen mal in den Flur“, sagt Lörkens. Er legt Gemälde und Fotografien auf den Küchentisch. Aber jetzt tut das alles noch zu weh: Dass er sein Versprechen nicht halten konnte. Dass sich die Wertschätzung des Energiekonzerns RWE vor allem auf den Kubikmeter umbauten Raum beschränkte. Und dass jetzt nichts mehr davon da ist.

Tochter und Schwiegersohn hatten am Ende für ihn die Umzugskartons packen müssen. Er konnte nicht mehr. Jetzt sind seine Sachen da. Auch sein alter Trecker. „Der Trecker kommt nicht weg. Da hab ich das Fahren drauf gelernt“, sagt er emotionslos. Lörkens meint, dass es ihm wieder etwas besser geht.

Drüben, zehn Kilometer entfernt, ist Lörkens alter Heimatort Borschemich – oder was davon übrig ist. Es geht vorbei an Feldern, Kühen und intakten Dörfern, die als nächstes dran sind. Eigentlich wollte der Mann nicht mehr an diesen trostlosen Ort mit den paar übrig gebliebenen Häusern, den zugenagelten Fenstern, den Schuttbergen davor. Er weiß, wie schlecht es ihm noch Tage danach geht. An den Grundmauern seines alten Schlösschens arbeiten die Archäologen.

Von 1953 bis zum Abschluss der letzten Umsiedlungen in etwa zehn Jahren werden nach Angaben der Bezirksregierung Köln knapp 42.000 Menschen im Rheinischen Revier ihre Heimat verlassen haben. Für die meisten eine Belastung: ob davor, danach – und selbst, wenn die Umsiedlung gestoppt wird, wie im Erkelenzer Ort Holzweiler.

Ein Mann, der den Archäologen bei den Grabungen in Borschemich hilft, lebt in Holzweiler. Das ist der Ort, der „gerettet“ wurde, weil die nordrhein-westfälische Landesregierung im Juli eine Verkleinerung des Tagebaus beschlossen hatte. Der Mann ist froh, dass er nicht wegziehen und neu anfangen muss: „Man bekommt zwar Geld für sein Haus, aber man hat keine Kraft mehr zu bauen. Für die Jungen ist das was anderes.“ Seinen Namen möchte er nicht sagen – Glück oder Unglück, darüber gehen die Meinungen im Ort sehr auseinander.

Das sagt auch Brigitte Kaulen von der Bürgerinitiative „Perspektive für Holzweiler“. Vor 22 Jahren, als ihre Kinder noch klein waren, ist sie ins Dorf gezogen, und kämpft jetzt für eine Überlebenschance nach der Rettung. „Es muss etwas passieren, sonst sterben wir auch ohne Umsiedlung“, sagt sie.


„Die Bagger schneiden das Dorf ab“

Sie schaut aus ihrem Wohnzimmerfenster auf die Einfamilienhäuser gegenüber. „Am Ende der Bebauung, 400 Meter weiter, dann beginnt das Loch“, sagt sie. Die Bagger kommen von zwei Seiten und schneiden das Dorf vom restlichen Umland ab. Kaulen macht sich nichts vor: Bergschäden, Dreck, Lärm – „mit unserer Idylle wird es vorbei sein“, sagt die Frau. Gerade für die Jüngeren seien das Gründe, wegzuziehen, zumal die Stadt in den letzten Jahren kaum investiert habe.

„Aber es ist Heimat. Über Jahrhunderte gewachsen“, sagt Kaulen. Für sie selbst ist so ein alter Ort kein Vergleich zu den neuen „aus dem Boden gestampften Umsiedlungsdörfern“, ohne Flair, ohne Atmosphäre, ohne die alten über 'zig Jahrzehnte gewachsenen Bäume. „Jetzt müssen die Menschen in Holzweiler sehen, dass die Stadt ein Zeichen setzt und investiert“, sagt sie. Vielleicht in die schöne alte Schule für die Vereine – wenngleich die Stadt ja an Planungen zur Dorfentwicklung arbeite.

Die Menschen am Tagebaurand haben gelernt, in großen Zeiträumen zu denken: In 70 Jahren wird Holzweiler am See liegen, am Tagebausee. „Da muss man sich rechtzeitig um einen „vernünftigen Zugang“ kümmern“, sagt die Frau, die selbst in der Führungsriege einer Stadtverwaltung arbeitet.

Gabi Clever muss viel kürzer denken. Sie gehört zu den letzten im Rheinischen Revier, die weg müssen. Ihr Einfamilienhaus in Kuckum hat sie mit ihrem Mann gebaut. Von der Terrasse guckt man auf den Pool im Garten. Für Wehmut hat sie keine Zeit: Ihr über 90 Jahre alter Vater will zügig am neuen Ort bauen, die beiden Kinder gehen mit und natürlich sie und ihr Mann.

Auf dem Wohnzimmertisch liegt der Plan mit den eingezeichneten Grundstücksparzellen am neuen Standort. Die Clevers hatten für Alternativ-Standort gestimmt – etwas ländlicher und mit älteren Häusern. Aber dafür gab es bei den Kuckumern keine Mehrheit. Die Clevers wollten auch wieder neben ihren jetzigen Nachbarn wohnen. Auch das hat nicht geklappt.

Das Grundstück, das sie sich ausgesucht haben, wollen noch acht andere aus Kuckum. Wer die stärksten Nerven hat, wartet. Und wer am Ende übrig bleibt, der bekommt das Grundstück. Zwei Mitbewerber sind schon abgesprungen. Das mit den starken Nerven ist nicht einfach so dahingesagt: „Die Leute haben Angst, dass RWE die Umsiedlung nicht bis zum Ende durchzieht“, sagt sie. Seit dem Zeitungsbericht damals vor drei Jahren, in dem es hieß, dass RWE ein vorzeitiges Ende des Braunkohleabbaus erwäge, seien die Leute nervöser geworden.

Da spielt es keine Rolle, dass sich RWE Power in einem Vertrag verpflichtet hat, die Umsiedlung der Ortschaften Keyenberg, Kuckum, Unter- und Oberwestrich und Berverath vollständig abzuschließen, wie es bei der Stadt Erkelenz heißt. Selbst wenn RWE den Kohleabbau frühzeitig stoppen würde.

Das Misstrauen bei den Betroffenen ist geblieben. Clever sagt: „Sie haben Angst, dass RWE die Umsiedlung auf halbem Weg stoppt und es dann fünf halbe alte und fünf halbe neue Dörfer gibt. Viele wollen jetzt ganz schnell in den neuen Ort.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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