Unternehmer Weiss : Ex-BDI-Chef warnt vor Zerbrechen der Währungsunion

Unternehmer Weiss : Ex-BDI-Chef warnt vor Zerbrechen der Währungsunion

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Heinrich Weiss

von Reinhold Böhmer, Malte Fischer und Andreas Wildhagen

Der Unternehmer und Ex-Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Heinrich Weiss, über die gefährliche Schicksalsgemeinschaft des Euro und die drohende Transferunion.

WirtschaftsWoche: Herr Weiss, Sie als Unternehmer und Exporteur liefern Ihre Hüttentechnik in alle Welt. Brauchen Sie den Euro überhaupt?

Weiss: Als Bürger dieses Landes bin ich für unser Volk in Alarmstimmung. Ich habe die größte Sorge um die Einheit unserer Währung und mittelfristig um die Preisstabilität. Als Exporteur könnte ich natürlich zurzeit noch ganz zufrieden sein mit einem schwachen Euro. Denn wir bestreiten über 70 Prozent unseres Umsatzes in Nicht-Euro-Ländern, und da hilft der aktuelle Euro-Kurs natürlich. Wenn die Politik weiterhin die abgeschlossenen Verträge zur gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion missachtet oder bricht, ist die Katastrophe nah.

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Welche Entwicklung ängstigt Sie denn zurzeit am meisten?

Der Euro ist gegen alle historischen, politischen und volkswirtschaftlichen Erfahrungen als ein Hebel für die politische Einigung eingeführt worden. Dazu ist die Währung das falsche Instrument. Bei allen gelungenen Währungsunionen in der Vergangenheit kam erst der Handel, dann die politische Einigung und zum Schluss die gemeinsame Währung.

Es hat doch durchaus politische Einigungsschritte gegeben, etwa den Vertrag von Maastricht im Jahr 1992, in dem sich die Mitgliedsländer auf Stabilitätsvorgaben für ihre Haushalte einigten, oder den Vertrag von Lissabon 2007 zur Reform der EU-Institutionen. Es ist doch damit versucht worden, eine politische Einigung herbeizuführen.

Ja, und das ist gründlich misslungen. Es gibt keine koordinierte Wirtschaftspolitik wie in den Maastrichter Verträgen vereinbart. Und von einer gemeinsamen Finanz-, Außen- oder Sicherheitspolitik sind wir weit entfernt. Die Kredite an die hoch verschuldeten Länder werden wahrscheinlich zu Dauersubventionen und damit zur Nivellierung des Wohlstandes der Bürger zwischen Nord und Süd führen. Das wird dann in Europa so funktionieren wie bei uns in Deutschland der Länderfinanzausgleich, der keinen Anreiz für die schwächeren Bundesländer enthält, sich anzustrengen und auf eigenen Füßen zu stehen.

Das wäre eine Neuauflage des sogenannten Kohäsionsfonds, bei dem von 1998 bis 2004 rund 500 Milliarden Euro von den reichen zu den ärmeren Regionen innerhalb der EU umverteilt wurden. Was wäre schlecht an einer Wiederholung?

Die Wirkung sieht man an den großzügigen Straßen auf Mallorca oder den Brückenprojekten in Portugal. Die Wirtschafts- und Währungsunion wurde aber nicht mit der Absicht vereinbart, dass die stärkeren die schwächeren Länder auf Dauer subventionieren. Außerdem gibt es deutliche Mentalitätsunterschiede: Die „nördlichen“ Länder sind im Durchschnitt leistungsbereiter und für eine stabile Währung, während die „südlichen“ weniger leisten wollen und eine höhere Inflation tolerieren.

Für diese Behauptung würden Ihnen sicher viele Spanier oder Italiener ins Gesicht springen.

Ich sage dies bewusst zugespitzt und vereinfacht: Selbstverständlich ist zum Beispiel die norditalienische Wirtschaft stark, ähnlich wie die deutsche. Einer unserer bedeutendsten Konkurrenten Danieli sitzt in Udine und betreibt von dort erfolgreich ein weltweites Geschäft. Auch die französische Wirtschaft ist in vielen Bereichen stark. Aber wir Deutschen wissen, dass Inflation die unsozialste Politik ist, weil gerade der einfache Bürger ohne Sachvermögen sein Geld verliert und betrogen wird. Wenn wir Deutschen über den Euro in eine höhere Inflation und in die Dauersubvention der EU-Nachbarn geraten, werden radikale Politiker den Austritt aus der gemeinsamen Währung fordern und damit eine wirtschaftliche und politische Katastrophe heraufbeschwören.

Und diese Einsicht ist anderen Regierungen nicht zu vermitteln?

Weiss: Das Hauptproblem ist der Vertrauensverlust durch die vielen Brüche der EU-Verträge. Die Regierungen der beiden großen Länder Frankreich und Deutschland haben ein schlechtes Beispiel gegeben, indem sie selbst die Konvergenzkriterien gebrochen und damit die kleineren Länder zum Nachmachen ermuntert haben. Politisch sind wir heute ohnehin weiter auseinander als zu Beginn der Währungsunion. Der Zug der EU und des Euro ist abgefahren, ein Zurück zur Mark kann es wohl nicht mehr geben.

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