Klimaschutz: Donald Trump pickt sich das schlimmste Szenario raus

Umstrittene Lobby-Studie: Trump pickte sich das schlimmste Szenario heraus

Bild vergrößern

Greenpeace-Aktivisten haben auf die US-Botschaft eine Trump-Silhouette und den Spruch: "Total Loser, so sad!" projiziert.

von Konrad Fischer

Als wichtigste Grundlage für seinen Ausstieg aus dem Klimaschutz-Vertrag von Paris wählt US-Präsident Donald Trump eine höchst einseitige Studie. Auf die Details hat er lieber verzichtet – stattdessen griff er sich aus den spekulativen Schätzungen noch die drastischste heraus.

Formell kann man den Beratern der Washingtoner Agentur Nera Consulting keine Vorwürfe machen. Auf die zweite Seite, noch vor die Einleitung ihrer Studie über die Folgen der weltweiten Klimaschutzpolitik auf den industriellen Sektor, stellen sie eine allgemeine Erklärung.

Es handele sich hier um „Projektionen basierend auf gegenwärtigen und historischen Daten“, die deshalb natürlich risikobehaftet seien. Die „Verantwortung für tatsächliche Ergebnisse oder zukünftige Entwicklungen könne man daher nicht übernehmen“.

Anzeige

US-Präsident Donald Trump scheint diese Seite überblättert zu haben. Als er am Donnerstagabend (MEZ) im Rosengarten des Weißen Hauses vor ein kleines Publikum und die Mikrofone der Welt trat, machte er die Berater Paul Bernstein, David Montgomery, Bharat Ramkrishnan und Sugandha Tuladhar zu den Kronzeugen seiner bisher weitreichendsten Entscheidung.

Das Pariser Klimaabkommen

  • Ziel

    Die Erderwärmung soll auf klar unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Die Vertragsstaaten sollten sich aber anstrengen, sie bei 1,5 Grad zu stoppen.

  • Hintergrund

    US-Präsident Donald Trump hat den Ausstieg seines Landes aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt. Die Ende 2015 beschlossene Vereinbarung ist ein Meilenstein im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Ein Überblick.

    Quelle:dpa

  • Wege zum Ziel

    Die Staaten wollen den Netto-Ausstoß ihrer Treibhausgase in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts auf Null bringen. Sie dürfen dann nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen, wie etwa mit Waldanpflanzungen aus der Atmosphäre gezogen wird. Dafür müsste die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas von 2050 bis 2070 enden.

  • Geld für Klimaschutz und Anpassung

    Von 2020 bis 2025 sollen die Industriestaaten jährlich 100 Milliarden Dollar (ca. 90 Milliarden Euro) für Entwicklungsländer bereitstellen. Für die Jahre danach soll es ein neues, höheres Ziel geben.

  • Verluste und Schäden

    Die Vertragsstaaten erkennen die Notwendigkeit an, ärmeren Staaten bei Verlusten und Schäden durch den Klimawandel zu helfen. Es soll ein Versicherungssystem aufgebaut werden.

  • Verbindlichkeit

    Entscheidende Teile der Vereinbarung sind völkerrechtlich verbindlich. Es gibt jedoch keine Strafen bei Nichterfüllung der Zusagen.

  • USA

    Nach China sind die USA der zweitgrößte Klimasünder. Trump wendet sich von der Klimapolitik seines Vorgängers ab. Bereits im März hob er Vorschriften zum Klimaschutz auf. Er will den „Clean Power Plan“ zum Abbau der Treibhausgase bis 2030 um 32 Prozent gegenüber 2005 überarbeiten lassen.

Er, Donald Trump, müsse „die Interessen der amerikanischen Bürger stets an erster Stelle vertreten“. Deshalb bleibe ihm kaum etwas anderes übrig, als hier und heute das Pariser Klimaabkommen zu verlassen. Denn, so zeige eben jene Studie: „Würden wir die Pariser Vereinbarungen umsetzen, würde das die Vereinigten Staaten bis 2025 2,7 Millionen Jobs kosten, 440.000 davon allein in der Industrie.“

Trump ist in der US-Klimapolitik nicht der einzige Akteur

  • Hintergrund

    US-Präsident Donald Trump hat den Abschied der USA aus dem Pariser Klimaabkommen angekündigt. Trotzdem: Die US-Regierung in Washington ist in der amerikanischen Klimapolitik bei weitem nicht der einzige Akteur.

    Drei große Akteure können von der Bundesregierung unabhängige, eigene Wege gehen und haben dies auch schon angekündigt: Es sind die Wirtschaft, Bundesstaaten und die großen Städte.

    Quelle:dpa

  • Die Wirtschaft

    Großunternehmen wie General Electric, Coca-Cola oder Apple - sie alle wollen sich an höhere Klimaziele halten, sogar der Energiegroßanbieter Exxon, dem einst der heutige Außenminister Rex Tillerson vorstand. Die Aktionärsversammlung entschied, das Geschäft stärker am Klimaschutz auszurichten. Die Branche der erneuerbaren Energien beschäftigt in den USA mehr Menschen als die der fossilen. Und gerade Technologie-Unternehmen wie Facebook oder Google fordern von den Energieversorgern Strom aus erneuerbaren Energien.

  • Bundesstaaten

    Neben Kalifornien mit seinen allein 40 Millionen Einwohnern gibt es noch eine Reihe anderer Bundesstaaten, die sich stärker in die internationale Klimapolitik einbringen wollen. Darunter sind Oregon oder Hawaii, aber auch Washington und New York. Kalifornien hat 2016 ein Gesetz mit den USA-weit strengsten Treibhausgasauflagen verabschiedet. Der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase soll bis 2030 um mindestens 40 Prozent verglichen mit 1990 sinken.

  • Große Städte

    Allein sechs große US-Städte haben ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie sich zum Pariser Abkommen bekennen - 21 Millionen Menschen leben dort. Unterzeichnet haben etwa die Bürgermeister von New York, Chicago, Orlando und Los Angeles. Sie haben ihr Dekret als offenen Brief 71 Bürgermeistern zur Unterschrift vorgelegt. In Amerikas Städten leben 80 Prozent der Bevölkerung.

Bei Nera dürfte man sich verwundert die Augen gerieben haben. Einerseits, weil die Studie, die bereits im März im Auftrag der US-Handelskammer und eines Thinktanks erstellt wurde, plötzlich so viel Aufmerksamkeit findet. Als Nera sie vor drei Monaten veröffentlichte, interessierte sich kaum jemand für die Schätzung. Schließlich wusste die amerikanische Öffentlichkeit, was von solchen Zahlen zu halten ist.

Nera hat in der Vergangenheit oft für amerikanische Industrieverbände gearbeitet. Auch wenn die Studien meist methodisch solide daher kommen, so ist sich der Leser doch stets bewusst: Hier wird ein Interesse vertreten. So weit, so bekannt. Wenn in Deutschland die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft eine Studie zum Nutzen der Deregulierung veröffentlicht, weiß auch jeder, zu welchem Ergebnis sie wohl kommen wird.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%