Unruhen in Marokko: Gibt es einen neuen arabischen Aufstand?

Unruhen in Marokko: Gibt es einen neuen arabischen Aufstand?

, aktualisiert 20. Juni 2017, 21:20 Uhr
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Rif ist seit jeher ein Ort von Aufständen. Doch dieses Mal geht der Protest weit über die Grenzen der Region hinaus.

von Sandra LouvenQuelle:Handelsblatt Online

Seit Monaten demonstrieren in Marokko Tausende für mehr soziale Gerechtigkeit. Ausgelöst hat die Proteste der Tod eines Fischverkäufers – ähnlich begann 2011 der arabische Frühling. Die Sorge vor einem Aufstand wächst.

MadridMarokko gehört eigentlich zu den wenigen stabilen Staaten in Nordafrika. Doch jetzt brodelt es selbst dort: Seit Monaten demonstrieren Bewohner der vernachlässigten Gebirgsregion Rif für mehr soziale Gerechtigkeit, eine bessere Gesundheitsversorgung und eine eigene Universität.

Die Region ist seit jeher ein Ort von Aufständen. Doch dieses Mal geht der Protest weit über die Grenzen des Rif hinaus. Große Teile der Bevölkerung solidarisieren sich mit den Einwohnern, von denen die meisten Imazighen sind, also Berber. Anfang Juni gingen bei einer Demo in der Hauptstadt Rabat rund 15.000 Menschen auf die Straße. Es war der größte Protestmarsch seit Beginn des arabischen Frühlings im Jahr 2011.

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Dennoch markiert er keine Neuauflage der Aufstände von damals. „Hier braut sich keine Revolution zusammen“, sagt Hicham Arroud, Menschenrechtsaktivist in Rabat. „Die Marokkaner fordern keinen politischen Wandel, sondern mehr soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit.“

Der arabische Frühling hat Marokko nur gestreift: König Mohammed VI. änderte auf Druck der Straßenproteste die Verfassung und gab Macht an das Parlament ab. Damit besänftigte er die Aufständischen. Doch trotz dieser Öffnung spreizt sich in Marokko die Schere zwischen arm und reich immer weiter. Ein Viertel der Jugendlichen ist arbeitslos, selbst Hochschulabsolventen finden keinen Job. Obwohl es teils strenge staatliche Kontrollen gibt, herrschen vielerorts weiterhin Günstlingswirtschaft und Korruption.

Auch im Nachbarland Tunesien, in dem der arabische Frühling begann und zum Sturz des damaligen Diktators führte, brodeln soziale Unruhen. Im Mai musste das Militär Öl- und Gasproduktionen im Süden des Landes sichern. Dort hatten Demonstranten eine stärkere Teilhabe an den Rohstoffeinnahmen gefordert und mit Sitzblockaden den Zugang zu den Unternehmen blockiert. Einen direkten Zusammenhang zwischen den Protesten beider Länder sehen Experten aber nicht.

In Marokko hat die Polizei bislang 180 Demonstranten verhaftet. „Der Staat zeigt nicht die geringste Bereitschaft zum Dialog mit den echten Aktivisten auf der Straße“, kritisiert Menschenrechtler Arroud. „Die Regierung bevorzugt den Dialog mit den lokalen Abgeordneten, doch die sind Teil des Problems und nicht Teil der Lösung.“ Die Polizei, so erzählt er, sei sehr präsent und dringe oft mit Gewalt in Häuser ein, um Demonstranten willkürlich zu verhaften.

Die offizielle Lesart ist freilich eine andere – verhaftet werden diejenigen, die Steine werfen oder die öffentliche Ordnung stören. So wie Nasser Zafzafi, Anführer des Rif-Protests, der seit Ende Mai in Haft sitzt. Sein Vergehen: Er hatte in einer Moschee das Freitagsgebet gestört.


„Viele blicken mit Horror auf Länder wie Libyen und Jemen“

Die Rif-Region an der Nordküste Marokkos besteht vor allem aus Gebirge und ließ sich immer schon schwer kontrollieren. In den 20er Jahren war sie kurz unabhängig, wurde dann aber mit Giftgasangriffen den Spaniern unterworfen. Weitere Aufstände 1958 und 1984 wurden ebenfalls blutig niedergeschlagen. Diese Vergangenheit wirkt in den Köpfen der Bewohner nach.

Die aktuellen Proteste brachen im Oktober in der Kleinstadt Al-Hoceima aus, als der Fischhändler Mohsin Fikri starb. Der 31-Jährige war seiner Ware in einen Müllcontainer hinterher gesprungen, nachdem die Polizei den Fang beschlagnahmt hatte und entsorgen wollte. Bis heute ist unklar, ob es ein Unfall war, dass Fikri dabei samt Fisch zerquetscht wurde oder Absicht.

Die Regierung verhaftete elf Verdächtige, der Innenminister eilte in die Region, versprach lückenlose Aufklärung sowie eine Milliarde Euro an Investitionen. Doch die meisten in der Region trauen dem Staat nicht. Fikris Tod symbolisiert für sie wie für viele im Land die Ohnmacht des kleinen Mannes gegenüber ungerechten Institutionen – „Hogra“ nennen das die Marokkaner.

Es gesellt sich zu dem Frust über fehlende Jobs und damit der Möglichkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen. „In der Rif-Region kann man legal kaum Geld verdienen“, sagt ein Beobachter in Rabat. Verschiedene Versuche, internationalen Tourismus in der malerischen Region am Mittelmeer anzusiedeln, sind gescheitert.

Ihren Urlaub verbringen dort fast nur die Rif-Marokkaner, die heute im Ausland leben. Zu den wichtigsten Einnahmequellen der Region gehören Haschisch-Anbau und illegaler Fischfang. Staatliche Kontrollen der Fangquoten werden meist gegen Bestechungsgelder umgangen. „Die Regierung ließ das jahrelang geschehen, weil sie wusste, dass sie den Leuten dort keine Alternative bieten kann“, heißt es in Rabat.

Es war ein stillschweigendes Abkommen – bis Fischhändler Fikri starb. Sein Fall erinnert an die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunesien, nachdem die Polizei dessen Ware beschlagnahmt hatte. Sein Tod führte zu landesweiten Protesten, die zum Sturz des damaligen tunesischen Diktators führten und den Arabischen Frühling in der gesamten Region einläuteten.

Doch so schwer das Leben für viele Marokkaner auch ist, so froh sind sie doch über ihre stabile, halbwegs demokratische Ordnung. „Viele blicken mit Horror auf Länder wie Libyen und Jemen und denken ‚ohne unseren König würde es uns genauso gehen‘“, heißt es in Rabat.

Vieles, so erwarten Beobachter, hänge nun davon ab, wie die Gerichtsverfahren gegen die inhaftierten Demonstranten ausgehen. Die Regierung sei sich bewusst, dass drakonische Strafen die angeheizte Stimmung weiter anfachen würden. Mit Sorge blicke man in Rabat auf den Sommer, wenn die Auslands-Marokkaner in die Rif-Region reisen. Die meisten seien friedlich und schlicht besorgt um ihre Familien, aber einige würden die Proteste auch mittragen und könnten versuchen, den Konflikt weiter anzuheizen, fürchtet man in Rabat.

Quelle:  Handelsblatt Online
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